18.04.2019 - 13:39 Uhr
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Osterpredigt: "Er hat mir den Kopf verdreht"

Pfarrer Günther Kusch über das Wunder von Ostern, Grönemeyer und warum Trauer nicht das letzte Wort behält.

Ostermarkt im Stadtmuseum Amberg
von Günter KuschProfil

Er hat mir den Kopf verdreht", sagt die junge Frau. Und man sieht das Leuchten in ihren Augen, als sie begeistert von dieser großen Liebe erzählt, die ihr ganzes Leben durcheinander gewirbelt hat. Nichts geht mehr seinen gewohnten Gang. Ob Arbeit oder Freizeit - alles ist von dieser Freundschaft durchdrungen. Ihr Partner bestätigt den Wandel, den die beiden in ihrer Beziehung erleben. Die Mühen des Alltags und so manche Schicksalsschläge sind "zu zweit eben leichter zu bewältigen", fügt er hinzu.

An dieses Traugespräch muss ich denken, als ich das Bild von Sieger Köder das erste Mal sehe. "Er hat mir den Kopf verdreht" - im übertragenen Sinn könnten diese Worte auch von Maria stammen. Vor kurzem noch hat sie voll Wehmut auf das leere Grab gestarrt und geklagt: "Man hat meinen Herrn weggenommen." Doch dann dreht sie sich um, weg vom Ort der Kummer und begegnet dem Auferstandenen. Auch wenn sie ihn zuerst nicht erkennt. Als Jesus ihren Namen nennt, "Maria", da weiß sie: Meine Trauer behält nicht das letzte Wort.

Maria von Magdala am Ostermorgen, zusammengekauert zwischen den Gräbern eines Friedhofes. Die steinigen Ruhestätten stehen stellvertretend für die vielen Friedhöfe dieser Welt. Für die Gräber in Syrien, im Irak und in anderen Krisengebieten, für die Toten der zahllosen Katastrophen, an denen Menschen nicht selten mitschuldig sind. Und sie symbolisieren die Gräber persönlichen Scheiterns. All das, was misslungen ist, obwohl man so viel Hoffnung darauf gesetzt hatte. Visionen, die nicht in Erfüllung gehen, weil zu hohe Erwartungen gestellt wurden. Krankheiten, die jede Zukunftsplanung scheitern ließen. Oder Beziehungen, die trotz aller Bemühungen, letztlich zum Scheitern verurteilt waren.

Der Ostermorgen verändert all diese Stätten des Todes. Er verdreht den Menschen den Kopf, damit sie einen anderen Standpunkt einnehmen können. Die frohe Botschaft von der Auferstehung Jesu rollt den Stein vor den Gräbern endgültig fort. "Adam" und "Eva", so ist in hebräischer Sprache auf zwei Felsblöcken zu lesen. Die gesamte Menschheit wird hier in den Blick genommen. Im Licht des Auferstandenen keimt für sie neue Hoffnung auf.

Sicher, die Grabsteine auf dem Bild des Künstlers Sieger Köder sind deshalb nicht verschwunden. Gott lässt nicht einfach Gras wachsen über dem, was Menschen bedrückt. Er schiebt ihre Last und ihren Kummer nicht zur Seite, als wären sie vergessen und vergangen. Aber Gott durchkreuzt die Schwermut und Hoffnungslosigkeit. Langsam wird es hell am Horizont. Und das österliche Morgenlicht beginnt in den Alltag hinein zu leuchten - an allen Stellen des Lebens bis hin zum Tod.

"Er hat mir den Kopf verdreht" - unsere Welt braucht diesen Standortwechsel: Damit Israelis und Palästinenser wieder aufeinander zugehen, um den Frieden zu fördern. Damit Politiker ihre Verantwortung ernst nehmen und Entscheidungen unter ethischen Gesichtspunkten treffen. Damit zerstrittene Freunde Worte der Versöhnung finden. Damit auch alte Menschen in unserer Gesellschaft eine Chance haben. Damit die Zukunft unserer Kinder lebenswert bleibt. Damit Sparbeschlüsse unter sozialverträglichen Gesichtspunkten abgeschlossen werden. Und damit eben nicht das Motto "Hauptsache mir geht es gut", sondern die Nächstenliebe das Handeln bestimmt.

Der Glaube an die Auferstehung ist für mich die stärkste Kraft, all dem zu widerstehen, was das Leben niederdrücken will. Ostern ruft uns zu: Es muss nicht so sein wie es ist. Jeder neue Tag eröffnet Möglichkeiten, um Leid und Unrecht in den Blick zu nehmen und abzuwenden. Eine Ballade von Herbert Grönemeyer klingt wie eine Interpretation des österlichen Geschehens, das Sieger Köder so eindrucksvoll ins Bild gerückt hat: "Du bist eine sichere Prognose, das Prinzip Hoffnung, ein Leuchtstreifen aus der Nacht. Irgendwann find und lieb ich dich. Du holst mich aus dem grauen Tal der Tränen, bis alle Wunder auf einmal geschehen, dass mir Hör'n und Sehen vergehn."

Das Licht des Ostermorgens scheint hell und hilft, aus diesem grauen Tal der Tränen heraus zu kommen. Ohne Umkehr und Umsicht aber funktioniert das nicht. Deshalb sollten wir uns möglichst oft "den Kopf verdrehen lassen" - damit wir den Blick für die Liebe nicht verlieren.

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