Nürnberg
07.12.2018 - 13:23 Uhr

Kerzenlicht im Trümmerhaufen

Der Zweite Weltkrieg hat Nürnberg zur Ruinenstadt gemacht. Drei Jahre nach Kriegsende gleicht vieles noch einem Trümmerhaufen, die „Wiederentdeckung“ des traditionellen Christkindlesmarkts bringt vor 70 Jahren etwas Normalität zurück.

Der Christkindlesmarkt im Jahr 1948 mit Blick auf die Frauenkirche. Bild: Stadtarchiv Nürnberg A 39/I Nr. 182-d
Der Christkindlesmarkt im Jahr 1948 mit Blick auf die Frauenkirche.

Der Nürnberger Christkindlesmarkt ohne Glühwein ist heute nur schwer vorstellbar. Vor genau 70 Jahren war das noch anders: In erster Linie ging es damals ganz traditionell ums "Kindleinsbescheren". Als am 4. Dezember 1948 das damalige Nürnberger Christkind Sophie Keeser den Prolog sprach, war es für viele Besucher etwas Besonderes: Nach einer zehnjährigen Pause war es der erste Nürnberger Christkindlesmarkt nach Kriegsende in einer immer noch von Zerstörungen geprägten Stadt. Mit einer gemeinsamen Fotoausstellung aus Beständen des Stadtarchivs Nürnberg erinnern das Stadtmuseum im Fembo-Haus und der Förderverein Nürnberger Felsengänge bis zum 6. Januar 2019 unter der Überschrift "Kerzenlicht im Trümmerhaufen" an das Anknüpfen an die Nürnberger Christkindlesmarkt-Tradition.

"Wer sich mit älteren Mitbürgern unterhält, stellt fest, dass drei Ereignisse nach dem Zweiten Weltkrieg die Normalität in die Stadt zurückgebracht haben", sagt Thomas Schauerte, Leiter des Stadtmuseums im Fembo-Haus: Das Chorkonzert in der Ruine der Sebalduskirche Juli 1945, die Wiedereröffnung des Dürer-Hauses 1949 und der erste Christkindlesmarkt auf dem Hauptmarkt nach dem Krieg 1948. "Auch wenn die Stadt noch in Trümmern lag, so erlebten die Kinder doch zum Teil das erste Mal eine friedliche Stadt aus Holz und Tuch", erklärt Schauerte. Die Fotos spiegeln die bescheidenen Umstände wieder, in deren Rahmen der wohl berühmteste Weihnachtsmarkt Deutschlands seine Renaissance erlebte.

Die Besucher tauchen bildlich ein in den 4. Dezember 1948, als das damalige Christkind Sofie Keeser seinen Prolog vor dem Hauptportal der Frauenkirche hielt. Die Zeremonie ist seit Jahrzehnten nahezu gleich geblieben, der Text des Prologs hingegen nahm damals Bezug auf die Situation des Jahres 1948. Die Fotos geben einen Einblick in die Schäden Nürnbergs auch drei Jahre nach Kriegsende, so wird gezeigt der Blick über den Christkindlesmarkt Richtung Norden mit den Ruinen des Alten Rathauses, im Hintergrund ist die Kaiserburg zu sehen.

Was die Fotos ebenfalls aussagen und auch dokumentarisch belegt ist: Es war 1948 ein Christkindlesmarkt ohne Schnee, der milde Winter sorgte erst im Januar 1949 für einige Schneeflocken. Die Ausstellung wirft neben dem Fokus auf das Jahr 1948 den Blick noch weiter in die Vergangenheit zurück. Gezeigt werden zwei Ölbilder des Nürnberger Malers Wilhelm Ritter aus den Jahren 1890 und 1891, auf denen eine zeitgenössische spätromantische Ansicht des Christkindlesmarkt auf der Fleischbrücke festgehalten ist.

Kombiniert wird die Ausstellung am Sonntag, 9. und Sonntag, 16. Dezember mit Führungen durch den "Obstmarktbunker" hinter der Frauenkirche. Der 1941 gebaute Luftschutzbunker kann mit einer illustren Geschichte aufwarten: Gebaut als einer von 23 Bunkern während des Weltkriegs für die Zivilbevölkerung, diente er nach dem Krieg als Unterkunft für 45 Obdachlose zwischen zwei und 62 Jahren. "Diese wurden im April 1946 ausquartiert, für einige Monate zog dann eine internistische Arztpraxis ein", erklärt Ralf Arnold, Vorsitzender des Fördervereins Nürnberger Felsengänge.

Ab 1. Juli 1948 wurden die insgesamt 28 Räume auf einer Fläche von 900 Quadratmetern zum "Bunkerhotel" umfunktioniert. "An die kahlen Bunkerwände ließ der Hotelbetreiber seinerzeit von einem regionalen Künstler Abbildungen historischer Bauten malen, auch solche, die im Bombenkrieg untergegangen waren", weiß Arnold.

Der Nürnberger Maler Wilhelm Ritter brachte Ende des 19. Jahrhunderts den Christkindlesmarkt so auf die Leinwand, wie er ihn sah. Bild: Holger Stiegler
Der Nürnberger Maler Wilhelm Ritter brachte Ende des 19. Jahrhunderts den Christkindlesmarkt so auf die Leinwand, wie er ihn sah.
Die Wände im ehemaligen „Bunkerhotel“ zieren historische Bauwerke, die zum Teil im Krieg auch zerstört worden waren. Bild: Holger Stiegler
Die Wände im ehemaligen „Bunkerhotel“ zieren historische Bauwerke, die zum Teil im Krieg auch zerstört worden waren.
Service:

Ausstellung: „Kerzenlicht im Trümmerhaufen“. Bis 6. Januar.

Ort: Stadtmuseum im Fembo-Haus, Burgstraße 15, 90403 Nürnberg

Kontakt: Telefon: 09 11 / 2 31

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag von 10 bis 17 Uhr, Samstag und Sonntag von 10 bis 18 Uhr und während des Christkindlesmarkts auch Montag von 10 bis 17 Uhr.

Der Eintritt in die Fotoausstellung „Kerzenlicht im Trümmerhaufen“ ist im Museumseintritt inbegriffen. Die Teilnahme an der Führung durch den Obstmarktbunker am 9. und 16. Dezember (zwischen 11 und 17 Uhr stündlich) kostet acht Euro. (stg)

www.museen.nuernberg.de

www.stadtmuseum-fembohaus.de

www.felsengaenge-nuernberg.de

 
Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:
Zum Fortsetzen bitte

Sie sind bereits eingeloggt.

Um diesen Artikel lesen zu können, benötigen Sie ein OnetzPlus- oder E-Paper-Abo.