Update 12.10.2026 - 13:32 Uhr

Gegen Auf und Ab der Wirtschaft: Nobelpreis für US-Forscher

Ölkrisen, Kriege, Inflation: Wirtschaftsschocks setzen Staaten und Verbraucher unter Druck. Zwei US-Forscher zeigen, wie neue Modelle helfen, Krisen besser abzufedern. Dafür gibt es den Nobelpreis.

Ihre Forschung hilft, Wirtschaftsschocks bewältigen: Der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften geht in diesem Jahr an die US-Amerikaner Robert E. Hall und Michael Woodford. Sie werden für „die mikroökonomischen Grundlagen der makroökonomischen Stabilisierung“ ausgezeichnet. Die Forscher haben Modelle entwickelt, die es Staaten und Zentralbanken erleichtern, Konjunkturschwankungen effektiv abzumildern.

Das gab die Königlich-Schwedische Akademie der Wissenschaften in Stockholm bekannt. Während der 83-jährige Hall an der renommierten Universität Stanford forscht, ist der 1955 geborene Woodford an der Columbia University tätig. Woodford, der bei der Bekanntgabe aus New York zugeschaltet wurde, sprach von einer „riesigen Ehre“ und Überraschung für ihn.

Was tun gegen plötzliche Krisen?

„Wir wissen, dass die Wirtschaft nicht immer gleichmäßig verläuft“, sagte der Vorsitzende der Preisjury, John Hassler. „Eine wichtige Aufgabe für Regierungen und Zentralbanken ist es, das Ausmaß dieser Schwankungen zu steuern und das Risiko zu begrenzen, dass die Wirtschaft in einer Situation mit hoher Arbeitslosigkeit stecken bleibt oder die Inflation außer Kontrolle gerät“. 

„Die Arbeit der Preisträger hat uns eine solide theoretische Grundlage für die Modelle geliefert, die heute von Zentralbanken und Regierungen auf der ganzenWelt genutzt werden“, sagte Hassler. „Mit ihnen sind wir besser gerüstet, umwirtschaftliche Schocks wie Energiekrisen oder plötzlicheVeränderungen im Konsumverhalten der Haushalte zu bewältigen.“

Nobelpreisträger ist live zugeschaltet

Oft seien es Ereignisse, die ihren Ursprung nicht in der Wirtschaft selbst hätten, die große Auswirkungen hätten, sagte der zugeschaltete Forscher Woodford. „Ein Beispiel ist der Krieg im Mittleren Osten, der derzeit die weltweiten Energiemärkte durcheinanderbringt und in vielen Teilen der Welt Folgen für andere Wirtschaftsbereiche hat“. Offensichtlich hätten etwa Unternehmen nur wenig mit dem Ausbruch des Krieges zu tun. „Doch solche Ereignisse haben große Auswirkungen auf die Weltwirtschaft.“

Woodford sagte, er wolle mit seiner Arbeit helfen, über wirtschaftliche Krisen zu kommunizieren. „Es war ein Versuch, eine bessere Grundlage für die wirtschaftspolitische Diskussion zu schaffen und sowohl zur Steuerung der Wirtschaft als auch zum Verständnis wirtschaftlicher Zusammenhänge in der Öffentlichkeit beizutragen.“

Zentraler Bestandteil der Modelle von Hall und Woodford sei, dass Haushalte und Unternehmen vorausschauend handelten, wenn sie Entscheidungen etwa über Ersparnisse träfen, so die Jury. Wenn Regierungen und Zentralbanken ihre Pläne kommunizierten, könnten sie die Aussichten beeinflussen und die Wirtschaft in die richtige Richtung lenken. Zentralbanken machen das etwa, indem sie Finanzmärkten Hinweise zu ihrem künftigen Zinskurs geben. 

Warum Keynes' Modell an Grenzen stieß

Lange Zeit war die Wirtschaftspolitik von dem britischen Ökonomen John Maynard Keynes geprägt, in dessen fast einhundert Jahre alten Theorie die gesamtwirtschaftliche Nachfrage Wirtschaft und Beschäftigung steuert. In Rezessionsphasen wird demnach die Konjunktur durch Zinssenkungen und eine Erhöhung des Haushaltsdefizits gezielt staatlich angekurbelt, während das Gegenteil getan werden sollte, um eine boomende Wirtschaft zu dämpfen.

Während der Ölkrisen der 1970er Jahre kam Keynes' Modell aber an Grenzen. „Sie senkten die Arbeitslosigkeit nicht, sondern führten stattdessen zu einer unkontrollierten Inflation“, schrieb die Jury. „Der Westen erlebte ein Jahrzehnt mit geringem Wachstum, hoher Arbeitslosigkeit und hoher Inflation.“ Der Keynesianismus kam in Verruf.

Neues Denken für Wirtschaftskrisen

Hall und Woodford konzipierten neue Modelle, um die Stabilisierungspolitik wiederzubeleben. Anstatt diese auf statistische Zusammenhänge zwischen makroökonomischen Variablen wie Inflation, Produktion und Konsum zu stützen, bauten sie sie auf einer mikroökonomischen Grundlage auf, also mit einem Verständnis dafür, wie Haushalte und Firmen die Wirtschaft beeinflussen. Seit Einführung der neuen Modelle hätten sie sich als „äußerst hilfreich bei der Bewältigung der wirtschaftlichen Abschwünge erwiesen“, so die Jury. 

Auch der Präsident des Ifo-Instituts, Clemens Fuest, würdigte die Preisträger. „Hall hat unser Verständnis von Konsum, Arbeitsmärkten und Konjunktur geprägt.“ Woodford habe gezeigt, welche zentrale Rolle Erwartungen und die Glaubwürdigkeit der Zentralbanken für die Wirkung der Geldpolitik spielten. „Seine Forschung erklärt insbesondere, weshalb nicht nur aktuelle Zinsentscheidungen zählen, sondern auch die Erwartungen über den künftigen geldpolitischen Kurs.“ Gerade angesichts von steigender Inflation und Angriffen auf die Unabhängigkeit von Zentralbanken sei die Forschung wichtig.

Rund eine Million Euro Preisgeld

Vergangene Woche waren bereits Nobelpreisträger in den Kategorien Medizin, Physik, Chemie, Literatur und Frieden verkündet worden. Der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften geht als einziger nicht auf das Testament des Schweden Alfred Nobel zurück, sondern wurde nachträglich von der Schwedischen Reichsbank gestiftet und 1969 erstmals vergeben. Wie die anderen Preise wird er am 10. Dezember verliehen - und zwar in Stockholm. Dotiert ist der Preis mit umgerechnet mehr als einer Million Euro.

© dpa-infocom, dpa:261012-930-825373/4

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