ONETZ: Ihr Kommunionsgeschenk, Aktien von RWE, warf im Studium Dividende für fröhliche Kneipenabende ab. Heute muss sich RWE strecken, um die Energiewende zu packen. Was sagt das über die Sicherheit solider Aktien aus – auch ein Roter Riese ist ein alter Stern, der als Weißer Zwerg endet?
Robert Halver: Die liebe Tante Adele wollte mir Gutes tun, eine Märklin-Bahn wäre mir lieber gewesen. Die halbe Verwandtschaft war halt bei RWE beschäftigt. Wenn wir zum Fenster rausblickten, sahen wir das Kohlekraftwerk Weisweiler. Das war was Solides, und die zahlten eine schicke Dividende. RWE hat es heute nicht mehr allein in der Hand. Das EEG ist gut und schön, aber Sie müssen auch die Stromnetze ausbauen.
ONETZ: Was hat Sie nach dem BWL-Studium, der ersten Anstellung bei der Sparkasse Essen, einigen weiteren Stationen bis zum Kapitalmarktanalysten der Baader Bank in Frankfurt praktisch über Nacht zum TV-Börsen-Star gemacht?
Robert Halver: Das kann man nicht planen. 1996 gab es offensichtlich eine Erkältungswelle, da rief n-tv alle Banken durch, und irgendwann waren die auch bei mir. Ich dachte, die haben ein Rad ab, ich hätte ich mir nie träumen lassen, vor einer Kamera zu stehen, im Studium war ich ein schüchternes Kerlchen. Meine Frau sagte dann aber: "Mach das doch mal, dich kennt doch keiner. Wenn's nichts ist, hat das am Tag später jeder vergessen." Der Moderator sagte mir vorher, wir reden über den japanischen Aktienmarkt. Dann kam er mit einem völlig anderen Thema. Offenbar habe ich mich trotzdem ganz gut verkauft, und sie machten mit mir weiter.
ONETZ: In meiner Studienzeit riet mir meine Bank zu einem Deka-Fonds – der ist dann gleich mal abgestürzt. Dennoch heißt es, Aktienfonds mit guten DAX- oder Eurostoxx-Aktien sind sicher, fertig ist die Altersversorgung. Ist das so einfach?
Robert Halver: Die Kunst, wenn Sie einsteigen wollen, ist, jeden Monat 25 Euro oder ein bisschen mehr einzuzahlen und es immer weiter laufen zu lassen. Natürlich geht's auch mal runter, aber jede Delle wird überkompensiert. Wir werden eher sehen, dass der Uli Hoeneß Fan von Borussia Dortmund wird, als dass die Zinsen wieder steigen. Dazu ist die Verschuldung der Staaten zu hoch. Aus der Schuldenkrise wurde die Guthabenkrise der Sparer. Der Weltspartag ist heute ein Volkstrauertag. Sparen ist bewusste Vermögensvernichtung, aber 80 Prozent der Deutschen tun es. Da sieht man, wir sind ein humorvolles Land. Andere Länder wie Schweden, das nicht als Ausgeburt des Kapitalismus gilt, haben eine aktiengestützte Altersvorsorge. Die Greta bekommt eine höhere Rente als unsere Kinder.
ONETZ: „Lieber Robert Halver, wir glauben nicht an die Allmacht der Notenbanken“, antwortete Georg Oehm von Mellinckrodt Anfang 2018 auf Ihren Beitrag in Das Investment, oder „Warum es sehr wohl krachen kann“. Welches der Risiken, die er benennt, haben sich bewahrheitet: Ölpreis, US-Steuerreform, Kryptowährungen, Staatsverschuldungen?
Robert Halver: Ich bin keiner, der sagt wir haben keine Krisen, aber ich muss das Beste daraus machen. Ich habe Herrn Oehm geantwortet, er möge mir erläutern, was ich ansonsten machen soll. Ich kann mir auch die Bettdecke über den Kopf ziehen, Ravioli-Dosen und eingemachte Birnen essen und warten, bisher Sturm vorübergeht. Nur, was habe ich dann verpasst? Die Aktienmärkte haben sich nach der Leman-Krise dramatisch erholt. Das ist typisch deutsch. Früher habe ich bei einer Schweizer Bank gearbeitet, die schmunzeln über uns. Oder die Engländer, die sagen, ihr seid so doof und lasst eure tollen Unternehmenswerte von uns aufkaufen. Ich bin aber auch ein Rufer in der Wüste, meine eigenen Schwiegereltern lieben ihre Zinspapiere.
ONETZ: Ich nenne Ihnen ein paar Stichworte, Sie sagen welchen Einfluss sie auf die Börsenentwicklung haben ... Die deutsche Automobilbranche verpennt den Trend zu alternativen Antrieben und verspielt im Diesel-Skandal ihre Glaubwürdigkeit?
Robert Halver: Ja, aber die Politik trägt Mitverantwortung. Hatte das Kraftfahrtbundesamt keine Ahnung? Als es rauskam, hat man sich vornehm zurückgehalten. Warum wird die deutsche Dieseltechnologie nicht weiterentwickelt? Und wo kommt eigentlich das Lithium und Kobalt für die Batterien der Elektro-Autos her? Kann es sein, dass es unter sklavenähnlichen Bedingungen abgebaut wird?
ONETZ: Dennoch kommt die E-Mobilität.
Robert Halver: Sie wird kommen, aber sehr langsam. Audi hat den Slogan "Vorsprung durch Technik". Wir waren stark, weil wir bereit waren, die Zukunft zu gewinnen. Warum wird bei der Brennstoffzelle, beim Wasserstoff-Antrieb nicht mehr gemacht? Warum legt die Regierung keinen Staatsfonds auf, in dem zur Hälfte der Staat einzahlt?
ONETZ: Der Brexit führt zu Verwerfungen bei den komplexen Produktions- und Lieferketten der europäischen Industrie und drückt auch die Aktienwerte großer Unternehmen?
Robert Halver: Vorübergehend ist das eine Gefahr, selbst mit Deal. Die Lieferketten werden früher oder später anders konfiguriert. Aber das eigentliche Problem ist, dass Europa zerfasert, dass es nicht gelingt, gegen die zwei Großen USA und China eine gemeinsame Position zu formulieren. Da kommt nur nationaler Unsinn.
ONETZ: So wie die EU verfasst ist, ist es nicht leicht, 28 verschiedene Interessen unter einen Hut zu bringen.
Robert Halver: Ein gemeinsamer Feind eint mehr als tausend Freunde, lautet eine alte strategische Weisheit. Wir haben nicht nur einen Feind. Und dann machen wir so einen Zirkus in Nordsyrien.
ONETZ: Der US-Protektionismus wird auch auf Sicht anhalten, weil die Republikaner am Ruder bleiben und auch die Tea-Party-Bewegung fest zu America First steht – gerade für die deutsche Exportwirtschaft ein Problem?
Robert Halver: Trump geht es nicht um America first, sondern um Trump first. Im Wahlkampf musste er etwas anderes bieten als die Konkurrenz, Protektionismus kam im mittleren Westen gut an. Allerdings muss man ihm recht geben, auch die Chinesen sind keine Heiligen im Handel. Dass er dagegenhält, ist richtig. Aber seine Sprache ist eines US-Präsidenten nicht würdig, und er nimmt Europa nicht mit. Ich wundere mich aber auch, warum Europa nicht fähig ist, alle Zölle auf 0 zu setzen.
ONETZ: China und andere asiatische Länder übernehmen Führung in der Produktion wichtiger Zukunftsmärkte etwa beim Elektromotor – wie zuvor schon bei Smartphones, Hybrid oder Photovoltaik, wo Deutschland auch mal starke Player hatte.
Robert Halver: Wir brauchen Vorsprung durch Technik, müssen aber auch die Produktion bei uns halten. Politik packte früher noch heiße Eisen an. Willy Brandt, der vor 50 Jahren Kanzler wurde, hat die Ostpolitik gegen Widerstände durchgesetzt, Helmut Schmidt den Nato-Doppelbeschluss, Helmut Kohl die Wiedervereinigung. Damit macht man sich nicht nur beliebt. Heute schauen die Politiker erst einmal: Wo kommt der Wind her? Wenn die Politik nicht leitet, machen es andere Kräfte, die man nicht haben will. Das Poltern eines Franz Josef Strauß und Herbert Wehner verhinderte die Bildung von Rändern. Heute haben wir anstelle von streitbaren Parteien Kuschelvereine, die dem Mainstream hinterherlaufen. Und wir brauchen wieder echte Wirtschaftskompetenz.
ONETZ: Welchen Einfluss auf die Märkte hat der globale Trend zu autoritären Systemen wie in Russland, der Türkei oder Brasilien – China ist dabei Marktführer im Bereich totaler digitaler Überwachung, die USA beim virtuell kontrollierten Kunden.
Robert Halver: Ich bin überzeugter Demokrat, aber man muss schon zugeben, anderswo geht‘s schneller. China hat in vier Jahren den flächenmäßig größten Flughafen der Welt – und wie lange brauchen wir für den BER? In der Türkei haben Sie den Atatürk Flughafen, das ging ruck, zuck. Wir sehen, dass autoritäre Systeme leider wirtschaftlich mehr Durchsetzungsvermögen haben. Ich möchte so was nicht haben, China ist ein grausamer Überwachungsstaat. Aber hier wird immer mehr verhindert. Nehmen Sie die Wohnungsnot in Berlin: Warum wurde Tempelhof nicht längst bebaut? Politik setzt die notwendigen Schritte nicht schnell genung um, das kann man sich heute nicht mehr erlauben. Wir müssen eine Balance finden, sonst man den Wohlstand nicht bewahren.
ONETZ: Die Europäische Union in der Krise, politisch nicht handlungsfähig, innerlich zerrissen, vor der nächsten Flüchtlingskrise - Sie sagen, auch andere Mütter haben schöne Töchter, ist das alte Europa eine untergehende Hochkultur?
Robert Halver: Man hat den Anfangsschwung nach der Osterweiterung nicht mitgenommen. Man hat versäumt, nach der Euphorie der Euro-Einführung die Volkswirtschaften wieder flott zu machen. Selbst die Nullzinsen wurden nicht genutzt, auch in Deutschland nicht. Die „schwarze Null“ ist eine Selbstbefriedigung, wenn man das Geld mit Zinseinnahmen verdient und nichts davon in die Erneuerung der Infrastruktur investiert.
ONETZ: Nach dieser typisch deutschen Tristesse etwas fürs die optimistische rheinische Frohnatur: Die Chance der Krise, eigentlich sind die USA Infrastrukturell ein Desaster, China im Hinterland ein rurales Entwicklungsland, Russland mit seinem Auslandsengagement heillos überfordert – muss Europa nur die eigenen Stärken Wiederentdeckung, das Wasserstoffauto marktfähig machen, neue Technologien zum Klimaschutz erfinden, endlich eine gemeinsame Außenpolitik in Angriff nehmen, um internationale Krisen zu lösen, und ein goldenes Zeitalter der Demokratie 4.0. bricht an?
Robert Halver: Wir sollten mit Schmackes in Umwelttechnik investieren, wie in Norwegen, wo der Staat die Hälfte in einen Fonds einzahlt. Ich bin ein großer Fan Europas und hoffe, dass wir das hinbekommen.
Bayerische Börse handelt global
Die Börse München als regionalen Handelsplatz zu bezeichnen, gefällt deren Chef Robert Ertl gar nicht: „Wir bieten mehr als 4000 Kreditinstituten und Emittenten im deutschsprachigen Raum Zugang zum Primär- und Sekundärmarkt – mehr als 20 000 Wertpapiere der verschiedensten Gattungen aus über 60 Ländern werden bei uns gehandelt.“
Alles andere als regional also. Das sei historisch gewachsen. 1830 als Kaufmannsstube gegründet, sei man mit dem Boom im anbrechenden Industriezeitalter – die erste Eisenbahnstrecke Nürnberg-Fürth wurde gebaut – Ende des 19. Jahrhunderts zu einem der wichtigsten Finanzplätze Europas aufgestiegen. Und auch heute besetze man eine konkurrenzfähige Nische: „Wir sind gerade im Auslandshandel traditionell sehr stark“, erklärt Ertl.
Auftrag damals wie heute: Erfolgversprechende Unternehmen mit Kapital versorgen und Investoren die Möglichkeit geben, am Erfolg teilzuhaben. Das geschehe in Deutschland trotz Zinskrise noch viel zu wenig: „Nur 8 Prozent des Vermögens ist in Aktien angelegt, 40 Prozent auf niedrig verzinsten Sparbüchern“, sagt Ertl. „Das sind 2,5 Billionen, davon 1 Billion auf Girokonten.“ Anders als in Schweden, wo jeder Erwachsene die Altersvorsorge über Wertpapiere sichere, gebe es hier zu wenig Erfahrung mit Aktien: „Auch in der Schule existiert das Thema nicht.“ Die Folge: eine permanente Geldvernichtung. Deshalb reist Ertl bundesweit zu solchen Informationsveranstaltungen, um mit kooperierenden Banken wie der Baader-Bank, Arbeitgeber von Robert Halver, aufzuklären.
Wenn dabei auch Geschäfte mit der Börse München generiert würden, umso besser: „Der Käufer bekommt in München immer den besten am Markt verfügbaren Preis“, verspricht Ertl. Als Referenzmarkt dient der Börse München der umsatzstärkste Markt im In- und Ausland. „Unsere Spezialisten stellen sicher, dass die Order mindestens so gut ausgeführt wird wie am Referenzmarkt selbst.“


















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