17.08.2018 - 13:52 Uhr
Deutschland & Welt

Aber nur einer war glücklich - ihm gelang die Flucht

Tränen, Ohnmacht und Ratlosigkeit an der Grenze - Der 21. August 1968 am Grenzübergang

Original-Zeitungsausschnitt von 1968
von Externer BeitragProfil

Mittwoch, 21, August 1968; 6 Uhr morgens: bleierne Stille liegt über dem deutsch-tschechischen Grenzübergang Waidhaus/ Roßhaupt. Eben kommen Vertreter der Grenzpolizei von einem Gespräch mit ihren tschechischen Kollegen zurück. Ihr Mienenspiel sagt mehr, als der karge Kommentar: "Das ist das Ende!" Und aus Kollegen beiderseits des Schlagbaums werden, nach einem bewegten Abschiedsgespräch, wieder Gegner.

Kurz nach sechs treffen die ersten tschechischen Fernlastwagen am Grenzübergang Waidhaus ein. Sie müssen warten. Aus einem Führerhaus, tönen tschechische Nachrichten. Fünf, sechs tiefernst, mehr aber noch ratlos blickende Tschechen stehen davor. Nachdem wir die ersten Zigaretten ausgetauscht haben, bricht es aus ihnen heraus: "Die Russen, Novotný. So schlimm wie damals Hitler. Jetzt ist es aus!" Hartgesottene Fernfahrer, mit einer von ohnmächtiger Wut heiseren Stimme. Einer schüttelt den Kopf, tritt die halb-gerauchte Zigarette aus.

Allmählich beginnt der Grenzverkehr in die Bundesrepublik anzulaufen. H. Buchholz aus Plön (Schleswig Holstein) ist einer der ersten. "Um halb drei wurden wir in unserem Prager Hotel geweckt. Der Portier sagte, wir sollten sofort ausreisen. Wir haben uns nicht einmal mehr gewaschen und sind gleich losgefahren. Unterwegs winkten uns die Tschechen zu. Gott sei Dank, haben wir's jetzt geschafft." "Die haben jetzt Wichtigeres zu tun", murmelt ein Finne, der mit seinen Teamkameraden in die CSSR einreisen will, um am Sonntag an einem Motorradrennen in der Nähe Prags teilzunehmen. Sie kommen direkt aus Dublin, wo sie ebenfalls bei einem Rennen gestartet waren. Was heißt ebenfalls. Sie stehen da und warten. Worauf? Sie wissen es wohl selber nicht. Auf ein Wunder vielleicht?

"Wie damals in Ungarn", kommentiert ein Autofahrer aus Nürnberg die Stunden, die er kurz zuvor auf einem Campingplatz in Prag verlebt hat. Damals, so erklärt uns der Mann, war er noch "drüben". "Als wir die ständigen Durchsagen über den Platzlautsprecher hörten, wußten wir, was das zu bedeuten hatte. Wir rissen unser Zelt ab, und nichts wie weg".

Ein Reisebus aus Hannover trifft ein. Für die ahnungslose Gesellschaft ist die tragische Nachricht aus der CSSR funkelnagelneu. Eine Frau um die Fünfzig, auf die Frage, warum sie in die CSSR reisen wolle: "Nach dreiundzwanzig Jahren einmal meine Heimat wiedersehen. Prag." Sie wendet sich ab und zieht ein gesticktes Taschentuch aus der Tasche. Das ist alles. Der Bus kehrt um.

Die tschechischen Fernfahrer beginnen auf einmal heftig zu diskutieren. Die Sowjetrussen haben alle Rundfunkstationen mundtot gemacht. Mit einer Ausnahme. Und diese Ausnahme verdüstert die Stimmung immer mehr. Aufrufe zur Besonnenheit, um einer Übermacht nicht Anlaß zu bieten für ein Blutbad. Aufruf zur Besonnenheit und eigene Ohnmacht, Ratlosigkeit; denn die sozialistischen Brudervölker machen ernst.

Nach acht Uhr nimmt der Verkehr zu. Die tschechischen Grenzer fertigen reibungslos ab. Inzwischen haben sich die Schaulustigen zu einem kompakten Block vermehrt. An ihnen vorbei kommen die Autos herüber. Manche Fahrer winken. Andere, man merkt es, haben eben eine Flucht beendet.

Auch die Tschechen dürfen ausreisen, hier bei Roßhaupt/Waidhaus. Ein Lkw-Fahrer schüttelt verbittert den Kopf. Ob er nichtmehr zurückkehrt? Man weiß es nicht: Sicher, aber: Er wird vor einer Entscheidung stehen.Ein anderer Tscheche parkt seinen Wagen vor dem Zollgebäude des Waidhauser Übergangs. "Mein Visum gilt noch bis zum Dreißigsten. Soll ich rüber oder noch abwarten?" Die Frage beantwortet ihm keiner. Eine Tschechin kommt herüber. Sie sitzt weinend hinter dem Steuer ihres Wagens. Bleich, abgehärmt. "Ich muß wieder zurück, meine drei Kinder sind doch in Prag." Eine Stuttgarter Familie mit zwei Kindern: "Wir waren bei unseren Verwandten in Prag. Ob wir sie wohl je wiedersehen werden? Es ist einfach so furchtbar. Man kann es noch gar nicht richtig fassen." Die beiden Kinder sitzen im Auto und zerren an einer Puppe.

Wieder ein Fernfahrer, kaum über zwanzig Jahre alt. Groß und breitschultrig. Er muß seine Zollformulare ausfüllen. Und er schafft es auch. Aber er weint, weint wie ein kleines Kind. Er will sich beherrschen, es gelingt nicht. Fassungslos, er kann es nicht begreifen.

Und dann die dramatischste Szene dieses ganzen Tages. Es ist kurz nach neun Uhr. Von der Anhöhe des tschechischen Grenzübergangs kommt ein junger Mann heruntergeschlendert. Wir stehen zu diesem Zeitpunkt etwa 50 bis 60 Meter vom Schlagbaum entfernt. Urplötzlich beginnt der Junge zu laufen. Jeder spürt: Hier rennt einer um sein Leben. Er schlägt einen Haken, entkommt dem ersten Posten, springt in den Graben links der Brücke. Vier oder fünf tschechische Grenzer jagen ihm nach, einer reißt die Pistole heraus. Zollobersekretär Martin Fischer, der an diesem Tag dienstfrei hat, springt vor und brüllt: "Laßt ihn doch laufen!" Es fällt kein Schuß. Der 22-jährige Pavel Fidermák aus Pilsen umarmt den ersten deutschen Grenzbeamten. Geschafft!

Warten auf die Russen. Die Augenzeugen, die herüberkommen, geben widersprüchliche Meldungen ab. Bis um elf Uhr sind sie jedenfalls noch nicht da, und wie sich dann herausstellt, lassen sie am Übergang Roßhaupt bis zum Abend (Redaktionsschluß) auf sich warten. In der Ortschaft Roßhaupt sollen sie sein, an der Grenze läßt sich, im Gegensatz zu den Übergängen Schirnding und Furth im Wald, keiner blicken. Um elf Uhr fahre ich zurück.

In Waidhaus treffe ich noch einen jungen Tschechen. Sein Gesicht ist gerötet, aber er weint nicht mehr. Er schluchzt, hält mir einen Pappkarton hin, auf den er mit großen Lettern das Wort "Wien" geschrieben hat. "Wie schreiben Tschech in Deutsch?" Ich mal es ihm auf sein Plakat. "Tscheche will nach Wien", das meint er radebrechend. Ich frage, ob ich ihm irgendwie helfen könne. Er schüttelt nur stumm den Kopf. Es ist schon mehr als Resignation. Für ihn ist eine Welt zusammengestürzt. Wer könnte da noch helfen?

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Nachrichten per WhatsApp und Facebook Messenger

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.