Abschied aus dem Europäischen Parlament: Albert Deß ist erleichtert

Mit 72 Jahren ist für Albert Deß Schluss: Der Politiker aus Neumarkt verabschiedet sich aus dem Europäischen Parlament. Wehmütig ist er deswegen ganz und gar nicht.

Albert Deß im Europa-Parlament in Straßburg.
von Elisabeth Saller Kontakt Profil

Seit 2004 saß Albert Deß aus Röckersbühl bei Neumarkt im Europa-Parlament. Bei der Wahl am 26. Mai tritt der CSU-Politiker nun nicht mehr an. Damit verlässt ein agrarpolitischer Riese das Gremium. Zum Abschied von Brüssel und Straßburg spricht er mit Redakteurin Elisabeth Saller über Erfolge und Misserfolge, einen Streit mit Horst Seehofer um einen Listenplatz und über seinen Nachfolger.

ONETZ: Sind Sie etwas wehmütig, weil Sie das Europäische Parlament bald verlassen und in Ruhestand gehen?

Nein, überhaupt nicht. Ich habe das vor gut einem Jahr entschieden und freue mich jetzt auf einen neuen Lebensabschnitt. Ich bin seit fast 29 Jahren in der Politik unterwegs. Letztes Jahr habe ich mit meiner Frau das 50. Ehejubiläum gefeiert. Da hat sie gesagt: "Eigentlich ist es erst das 25., denn 25 Jahre warst du ja unterwegs."

ONETZ: Die Landwirtschaft verliert mit Ihnen einen großen Fürsprecher.

Das kann man so sagen. Aber ich habe Marlene Mortler [aus Lauf an der Pegnitz, Anmerkung der Redaktion] überzeugen können, sich aufstellen zu lassen. Im Moment ist sie noch agrarpolitische Sprecherin der CSU im Bundestag. Wenn die CSU im Europa-Parlament wieder sechs Plätze erhält, ist aus Bayern wieder eine Landwirtin vertreten. Und die kennt sich aus.

ONETZ: Ihr Nachfolger wird wahrscheinlich Christian Doleschal...

Christian Doleschal hat bei der letzten Europawahl bereits auf der Liste kandidiert und mich gefragt, ob ich wieder antrete. Wir haben in sehr freundschaftlicher Art und Weise die "Stabsübergabe" gemacht. Er kandidiert auf Platz 5 für die Oberpfalz und hat gute Chancen, in das nächste Europaparlament einzuziehen. Ich wollte schon letztes Mal nicht mehr antreten, aber Manfred Weber hat mich damals gebeten, noch nicht aufzuhören.

ONETZ: Haben Ihnen die vergangenen fünf Jahre trotzdem gefallen?

Es waren agrarpolitisch fünf interessante Jahre. Wir haben die Agrarreform, die 2013 beschlossen wurde, 2016 komplett umgesetzt. Über eine Sache habe ich mich besonders geärgert: 2018 ging es um ein Verbot für Pflanzenschutz auf ökologischen Vorrangflächen. Ich war dagegen, damit auf diesen Flächen der Anbau von Blühpflanzen weiterhin möglich gewesen wäre. Obwohl 363 Abgeordnete aus allen Fraktionen mit mir stimmten, wurde das Verbot angenommen – nur 13 Stimmen fehlen zur notwendigen Mehrheit. – Beschäftigt hat uns in der letzten Zeit allerdings auch der Brexit.

ONETZ: Und was war Ihr größter Erfolg?

Für mich war es eine große Anerkennung, dass ich in der größten Fraktion seit 2009 Sprecher für Agrarpolitik bin. Ich habe in diesem Amt einen größeren Einfluss als ein nationaler Agrarminister. Als agrarpolitischer Sprecher fühlte ich mich immer für über zehn Millionen Landwirte in der EU verantwortlich. Was interessant ist: Im Agrarausschuss wird weniger ideologisch diskutiert als zum Beispiel im Umweltausschuss.

ONETZ: Werden Sie das Reisen zwischen Straßburg, Brüssel und der Oberpfalz vermissen?

Das Reisen nach Straßburg und Brüssel ist schon ein Aufwand. Es sind 668 Kilometer von Neumarkt nach Brüssel, nach Straßburg 360 Kilometer.

ONETZ: Was werden Sie dann vermissen?

Als ehemalige Abgeordneter kann ich jederzeit nach Brüssel und Straßburg, wir haben ein lebenslanges Zugangsrecht zum Parlament, das habe ich allerdings auch beim Bundestag. Ich gebe die Verantwortung in andere Hände ab und hoffe, dass sie gut fortgeführt wird.

Zur Person:

Albert Deß ist am 17. April 1947 in Röckersbühl bei Neumarkt geboren und lebt noch heute dort. Seit 2004 ist er Mitglied des Europäischen Parlaments für die CSU. Deß ist in Brüssel und Straßburg agrarpolitischer Sprecher der EVP-Fraktion und Mitglied im Ausschuss für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung. Bei der Europa-Wahl am 26. Mai kandidiert er nicht mehr. Bevor Deß ins Europa-Parlament einzog war er von 1990 bis 2004 Mitglied des Bundestags. Er war zudem zweiter Bürgermeister von Berngau und stellvertretender Landrat von Neumarkt.

Der Politiker ist verheiratet, hat vier Kinder und sieben Enkel. Deß ist ausgebildeter Landwirtschaftsmeister, sein Bauernhof 42 Hektar groß. Diesen hat er vor fünf Jahren an seinen jüngsten Sohn übergeben. Das Motorradfahren ist Deß’ zweite Leidenschaft.

ONETZ: Sie waren schon immer etwas aufmüpfig, zum Beispiel als es um einen Listenplatz bei der Europawahl 2009 ging.

Bei der Wahl 2004 hatte ich Platz 5, bei der Wahl 2009 war Platz 8 vorgesehen. Damals war Horst Seehofer erst seit kurzem Ministerpräsident und CSU-Chef. Er hatte das so vorgeschlagen und mir am Tag vor der Abstimmung gesagt, ich solle das akzeptieren. Das habe ich nicht und trat an – in einer Kampfabstimmung kam ich dann auf Platz 5. Das war schon ein Paukenschlag.

ONETZ: Standen Sie dann mit Seehofer auf Kriegsfuß?

Nein, in einer Demokratie gehört es dazu, dass man mal verliert und mal gewinnt. Wenn man nicht antritt, hat man schon verloren. Wir haben danach auf sachlicher Ebene gut zusammengearbeitet.

ONETZ: Wie kamen Sie eigentlich zur Politik?

Als ich 15 Jahre alt war, gab es in Neumarkt eine politische Quizveranstaltung. Da ging es um Europa und mein Team hat gewonnen: Eine Fahrt zum Europa-Parlament in Straßburg. Zu dieser Zeit gab es keine gewählten Abgeordneten, sie wurden von den Ländern entsandt. Damals erkannte ich: Europa ist das größte Friedensprojekt, das es in der Geschichte je gegeben hat. Dafür lohnt es sich, sich zu engagieren.

ONETZ: Wie gefährdet ist das Projekt Europa, gerade wenn national-populistische Kräfte stärker werden?

Ich sehe es nicht direkt gefährdet. Aber es liegt an der Bevölkerung, bei der Wahl sich nicht für diese Kräfte zu entscheiden. Ich sehe aber auch, dass sich wieder mehr Menschen für Europa interessieren.

ONETZ: Sie haben eine streitbare Einstellung zum Klimawandel.

Klimawandel hat es schon immer gegeben: 1930 war es wärmer, 1960 kälter. Alle Experten beginnen ihre Vergleiche bei 1960, würden sie frühere Zahlen nehmen, wären die Unterschiede kleiner. Ich habe schon immer gesagt, dass man mit endlichen Ressourcen sparsam umgehen muss. Bereits 1988 haben wir einen Verein gegründet und recyclebares Verpackungsmaterial hergestellt, aber das war zu teuer. Das war schon lange, bevor es die Grünen überhaupt gab, die heute so tun, als wären sie die einzigen, die das Thema Umweltschutz auf der Agenda haben.

ONETZ: Was ist mit dem Meeresspiegel, der steigt? Manche Inseln könnten untergehen.

Fahren Sie nach Catania, da sind alte Hafenanlagen, die heute einen Meter über dem Meeresspiegel liegen. Also lag der Meeresspiegel früher schon mal einen Meter höher.

ONETZ: Wie sehen Sie die Schüler, die bei „FridaysForFuture“ gegen den Klimawandel demonstrieren?

Das Thema auf die Straße zu gehen, ist das eine. Besser wäre es, wenn jeder sich selbst an der Nase nimmt: Jedes Jahr ein neues Handy, Reisen mit dem Flugzeug, mit dem Eltern-Taxi jeden Tag zur Schule, in der Hand den „Coffee-to-go“ – da könnte jeder bei sich selbst anfangen. Ich würde mich freuen, von den Jugendlichen ein Zeichen zu sehen, wo sie selbst bereit sind, persönliche Veränderungen zugunsten der Umwelt vorzunehmen.

Termin-Marathon für Albert Deß:

Wie läuft eine Woche als Europaparlamentarier ab? Der Oberpfälzer Abgeordnete Albert Deß öffnet seinen Terminkalender (Sonntag bis Donnerstag, 24. bis 28. März):

„Am Sonntag um etwa 15 Uhr fahre ich nach Brüssel oder Straßburg. Die meisten Kollegen kommen erst am Montag an. Aber als Sprecher nutze ich den Montag zum Vorbereiten. Am Montag um 16 Uhr ist Fraktionssitzung, um 17 Uhr beginnt das Plenum, das geht bis 23 Uhr. Um 18 Uhr treffe ich mich mit einer Wirtschaftsgruppe. Es gibt immer wieder Veranstaltungen, die parallel laufen.

Am Dienstag um 8 Uhr tagt die deutsche Gruppe, um 9 Uhr trifft sich die Umweltarbeitsgruppe, um 10 Uhr kommt der Deutsche Bauernverband, um 11 Uhr ist eine Pressekonferenz, um 12 Uhr Abstimmung im Plenum. Um 13 Uhr trifft sich die CSU-Europagruppe, um 15 Uhr die CDU/CSU-Gruppe, um 15.30 Uhr bin ich mit einem Kollegen verabredet, um 16 Uhr mit Agrarkollegen aus Deutschland, Österreich und Südtirol. Um 17 Uhr sind Abstimmungen, das Plenum tagt bis 23 Uhr, um 18.30 Uhr ist Fraktionssitzung.

Am Mittwoch tagt das Plenum von 9 Uhr bis 24 Uhr, um 10 Uhr habe ich Englisch-Unterricht, um 11 Uhr kommt eine Besuchergruppe, um 12.30 Uhr ist Abstimmung, um 14.30 Uhr leite ich die Sitzung der AGRI-Gruppe der EVP-Fraktion, parallel dazu ist Vorstandssitzung zu Haushalt und Strukturpolitik, um 15.30 Uhr ist eine Diskussion der Konrad-Adenauer-Stiftung, um 16 Uhr treffe ich eine Journalistin, um 17 Uhr ist Abstimmung, um 18 Uhr Fraktionssitzung.

Am Donnerstag beginnt der Tag um 8 Uhr mit einem Arbeitsfrühstück, um 8.30 Uhr kommen Landfrauen aus Tirschenreuth, um 9.30 Uhr ist Sitzung der Paneuropa-Union, von 9 bis 12 Uhr ist auch Plenum, um 12 Uhr Abstimmung, um 14 Uhr kommt eine Besuchergruppe und um 15 Uhr ist Plenardebatte. Danach fahre ich zurück, um die Wochenendtermine wahrzunehmen.“

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Kommentare

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Peter Steinbock

Herrn Albert Deß schätze ich wegen seiner weitgefächerten Fachkenntnis und vor allem seiner streitbaren Identifikation zu Fragestellungen. Herr Deß ist einer aus Landwirtschaft und Wirtschaft, bei dem Hochstapler oder Populisten aus der Energie- und Klimaszenerie chancenlos bleiben. Das sind für mich Eigenschaften, die ich bei etwas jüngeren Politikern auch aus CDU CSU und SPD, auch aus der Region, stark vermisse. Die Herren Grötsch und Rupprecht und andere redeten deutsche Erfolge vor der Bundestagswahl gerade beim sogenannten Klimaschutz im NT-Gespräch herbei, die nur wenig später in einem NT-Artikel von DPA gerade als fehlend festgestellt wurden. Ich wünsche mir bei solchen für die nationale Entwicklung herausragenden Streitthemen mehr Sattelfestigkeit bei Politikern und insbesondere auch Hinterfragungsfähigkeiten bei Reportern.

02.05.2019
Tobias Punzmann

Ich bin auch erleichtert! Wer sich so primtiv den anthropogenen Klimawandel zum Hirngespinst zerredet, gehört nicht mehr in ein wichtiges Amt. Wir lachen über Trump und schicken Deß ins Europaparlament.
Nicht weniger schlimm seine pauschale Abqualifizierung der demonstrierenden Schüler. Genauso bescheuert wäre es, wenn ich sagen würde, er soll statt im Parlament große Reden zu schwingen lieber den Landwirten in der Region helfen, indem er im Hofladen im nächsten Dorf einkauft. Aber da ähnelt der Lobbyist irgendwie seinem Bauernverband, der auch jede Kritik an vereinzelten Prozessen in der Landwirtschaft pauschal als "Eindreschen auf alle Bauern" abqualifiziert.
Ich wünsche Herrn Deß einen ruhigen und glücklichen Ruhestand!

29.04.2019