Wann die Nationalität eine Rolle spielt

Immer wieder stellt sich die Frage: Dürfen Redaktionen die Herkunft von Straftätern oder Verdächtigen nennen oder dürfen sie das nicht?

Festnahme eines Verdächtigen.

(nt/az) Nach wie vor ist die 2017 präzisierte Richtlinie 12.1 zur Berichterstattung über Straftaten Thema medienethischer Diskussionen. Das hebt Presserats-Geschäftsführer Lutz Tillmanns in seiner Jahresbilanz hervor. Die Nationalität soll in der Regel nicht erwähnt werden, es sei denn, es besteht ein begründetes öffentliches Interesse.

Für die Einordnung, wann ein solches öffentliches Interesse gegeben ist, hätten sich die 2017 herausgegebenen Leitsätze zur Richtlinie 12.1 als hilfreich erwiesen, betont Tillmanns. So akzeptierten die Ausschüsse die Nennung der Herkunft, wenn die Täterin oder der Täter die Struktur der Herkunftsgruppe nutzte (zum Beispiel Clan-Kriminalität) oder der Zusammenhang zwischen Form und Häufigkeit einer Straftat und der Gruppenzugehörigkeit Gegenstand der Berichterstattung war (beispielsweise Drogenhandel an bestimmten Plätzen). Bei Diebstahl oder Kleinkriminalität sei die Erwähnung der Herkunft von Straftätern dagegen nicht von öffentlichem Interesse.

Außerdem sanktionierte der Presserat Berichte, in denen die Nationalität zwar grundsätzlich genannt werden durfte, aber unnötig hervorgehoben wurde. So erteilten die Mitglieder einen Hinweis für einen Artikel über den Mord an einer Schülerin im pfälzischen Kandel. Die Redaktion hatte hier fünf Mal erwähnt, dass der Tatverdächtige Afghane sei. Angesichts der Dimension des Verbrechens liegt die Nennung der Nationalität nach Auffassung des Presserats zwar im öffentlichen Interesse, allerdings nicht in dieser Häufigkeit.

Weiterhin besteht Tillmanns zufolge in den Redaktionen Verunsicherung darüber, ob sie die Nationalität nennen dürfen, wenn diese bereits in Polizeimeldungen erwähnt wird. Der Presserat sieht hier die presseethische Verantwortung bei den Redaktionen, die Herkunft nicht zu nennen, wenn kein öffentliches Interesse vorliegt. Journalisten sollten diese Entscheidung bestenfalls transparent machen.

Info:

Immer mehr Sammelbeschwerden

2018 gab es "auffällig viele" Sammelbeschwerden, darauf weist in seinem Bericht zur Arbeit des Deutschen Presserats dessen Geschäftsführer Lutz Tillmanns hin. Das bedeutet: Wegen eines Artikels wandten sich gleich mehrere Leser an das Selbstkontrollorgan. Allein 48 beschwerten sich laut der kürzlich vorgelegten Bilanz über einen Kommentar zu einer veganen Kita, 28 wegen eines Berichts über einen Lehrstuhl für alternative Heilverfahren und 26 kritisierten einen Artikel über die Krebserkrankung der Ehefrau des syrischen Machthabers Assad. Insgesamt gingen 382 solcher Beschwerden zu 74 Berichten ein - im vergangenen Jahr waren es nur 166 zu 54 Artikeln.

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