14.02.2026 - 09:31 Uhr

Neues von „Mr. Europa“: Menasse-Novelle „Lebensentscheidung“

Zwischen Brüssel und dem Wiener Familiengrab: Robert Menasse erzählt in seinem neuen Werk, wie ein europäisches Leben an einer Entscheidung hängt – und an einer zweiten, die niemand selbst trifft.

Dass seine Novelle gerade in Brüssel beginnt, ist bei Menasse alles andere als Zufall. (Archiv) Bild: Matthias Röder/dpa
Dass seine Novelle gerade in Brüssel beginnt, ist bei Menasse alles andere als Zufall. (Archiv)

Dass seine neue Novelle gerade in Brüssel beginnt, ist bei Robert Menasse alles andere als Zufall. Der 1954 in Wien geborene Autor hat sich in den vergangenen Jahrzehnten zu einer Art „Mr. Europa“ entwickelt – nicht als Sonntagsredner, sondern als Romancier, Essayist und beharrlicher Kritiker des Nationalstaats.

In „Die Lebensentscheidung“ kondensiert dieser große Europa-Stoff nun in eine Novelle: Menasses Protagonist ist EU-Beamter in Brüssel. Büro mit zwei Fenstern, ein Ficus im Eck und eine Urkunde an der Wand. An einem Wintertag, während draußen Traktoren das Europaviertel lahmlegen und der Green Deal weichgespült wird, zieht dieser Franz Fiala die Reißleine: Er kündigt seinen Job bei der Kommission.

Doch zurück in Wien merkt er schnell: Das Leben lässt sich nicht so einfach per Formular in den vorgezogenen Ruhestand verabschieden. Zwischen einer Beziehung in Brüssel, der klugen alten Freundin Feli und einer 89-jährigen Mutter, die ihn noch immer als ihr Bildungsversprechen betrachtet, gerät seine schöne Idee vom stressfreien zweiten Lebensabschnitt ins Rutschen. Nach seiner ersten „Lebensentscheidung“ steht er bald erneut an einer Wegscheide.

Kein Held der großen Bühne

Fiala ist kein Held der großen Bühne, sondern ein kleinbürgerlicher Aufsteiger, dessen Lebensbilanz zwischen Schreibtisch in der Generaldirektion Umwelt, der kleinen Garçonnière in der Wiener Innenstadt und der übervollen Bücherwand der Mutter gezogen wird. „Fiala ist kein Held, er ist ein Mensch“, beschreibt Menasse die Figur. „Weil bei ihm am Ende Empathie das naheliegende Selbstmitleid besiegt.“

Erzählt wird das mit feinem, oft trockenem Humor, mit liebevoll bösen Beobachtungen – vom EU-Fenster-Hierarchiesystem bis zur Wiener Würstel-mit-Saft-Trauerkultur – und mit Dialogen, in denen sich Figuren wie die bildungshungrige Mutter, Feli, Nathalie oder der rätselhafte Cousin Felix mit wenigen Strichen einprägen. 

Die politische Satire auf Protestbauern, populistische Medien und ängstliche Kommissionsspitzen bildet dabei nur die erste Oberfläche des Textes – darunter liegen die Fragen nach Herkunft, Loyalität und dem Preis eines überzeugten europäischen Lebens.

Etwa zur Hälfte vollzieht die Novelle dann eine markante Wendung: Auf die freiwillige Lebensentscheidung – den Abschied von Brüssel – folgt die zweite Zäsur. Eine Veränderung, die Fialas Existenz radikaler erschüttert als die Kündigung. 

Menasse inszeniert einen Wettlauf

Von hier an verschiebt sich die Erzählung vom politischen und beruflichen Neuanfang zu einem Wettlauf mit der Zeit: Kann man über sein Leben entscheiden – nicht über das Ende, aber über das Weiterleben, länger, als es die Erwartungen und Wahrscheinlichkeiten vorsehen? Menasse inszeniert diesen Wettlauf als sehr privaten Konflikt zwischen Liebe, Verantwortung und Selbstbehauptung.

Gerade in dieser existenziellen Zuspitzung zeigt sich, wie eng Menasses literarisches Erzählen mit seiner europäischen Überzeugung verbunden bleibt. Nach Jahren in Brasilien kam er „als Europäer“ nach Wien zurück, sah die EU als historischen Geniestreich gegen den Nationalismus und hat in Büchern wie „Der Europäische Landbote“, „Die Hauptstadt“ (Deutscher Buchpreis 2017) und „Die Erweiterung“ (Europäischer Buchpreis 2023) den inneren Betrieb der Union so genau wie lustvoll seziert.

Die „Buddenbrook-Falle“

Er fürchtet dabei die von ihm so genannte „Buddenbrook-Falle“ – eine EU, die von der aufbauenden zur verwaltenden und schließlich zur zerstörerischen Generation durchgereicht wird – und schreibt gegen diese Entwicklung an.

Am Ende gelingt ihm eine kompakte, kunstvoll gebaute Erzählung darüber, wie europäische Geschichte, politische Überzeugung und familiäre Bindungen in einem einzelnen Leben aufeinanderprallen – und wie wenig planbar der Moment ist, in dem eine Entscheidung wirklich zur Lebensentscheidung wird.

Menasse: Alles andere als Novelle ausgeschlossen

Aber warum eine Novelle, warum kein Roman? „Das ist ein geradezu klassischer Novellenstoff“, erklärt Menasse im Gespräch der Deutschen Presse-Agentur. Nach der Ausgangssituation werde versucht, diese zu ordnen, dann komme der Moment, der alles auf den Kopf stelle. „Ich habe daraufhin zwei Monate nichts geschrieben, nur klassische Novellen gelesen, um ein Gefühl für diese Form zu bekommen“, sagt Menasse. „Und dann war eine andere Form, Erzählung oder Roman, für mich völlig ausgeschlossen.“

© dpa-infocom, dpa:260214-930-685961/1

 
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