Es ist gar nicht so einfach, in der Welt der Reichen zu bestehen, wenn man selbst nicht mit einem silbernen Löffel im Mund geboren wurde. Auch nach 20 Jahren an der Seite eines erfolgreichen Wirtschaftscoaches hat Nelly Probleme, die Codes ihrer wohlhabenden Freundinnen zu verstehen. Warum etwa darf man einen Nerz zu Turnschuhen tragen, aber nicht zum Abendkleid? Wieso kann man mit einem Cartier-Collier zwar auf den Bayreuther Festspielen glänzen, aber auf keinem Fall im heimischen Stadttheater?
Diese und andere weltbewegende Fragen stellen Nelly immer wieder vor Rätsel und zeigen ihr, dass sie trotz aller äußeren Attribute nicht so richtig dazugehört. So ist das eben, wenn man aus einem Wirtshaus in der tiefsten Provinz stammt und keinen Beruf gelernt hat. Als einzige im Club der reichen Schulmuttis ist Nelly „nur“ Hausfrau - und auch noch glücklich damit.
In ihrem neuesten Roman „Eine von uns“ erzählt Bestsellerautorin Amelie Fried eine moderne Aschenbrödel-Geschichte. Ein armes, aber sehr hübsches Mädchen lernt durch glückliche Umstände einen Märchenprinzen kennen, der sie in eine Glitzerwelt entführt, in der Geld keine Rolle spielt.
Ein Leben im XXL-Format
Tom liest seiner Frau und den beiden Töchtern Cleo und Emma nahezu jeden Wunsch von den Augen ab. Nelly kann sich auf Haushalt und Kindererziehung konzentrieren, die Mädchen dürfen teure Privatschulen besuchen und ihre Allüren oder Psychosen pflegen. Es ist ein Leben im XXL-Format, das Nelly in ihrem Videoblog „Happy wife, happy life!“ für ihre Followerinnen aufdringlich in Szene setzt.
Dann allerdings kippt die kitschige Aschenbrödel-Geschichte ins Tragische. Durch einen Verkehrsunfall wird Tom von einem Tag auf den anderen arbeitsunfähig und zum Pflegefall. Für die Familie beginnt damit ein Albtraum.
Denn nicht nur das ungewisse Schicksal des Vaters und einzigen Ernährers hängt wie ein Damoklesschwert über ihnen, Nelly muss auch die fatale Entdeckung machen, dass sie jahrelang in einer Art „Truman Show“ lebten - also vergleichbar mit dem Dasein der Filmfigur Truman Burbank, der lange unwissentlich sein Leben in einer inszenierten Welt verbringt. Genauer gesagt: Nellys Mann hatte ihr eine Scheinwelt vorgegaukelt.
In einem Akt der Verzweiflung versucht sie dem drohenden finanziellen Kollaps zu entkommen und setzt alles auf eine Karte. Doch damit beschleunigt sie nur die rasante Talfahrt.
Kein sozialkritischer Roman, aber gute Unterhaltung
Der Roman erzählt von sozialer Ungleichheit, Emanzipation und wirklichen Werten, die ein Leben erfüllend machen. Die drei weiblichen Hauptfiguren Nelly, Cleo und Emma machen jede auf ihre Weise einen mehr oder weniger bitteren Selbstfindungsprozess durch, an dessen Ende sie zwar materiell ärmer, aber innerlich reicher und krisengestählter dastehen.
Obwohl wichtige gesellschaftliche Probleme angesprochen werden wie das Auseinanderdriften von Arm und Reich, die Gefahren von Social Media oder Kryptowährungen kann man nicht von einem sozialkritischen Roman sprechen. Dazu ist das Ganze dann doch zu klischeebehaftet, plakativ und märchenhaft. Wer sich daran nicht stört, wird sich gut unterhalten sehen.
© dpa-infocom, dpa:260311-930-799114/1













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