02.11.2018 - 14:43 Uhr
Neustadt am KulmDeutschland & Welt

Der Rauhe Kulm: „Navi“ für die Region

Der Rauhe Kulm ist ein beliebtes Ziel: Auf verschiedenen Wanderwegen kann die 681 Meter hohe Basaltkuppe erklommen werden. Der Turm beschert herrliche Panorama-Blicke. Und doch ist der Kulm mehr als nur touristischer Anziehungspunkt.

von Holger Stiegler (STG)Profil

Er war Historiker, Geograf und Theologe. Und er ist dort geboren und hat einen Teil seines Lebens am Fuße der Erhebung verbracht, die ihn offensichtlich in den Bann gezogen hat. Georg Horn, gebürtiger Kemnather und späterer Professor im niederländischen Leiden, hat kurz vor seinem Lebensende das Werk „Orbis Politicus“ verfasst. In dem Buch widmet er sich auch dem Rauhen Kulm, zugegebenermaßen allerdings deutlich verklärend: „Im Mittelpunkt Deutschlands steht er, alle Berge weit und breit überragend, gewissermaßen ein Weltwunder!"

Ganz so weit geht Käthe Pühl nicht: Sie ist seit zehn Jahren Vorsitzende des 160 Mitglieder starken Fördervereins Rauher Kulm. „Der Rauhe Kulm hat sicherlich eine überregionale Bedeutung. Und es wäre falsch, wenn er nur von Neustadt am Kulm vereinnahmt wird“, betont die Neustädterin. Gerade unter touristischen Gesichtspunkten wäre es sinnvoll, dass er öffentlich noch mehr herausgestellt würde. „Der Rauhe Kulm war im Laufe der Geschichte schon immer ein „Navi“ für die Leute – und er ist es auch heute noch“, sagt Pühl.

Doch was war eigentlich am Rauhen Kulm? Wer war am Rauhen Kulm? Und wie ist er entstanden? Es sind immer noch jede Menge Fragen und Rätsel, die die markante Erhebung in der nördlichen Oberpfalz an der „Grenze“ zu Oberfranken umgibt. Seit mittlerweile 15 Jahren finden auf dem Rauhen Kulm archäologische Grabungen statt, die schon viel Licht ins Dunkel gebracht haben. Jeweils im August gehen diese Grabungen alljährlich über die Bühne. „Das ist spannend und bleibt spannend“, sagt Hans Losert. Er muss es wissen, denn der Archäologe von der Uni Bamberg demonstriert mit seinem Team seit dem Start vor 15 Jahren, dass Geisteswissenschaften eben nicht nur etwas Theoretisches sind, sondern in der Praxis wichtige Erkenntnisse gewonnen werden.

Die Wissenschaft ist freilich nicht erst vor 15 Jahren auf den Rauhen Kulm aufmerksam geworden: 1811 erschien in Bayreuth eine erste von Johann Nicolaus Apel verfasste Abhandlung über den Rauhen Kulm und Neustadt am Kulm, also in einer Zeit, in der beim Bürgertum auch das Interesse an der Natur und der Heimatgeschichte wächst. Knapp 100 Jahre später – von 1908 bis 1910 – nahm Adalbert Neischl im Auftrag der Naturhistorischen Gesellschaft Nürnberg archäologische Schürfungen am Rauhen Kulm vor. Die wichtigsten Ergebnisse wurden 1912 in einer Monographie veröffentlicht – nämlich dass der Rauhe Kulm spätestens seit der Jungsteinzeit (Neolithikum) immer wieder aufgesucht wurde.

Zu den außergewöhnlichsten Funden am Rauhen Kulm zählt ein so genanntes „pebble tool“, ein einfaches Geröllwerkzeug aus ortsfremdem Gestein. Klingt erst einmal ziemlich unspektakulär, wird aber bei der zeitlichen Einordnung umso interessanter. Als „pebble tools“ werden nämlich die frühesten bearbeiteten Steinwerkzeuge des Menschen bezeichnet und diese gehören etwa in die Zeit 2,6 bis 1,5 Millionen Jahre vor unserer Zeit. Die meisten Fundplätze liegen in Afrika und sind mit sehr frühen Vertretern der Gattung Homo zu verbinden. Mittlerweile gibt es auch einige Fundplätze aus Europa, deren Interpretation und zeitliche Einordnung teils jedoch kontrovers diskutiert werden. Dieser „pebble tool“ könnte also der älteste Fund in der nördlichen Oberpfalz sein.

Der Rauhe Kulm ist als Quelle für Funde aus allen Zeiten nahezu unerschöpflich: Dazu gehört beispielsweise ein fast vollständig erhaltenes Gefäß mit Dekor aus dem frühen Mittelalter, also etwa 8. bis 9. Jahrhundert. Die erkennbaren Durchbohrungen belegen eine Reparatur des zerbrochenen Topfes mit einer Schnur. Die nächsten Analogien stammen aus den slawischen Regionen Westböhmens. Eine ganz andere Zeit der menschlichen Präsenz belegt der Fund eines Bronzebeils: Dieser stammt aus der frühen Urnenfelderzeit, die Deponierung erfolgte um 1200 v.Chr.. Zu den farbenprächtigsten Funden der letzten Jahre gehört die ostmediterrane Schichtaugenperle aus Glas mit weiteren Bruchstücken, die etwa ins 5. Jahrhundert vor Christus datiert werden kann.

Unbestritten ist – die zahlreichen Überlieferungen, Funde und das heutige Erscheinungsbild belegen dies – die frühere Existenz einer Burg am Rauhen Kulm. Bereits 1792 hat Johann Christoph Stierlein eine Ruinenzeichnung angefertigt, er spricht von einem „ehemals auf dem Berg der Rauhe Kulm genannt bei Neustadt im Bayreuthischen Oberland gewesenen Schloss, das dem Landgrafen Friederich von Leuchtenberg zur Zeit der Kreutzzüge, von dem Burggrafen Friederich zu Nürnberg, nebst noch mehrern Gütern abgekauft worden ist“. Diese Zeichnung zeigt den noch nicht durch den späteren Basaltabbau beeinträchtigten unteren Ringwall mit drei Toren im Osten.

Einen guten Eindruck über das Aussehen der frühneuzeitlichen Burg auf dem Kulm vermittelt die so genannte „Göppmannsbühlkarte“ aus dem Jahr 1531: Diese älteste bekannte Darstellung wurde angefertigt anlässlich von Grenzstreitigkeiten zwischen den zollernschen Mark- und bairischen Pfalzgrafen.

Neben der archäologischen Dimension gilt der Rauhe Kulm übrigens auch aus geowissenschaftlicher Sicht für bedeutungsvoll: Im Geotopkataster Bayern des Bayerischen Landesamtes für Umwelt wird der Kulm als „besonders wertvoll“ gelistet.

Anfahrt und Ausstellung:

Wer den Rauhen Kulm erwandern will, sollte mit dem Auto anreisen: Aus Richtung Amberg folgt man der B 299 bis Pressath, wo die Hauptstraße nicht verlassen wird, sich aber der Name in Staatsstraße 2665 ändert. Weiter geht es dann direkt bis zum 1. Kreisverkehr bei Kemnath auf Höhe der Firme Hegele. Dann die dritte Ausfahrt nehmen, die direkt in Richtung Rauher Kulm führt. Geparkt werden kann in Neustadt am Kulm am Fuße der Erhebung, Parkplätze sind ausgeschildert. Wer auf der B22 aus Richtung Erbendorf/Weiden anreist, fährt bis zur 2. Abfahrt Kemnath, wechselt dann auf die Staatsstraße 2665 Richtung Pressath und folgt am „Hegele“-Kreisverkehr der ersten Ausfahrt in Richtung Kulm.

Eine ebenfalls anschauliche Zeitreise in die Vergangenheit der Region um den Rauhen Kulm bietet die archäologische Ausstellung in Neustadt am Kulm. In den übersichtlich gestalteten Vitrinen kann man sich einen guten Überblick über die bisherigen Funde verschaffen. Die zahlreichen Infotafeln stellen den gesamtgeschichtlichen Zusammenhang her und helfen, die Funde entsprechend einzuordnen. Die Ausstellung befindet sich im ehemaligen Schulhaus (neben der Kirche) in Neustadt am Kulm. Sie ist von November bis März jeden 2. Sonntag im Monat von 14 bis 16 Uhr geöffnet. Weitere Termine und Führungen sind jederzeit auf Anfrage unter 09648-913765 möglich. Der Eintritt ist frei. Der Förderverein „Rauher Kulm“, der die Ausstellung betreut, freut sich aber über Spenden, um die archäologische Arbeit weiter unterstützen zu können.

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