06.03.2019 - 11:30 Uhr
NürnbergDeutschland & Welt

Durch die Geschichte des Wanderns reisen

Eine große Sonderausstellung im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg gibt bis 28. April mit rund 400 Exponaten einen Überblick über 200 Jahre Kulturgeschichte des Wanderns.

von Günter KuschProfil

Millionen Deutsche tun es: Wandern! Diese Form von Gehen und Naturerleben ist heute eine überaus beliebte Freizeitbeschäftigung, Tendenz steigend. Eine große Sonderausstellung im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg gibt bis 28. April mit rund 400 Exponaten einen Überblick über 200 Jahre Kulturgeschichte des Wanderns.

Die Ausstellung verfolgt einen kulturhistorischen Zugang. Neben Werken der Kunstgeschichte – wie grafischen Blättern von Hans Thoma und Ernst Ludwig Kirchner oder einem Gemälde von Max Slevogt – ist auch eine Fülle von Wanderequipment zu sehen in Form von Schuhen, Stöcken oder Rucksäcken. Zu bewundern sind aber auch unterschiedlichste Wanderkarten, Wegweiser und Parkplatzschilder, Gesellschaftsspiele und Filmausschnitte. Zu den spannenden Themen zählen das Wandern als Massenphänomen, das politische Wandern, das Wandern als Wirtschaftsfaktor und als Metapher der Kulturgeschichte.

Zur Zeit der Romantik lockte Wanderer vor allem die erhabene Schönheit der Natur, von der Werke von Caspar David Friedrich und Johan Christian Dahl, aber auchzeitgenössische Fotografien der „German Roamers“ zu Beginn der Ausstellung eindrucksvoll zeugen. Neben den Landschaftsmalern waren es vor allem Literaten, Adlige und das Bürgertum, die sich von dem Naturerlebnis begeistern ließen und sich um das Wandern verdient machten.

Friedrich Ludwig Jahn erkannte Anfang des 19. Jahrhunderts das emotionale Potenzial des gemeinschaftlichen Wanderns, das sich hervorragend zur Förderung eines deutschen Nationalgefühls nutzen ließ. „Frisch, fröhlich, frei und fromm“ – so sollte der Wanderer fortan in die Natur hinausziehen. Jahn bemängelte allerdings die schlechte Infrastruktur. Das sollte sich bald ändern.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war Wandern bereits so populär, dass immer mehr Regionen mit neuen Wegstrecken erschlossen wurden. Die Bahn erkannte das Potenzial, stimmte ihre Fahrpläne auf beliebte Wanderziele ab und bot spezielle Fahrkarten für Wochenendausflüge an. Ab Mitte des 20. Jahrhunderts bildeten zudem Wandererparkplätze für Autofahrer die idealen Start- und Endpunkte von Wander-Rundwegen – ausgewiesen durch ein eigenes Parkplatzschild.

Frauen wanderten lange Zeit nur vereinzelt und meist in männlicher Begleitung. Ihnen wurde vielfach der Verlust von Weiblichkeit vorgeworfen. Bemerkenswert ist daher die Darstellung von Kronprinzessin Marie von Bayern im Bergsteigerkostüm aus den 1840er Jahren. Eine Alternative zum Selbstwandern waren Tragesessel, von denen ein Exemplar aus der Zeit um 1870/90 zu sehen ist. Mit dem Aufkommen von Zahnrad- und Seilbahnen Ende des 19. Jahrhunderts verebbte diese Tradition.

In Kunst, Literatur und Musik findet sich das Thema des Wanderns als Metapher. Der Wanderweg wird mit dem Lebensweg gleichgesetzt, das bisweilen beschwerliche und Kraft raubende Vorwärtskommen mit den Mühsalen des Lebens. Beeindruckend ist das großformatige Gemälde „Der Wanderer“ von Koloman Moser aus der Zeit um 1915/16, eine Leihgabe aus dem Wien Museum. Sein Wanderer verkörpert den Typus eines Getriebenen, eines über das Irdische hinaus strebenden Menschen.

In den 1930er Jahren wurde aus dem Wandern immer häufiger ein Marschieren, oftmals verbunden mit paramilitärischen Übungen. Die NS-Diktatur begann, das organisierte Wandern zu vereinnahmen. Im Gegenzug ermöglichte das individuelle Wandern, sich diesem Druck zu entziehen. Wandern spielte auch als Wirtschaftsfaktor eine immer größere Rolle. Wanderkleidung wurde zunehmend praktischer, die Materialien funktionaler und leichter, wie aktuelle Wanderschuhe, Rucksäcke und Jacken verdeutlichen.

Inzwischen hat die Freizeitbeschäftigung auch den digitalen Raum erobert. Mittels Spielkonsole und animierten Videos können bequem von zu Hause aus neue Welten entdeckt werden. Die Ausstellung endet mit aktuellen Künstler-Positionen, die einen ironisch-skurrilen Blick auf das Wandern werfen. Während das Fotografen-Ehepaar Blume sich auf einem monumentalen Triptychon durch einen dunklen Wald hangelt, zersägt Thomas Virnich einen eigentlich als hilfreiche Stütze gedachten Wanderstock. So schlägt die Schau einen Bogen bis in die Gegenwart.

Infos zur Ausstellung:

Infos zu Öffnungszeiten und Anreise findet man im Internet unter www.gnm.de

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