Duell der Bauernverbände

Zwei Bauernfunktionäre, vier Politiker, 200 Gäste: Die Meinungen zum richtigen Weg in der Landwirtschaft sind so unterschiedlich wie die Charaktere am Podium und im Publikum der Stadthalle in Neustadt/Waldnaab.

Auf dem Podium dikutieren (von links): BDM-Landesvorsitzender Manfred Gilch, CSU-Landtagsabgeordneter Martin schöffel, FW-Bundesvorsitzender Hubert Aiwanger, Moderator Jürgen Herda, Grünen-Landeschefin Sigi Hagl, SPD-Landtagsabgeordnete Annette Karl und Günther Felßner, Vizepräsident des Bayerischen Bauernverbandes.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Bei aller Selbstverpflichtung zur Sachlichkeit: Ohne Emotionen lässt sich das Thema nicht diskutieren. Es geht um nicht weniger als die Grundlagen unseres Lebens - Lebensmittel in ihrer Urform, welche die Landwirte nach bestem Wissen und Gewissen herstellen. Der Einfluss auf unser aller Dasein ist immens - teils unmittelbar spürbar, etwa im Geldbeutel, teils schleichend, etwa durch die Nitratbelastung der Böden.

Veranstalter des "Gesprächs mit der Gesellschaft" ist der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM). Der vor 20 Jahren gegründete Verband nimmt eine kritische Haltung zur industriellen Agrarwirtschaft, aber auch zur Ausbildung der Landwirte ein: "Ich mache keinem Bauern einen Vorwurf", sagt BDM-Kreisvorsitzender Werner Reinl, "ich habe auch nur die industrielle Bewirtschaftung gelernt mit Düngen und Pflanzenschutz - vom Boden hatte ich keine Ahnung, bis ich Kurse gemacht habe." Widerstrebende Interessen prägen die Herangehensweise an Ackerbau und Viehzucht heute: Auf der einen Seite der real existierende Discounterismus, dessen Marktmacht die Dumpingpreise der Lebensmittel diktiert, nach denen die Kunden nur zu gerne greifen.

Diese Realität verteidigt Günther Felßner: "Jeden Tag findet eine Volksabstimmung bei Lidl statt", sagt der Vizepräsident des Bayerischen Bauernverbandes, "was gekauft wird, wird produziert." Selbstvermarktung? Milchtankstellen? "Alles nette Nischen, aber keine Lebensgrundlage für die Mehrheit." Auch er sei angetreten, um möglichst viele Familienbetriebe zu erhalten. "Aber wer will die gute alte Zeit wirklich wieder haben?", bezweifelt der konventionelle Landwirt mit 100 Kühen die Aufrichtigkeit der Sehnsucht nach Ursprünglichkeit. "Wir müssen modern sein." Das heißt auch: "Der Markt regelt die Preise." Ein Markt, der global tickt auf niedrigem Preisniveau. Deshalb hält der BBV-Vertreter nichts vom Marktverantwortungsprogramm auf europäischer Ebene, so wie es der BDM vorschlägt. Er bestreitet, dass die Methode, die Milchmenge über Anreize und Sanktionen zu drosseln, dauerhaft das Problem lösen würde. "Wir brauchen eine zweite Finanzierungsschiene."

Landwirtschaft bewegt: 200 Besucher verfolgen die Diskussion.

Milchschwemme made in EU

Die konträre Position vertritt BDM-Landesvorsitzender Manfred Gilch. Er spricht von der volkswirtschaftlichen Dummheit, Mengen eines hochwertigen Produkts zu erzeugen, obwohl diese zu diesem Zeitpunkt niemand nachfragt. "Europa produziert den Löwenanteil der Milch weltweit", erklärt der Milchviehhalter, der vor zwei Jahren auf Bio umstieg. "Jede Milchpreiskrise der vergangenen Jahrzehnte wurde durch die Überproduktion in Europa ausgelöst." Das vom BDM entwickelte Modell einer Bremse sei vergangenes Jahr erfolgreich getestet worden und habe inzwischen viele Befürworter - zur Überraschung Gilchs auch in der Staatskanzlei: "Das Problem sind zwei Referenten im Bundeslandwirtschaftsministerium, gegen die sich Klöckner noch weniger durchsetzen kann als zuvor Schmidt." Und diese Position würde von EU-Kommissar Hogan geteilt. Daran zu rütteln sei ohne Mitstreiter kaum erfolgversprechend: Der Bauernverband sei eng mit Industrie und Milchwerken verflochten, die beide ein Interesse am niedrigen Milchpreis haben. Martin Schöffelsieht die Schwierigkeiten, mit denen kleine Betriebe konfrontiert sind. Der CSU-Landtagsabgeordnete aus Bayreuth, selbst Nebenerwerbslandwirt, findet: "Die Auflagen sind so umfassend, dass sie für den normalen Familienbetrieb nicht mehr zu leisten sind." Der frühere Verkaufsleiter aus der Ernährungsindustrie verteidigt vehement die Politik der Staatsregierung: "Kein Bundesland tut mehr für bäuerliche Betriebe", findet der 41-Jährige, "wir haben ein Kulturlandschaftsprogramm, stärken die Marke Bayern, so dass die Bereitschaft gestiegen ist, etwa für bayerisches Rindfleisch etwas mehr zu bezahlen." Und in der europäischen Agrarpolitik setze man sich dafür ein, dass kleinere Betriebe künftig mehr bekämen.

Die Berlinerin Annette Karlkam das erste Mal bei ihrer Freundin in Ostwestfalen mit einem Schweinestall in Berührung. Das hinterließ bleibenden Eindruck auf die SPD-Landtagsabgeordneteim Ausschuss für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten: "Als wirtschaftspolitische Sprecherin der SPD denke ich Wirtschaft und Landwirtschaft immer zusammen", sagt die Wahl-Oberpfälzerin. "Jeder 7. Arbeitsplatz hängt von der Landwirtschaft ab." Klar will sie als Sozialdemokratin eine günstige Versorgung der Bevölkerung: "Aber günstig heißt nicht billig."

Bei Sonntagsreden schrieben sich alle die Unterstützung der Familienbetriebe auf die Fahnen: "Die Realität der Landwirtschaft sieht anders aus, der Trend zu immer größer hält an." Um Familienbetriebe vom Tropf zu bekommen, brauche es vernünftige Preise. Und um deren Grundversorgung zu gewährleisten, fordert die SPD-Politikerin auf europäischer Ebene eine Abkehr von der Flächenregelung: "Es ist doch grotesk, wenn heute Eon am meisten bekommt."Hubert Aiwangerkommt als Bundesvorsitzender der Freien Wählernur noch selten auf seinen Hof in Rahstorf (Kreis Landshut): "Ich arbeite noch manchmal im Wald, wir haben Mais und Weizen", den Milchkühen hätten die vergangenen Krisen den Kopf gekostet. Die Schweinehalter seien die nächsten auf der Kippe. "Der billigste sticht", erzählt der Agrar-Ingenieur von einer chinesischen Offerte für 55 000 Zuchtsauen. "Da wird mir Angst und Bange." Zuvor habe man die Milchquote ins Leere laufen lassen: "Sie wurde dann sinnlos, als über 100 Prozent verteilt wurden." Die Politik müsse auf die Milchindustrie einwirken, ihre marktbeherrschende Stellung nicht zu missbrauchen. "Die Direktvermarktung sehe ich als große Chance." Grotesk findet der Milch-Fan, dass eine Milchtankstelle zurzeit nur am Produktionsstandort nicht abgekochte Frischmilch abgeben dürfe: "Schnaps darf man kaufen, aber unbehandelte frische Milch nicht."

Zum Haare raufen fanden manche Gäste die Positionen einiger Podiumsdiskutanten: Kritisch hinterfragt wurden der Nitrat-Gehalt der Böden, aber auch die Ablehnung einer „Bremse“ bei der Milchproduktion vonseiten des Bauernverbandes.

Gescheiterte Agrarpolitik

Sigi Haglsieht für Bayern trotz 9400 Ökobetrieben und einer ökologisch bewirtschafteten Fläche von 320 000 Hektar mit einem Marktanteil von zehn Prozent noch massiv Bio-Luft nach oben: "Wir sollten die Probleme nicht kleinreden", fordert die Landesvorsitzende der Grünen, "die Krise der Landwirtschaft liegt nicht daran, dass die Bauern nicht fleißig sind, sie liegt an der gescheiterten Agrarpolitik." Die Landshuter Stadträtin fordert die Bundesregierung zum Handeln auf: "Die Bundespolitik hat immensen Einfluss auf Brüssel", deshalb dürfe Berlin das "Weiter so" bei der Gemeinsamen Agrarpolitik (Gap2020) nicht hinnehmen. "Es wird belohnt, wer die größte Fläche hat." Optimistisch ist Hagl, dass ökologisch produzierte Lebensmittel weiter im Aufwind sind: "Es werden immer mehr Bürger, die bewusst einkaufen."

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.

Nachrichten per WhatsApp