27.02.2019 - 15:09 Uhr
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Aufgehängt und abgehakt

Museum Industriekultur in Nürnberg zeigt bis 28. April eine kleine Geschichte des Kleiderbügels

Mit dieserm Plakat wirbt das Museum Industriekultur in Nürnberg für die Ausstellung "Aufgehängt und abgehakt".
von Günter KuschProfil

Seine Geschichte reicht bis ins frühe 15. Jahrhundert zurück. Kleiderbügel verbreiteten sich vermutlich zunächst in Frankreich, wo schon bald repräsentative und kostbare Kleidung getragen wurde - bei Klerus, Militär und Adel. Wer mehr über Formen, Materialien und Einsatzmöglichkeiten des Kleiderbügels wissen will, sollte nun das Nürnberger Museum Industriekultur besuchen. Dort präsentiert die Ausstellung "Aufgehängt und abgehakt" bis 28. April rund 400 Exemplare des wichtigen Ordnungshelfers.

Es dauerte etwas, bis er sich durchsetzte. Da die meisten Menschen im 15. Jahrhundert kaum mehr besaßen als die täglich getragene Kleidung, bestand schlicht kein Bedarf an Kleiderbügeln. Er blieb meist den privilegierten Kreisen vorbehalten. Sein Durchbruch zeichnete sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts ab. Zu den frühen Kleiderbügelarten gehört der sogenannte Stabbügel. Diese Form mit angeschraubtem Haltestab unterhalb des Hakens war schon im 18. Jahrhundert im ländlichen Umfeld und beim Militär verbreitet. Man konnte die Kleidung unterhalb der Stubendecke aufhängen, so dass sie für Nagetiere schwer erreichbar war.

Aus den USA stammt die Geschichte von Albert J. Parkhouse, Angestellter bei der "Timberlake Wire and Novelty Company" in Jackson, Michigan: Im Jahr 1903 erfand er, offenbar in Ermangelung eines freien Wandhakens im Büro, einen schlichten Drahtbügel. Er griff sich ein Stück Draht, formte es und hängte seinen Mantel auf. Sein Chef, John B. Timberlake, erkannte das Potenzial, ließ die Idee ausarbeiten, meldete ein Patent an und verdiente ein Vermögen.

Im ausgehenden 19. Jahrhundert kam die industrielle Kleiderbügel-Herstellung langsam in Fahrt. Zu den frühesten deutschen Kleiderbügel-Herstellern zählen Max Richter im sächsischen Blumenau, gegründet 1875, und Sinram & Wendt (später „Union“), gegründet 1899 in Hannover. Die ersten deutschen Kleiderbügel-Patente datieren in die 1880er-Jahre. Kunstvolle, komplizierte und gewagte Konstruktionen sind darunter, aber auch solche, deren Formgebung bis heute aktuell ist.

In der Nürnberger Ausstellung sind viele „Spezialisten“ zu bewundern: faltbare Leichtgewichte für unterwegs, das nette Häkelwerk für die heimische Garderobe, Werbeträger, Geschmacksverirrungen und Designschätze. Sie alle sind auf ihre bescheidene Art Stellvertreter einer ganzen Epoche, Beispiele einer kurzlebigen Mode oder auch Zeitzeugen.

So rufen Kleiderbügel-Aufdrucke auch das dunkelste Kapitel der jüngeren Geschichte ins Gedächtnis. Sie erinnern an die Umbenennung von Straßen und Plätzen durch die Nationalsozialisten, an Geschäfte, die arisiert oder liquidiert wurden und damit auch an deren einstige Inhaber, die zu Opfern wurden. „Stolperbügel“ nennt Kleiderbügel-Sammler Matthias Dülp diese Objekte, angelehnt an die sogenannten Stolpersteine vor Wohnungen und Läden ermordeter jüdischer Mitbürger.

Weitere Infos im Internet: https://museen.nuernberg.de/museum-industriekultur/

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