06.03.2019 - 14:10 Uhr
NürnbergDeutschland & Welt

Grande Dame des Affenhauses

Bei der Namenswahl in den 60er Jahren ahnte niemand, welch biblisches Alter der Affe erreichen würde: Heute ist "Mädi" 52 Jahre alt und das älteste Weißhandgibbon-Weibchen der Welt. Ihr Zuhause ist der Nürnberger Tiergarten.

Der Gibbon ist das „Zootier des Jahres 2019“. Im Nürnberger Tiergarten lebt mit „Mädi“ das älteste Weißhandgibbon-Weibchen der Welt. Sie hat 12 Jungtiere großgezogen. Unvergessen sind ihre Duette mit „Heino“.
von Christine Ascherl Kontakt Profil

Die alte Dame mag Weintrauben und Bananen, gern auch einen Zwieback. "Mädi!", ruft Tierpfleger Christian Stankiewitz. "Schau mal, eine ganz Handvoll!" Er hält gelbe Weintrauben hoch, die in der Morgensonne leuchten. Und schon schwingt sie mit langen Armen heran: "Mädi", die Grande Dame des Affenhauses. Sie ist mit größter Wahrscheinlichkeit das älteste Weißhandgibbon-Weibchen der Welt. In Zoos sind weltweit keine älteren Exemplare registriert, und in Freiheit werden Gibbons nicht so alt. Es gibt nur ein Männchen, das ein Jahr älter ist und in Großbritannien lebt.

Vor 40 Jahren kam "Mädi" aus Thailand in den Nürnberger Tiergarten. Dr. Helmut Mägdefrau war damals 15 Jahre alt und noch lange kein stellvertretender Zoodirektor. Aber er kennt natürlich die Geschichte der Ankunft 1969. Auf "Mädi" wartete ein Männchen, ein blonder Typ mit der typischen schwarzen Behaarung um die Augen, die einer Sonnenbrille gleicht. Das Pärchen stimmte gemeinsam wunderschöne Gibbon-Gesänge an. Langgezogene Schreie über mehrere Oktaven. Das Männchen hieß "Heino".

Das gleichaltrige Paar zog innerhalb von 30 Jahren zwölf Jungtiere groß, alle erfolgreich, "keine Selbstverständlichkeit", sagt Mägdefrau. Und das Paar strafte die zoologische Literatur Lügen. In einem Fachbuch wurde einmal das Höchstalter mit 32,5 Jahren angegeben. Mägdefrau schrieb eine Grußkarte an den Autor: "Unser Weibchen ist 40 und zieht gerade ihr zwölftes Jungtier groß."

Monogame Fremdgeher

Weißhandgibbons sind aus Sicht des Biologen ein schönes Beispiel, wie Biologie funktioniert. Sie bleiben immer treu bei einem Partner - "gehen aber fremd, dass es kracht". Mit dem treuen Paarzusammenhalt garantieren sie die Verteidigung von Revier und Ressourcen bei der Aufzucht. Und das Fremdgehen ist gut für die genetische Durchmischung. Der Nürnberger "Heino" blieb mit seiner "Mädi" monogam, was nicht sein Schaden sein sollte. Auch "Heino" wurde uralt. 2017 starb er an einem Herzinfarkt. Der Witwe wollte man keinen neuen Kavalier antun. Mit den Töchtern "Sari" (15) und "Sisou" (13) genießt sie jetzt eine Art betreutes Wohnen. Die weiteren Jungtiere leben in sechs deutschen Zoos, in Österreich, Polen und Brasilien.

Dünne, weiß behaarte Finger greifen durch das Gitter. "Mädi" klaubt die Trauben aus der Hand von Stankiewitz. Der streicht er ihr sachte über die Fingerrücken. Seit fast 20 Jahren kennt der Tierpfleger die Affendame. "Sie ist sehr nett. Mädi ist die Beste und bei den Stammpflegern sehr beliebt." Von ihm lässt sich die Gibbon-Seniorin sogar kraulen. Die jungen Pfleger sind da schon wesentlich vorsichtiger. "Man muss ihre Eigenheiten kennen, sonst kann das bei ihr ganz schnell umschlagen."

Die Braven und die Frechen

Mit den Affen ist das so eine Sache: Es gibt die Braven, wie die Weißgesichtssakis, die sich völlig frei im Manatihaus bewegen dürfen – eine Armlänge von den Besuchern entfernt. Es gibt die Frechen: Die 43 Paviane würden vermutlich jeden Kinderwagen zerlegen. Die Lieblinge von Stankiewitz sind aber die 15 Totenkopfäffchen, die jeden Morgen vor Freude „völlig ausflippen“, wenn die Pfleger kommen. Zu den Gorillas – versteht sich von selbst – kann kein Mensch direkt rein marschieren. Dort hat sich der Harem nach dem Tod von Silberrücken „Fritz“ 2018 gerade neu sortiert. Ein neues Männchen zog ein, ein Spanier von beeindruckender Statur. „Thomas“ ist 165 Kilo schwer, 1,80 Meter groß und stammt aus dem Zoo Valencia. Offenbar klappt’s inzwischen ganz gut mit den Fränkinnen.

Der Austausch mit Tiergärten auf internationaler Ebene läuft laut Mägdefrau „hervorragend“. Der europäische Zooverband startete in den 80er Jahren das Europäische Erhaltungszuchtprogramm (EEP). Für jede Tierart ist ein Koordinator bestimmt worden. Mägdefrau ist für die Schabrackentapire zuständig, Kollege Dr. Lorenzo von Fersen für Seekühe. Wenn die Zucht sehr gut läuft, gelingt es mitunter, genetische Linien nicht nur in Tierparks aufrechtzuerhalten, sondern Individuen in ihren ursprünglichen Lebensraum auszusiedeln.

Wenn „Mädi“ stirbt, werden ihre Töchter an andere Tiergärten abgegeben. Denn eines ist jetzt schon klar: Mit „Mädis“ Tod wird die Ära der Weißhandgibbons in Nürnberg enden. Ihr Bestand ist stabil, sie sind die häufigste Gibbon-Art weltweit. Andere Gibbon-Arten sind dagegen hoch bedroht. Eine solche will man in Nürnberg ansiedeln. „Das ist das klare Ziel.“ Der Tierbestand wird nach drei Kriterien gewählt: Artenschutz, Forschung und Zoopädagogik. Ausnahmen werden für Publikumslieblinge gemacht, wie die Erdmännchen, die „nur“ niedlich sind.

Abschied von Legenden

Der Tiergarten Nürnberg musste schon 2018 von zwei legendären „Rentnern“ Abschied nehmen: Silberrücken „Fritz“ (55) und Delphin-Opa „Moby“, der so alt wurde, dass er die eigenen Pfleger in den Ruhestand verabschieden konnte. „Zootiere werden deutlich älter als Wildtiere“, sagt stellvertretender Direktor Mägdefrau. Ursächlich seien Futtergarantie, Reviergarantie und die gute medizinische Versorgung. Insgesamt sind im Nürnberger Zoo 68 Personen mit der Tierpflege betraut. Bewerbungen bekommt man deutlich mehr, zuletzt 700 bis 800 für drei Lehrstellen. In früheren Jahren gingen oft sogar deutlich über 1000 ein.

„Mädi“ wird nicht das ewige Leben haben. Auch wenn sie sich heute elegant durch das Freigehege hantelt, um auch noch die letzte Traube aufzusammeln. „Sie ist immer noch sehr fix, gesundheitlich topfit“, lobt Pfleger Stankiewitz. Außer einem pflanzlichen Herz-Kreißlauf-Mittel braucht sie keine Medikamente. Aber zuletzt sei „Mädi“ schon merklich älter geworden. „Das wird einmal ein sehr trauriger Tag, wenn sie stirbt.“

Händchen halten mit Gibbon-Dame „Mädi“: Das darf beileibe nicht jeder. Tiefpfleger Christian Stankiewitz kennt sie seit fast 20 Jahren.
Die Arme sind bei Weißhandgibbons länger als der ganze Kerl. „Mädi“ ist von dunkler Farbe. Es gibt auch blonde Weißhandgibbons, wie das 2017 von verstorbene Männchen „Heino“.
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