30.10.2019 - 17:40 Uhr
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Agenturchef Thomas Würdinger zum Arbeitsmarkt der Oberpfalz: Das Glas ist halbvoll

Kommt die Krise? Und wenn, was macht sie mit dem Arbeitsmarkt in der Region? Agentur-Leiter Thomas Würdinger erklärt, weshalb nach dem Boom eine schwächeres Jahr normal ist. Er sagt aber auch, wo die Unternehmen der Region handeln sollten.

Thomas Würdinger, Chef der Arbeitsagentur Weiden, im Interview.
von Wolfgang Würth Kontakt Profil

Im Interview erklärt der Leiter der Arbeitsagentur Weiden, Thomas Würdinger, auch, weshalb es keinen Grund zur Beunruhigung gibt.Auch wenn es durchaus gewisse Risiken gibt.

ONETZ: Herr Würdinger, in den vergangenen Monaten sind Begriffe in die Wirtschaftsnachrichten zurückgekehrt, die man kaum mehr kannte: Krise, Rezession. Merkt der Arbeitsmarkt der Nordoberpfalz etwas davon?

Thomas Würdinger: Ich würde das nicht so drastisch bezeichnen. Ich sehe weder Krise noch Abschwung. Wir haben natürlich Unternehmen, die am Weltmarkt unterwegs sind. Und der Weltmarkt schwächt sich tatsächlich ab. Diese Entwicklung geht nicht spurlos an diesen Unternehmen vorbei.

ONETZ: Um welche Branchen geht es besonders?

Die Oberpfälzer Wirtschaft ist stark in der Produktion, etwa der Maschinenbau. Hier gehen über 50 Prozent der Produktion ins Ausland. Natürlich wirkt sich dabei die weltweite Abschwächung aus. Wenn man aber die Nachricht von der Schließung des Continental-Werks in Roding hört, muss man hinzufügen, dass wir weiter im Norden nicht so sehr von der Automobilbranche abhängen.

ONETZ: Heißt das, es wirkt sich noch nicht aus, oder gehen Sie auch für die Zukunft von einem stabilen Arbeitsmarkt aus?

Das wäre jetzt der Blick in die Glaskugel, den kann ich nicht leisten. Es ist aber sicher so, dass wir acht oder neun ausgezeichnete Jahre hinter uns haben.Und wenn man sich die Vergangenheit ansieht, dann ist so ein Zyklus ganz normal. Nach sieben oder acht fetten Jahren kommt ein Jahr, in dem Luft geholt wird. Das braucht die Wirtschaft auch. Und offensichtlich haben wir jetzt so ein Jahr. Man muss sicher abwarten was passiert beim Brexit, was passiert beim Handelsstreit. Für mich ist das Glas aber halbvoll, unsere Betriebe sind gut aufgestellt.

ONETZ: Die Oberpfalz hat auch wegen des Welthandels ein Jobwunder erlebt. Ist der Arbeitsmarkt nun besonders gefährdet, wenn diese Weltwirtschaft schwächelt?

Das ist schon in der Mathematik begründet: Wenn man ein hohes Niveau erreicht hat, dann trifft einen ein Abschwung absolut etwas stärker. Fakt ist aber, dass wir eine tolle Entwicklung durchlaufen haben. Und wir haben in der Krise 2008/2009 auch gesehen, dass wir gute Instrumente für einen Abschwung haben. Damals haben wir gute Erfahrungen mit Kurzarbeit gemacht. Diese hilft, eine Schwächephase zu überwinden. Und man hat plötzlich Zeit, Mitarbeiter weiterzubilden.

ONETZ: Bemerken Sie verstärkte Nachfrage nach Kurzarbeit?

Wir haben ein paar mehr Fallzahlen, aber immer noch auf sehr niedrigem Niveau. Auch wenn die Arbeitsagentur Rücklagen aufgebaut hat und gut vorbereitet ist, sollte man hier derzeit auch den Zugang zur Kurzarbeit nicht erleichtern, man würde vielleicht eine Spirale in gang setzen. die Politik sollte vorsichtig sein und keine Fehlanreize schaffen, die einen Schneeball ins Rollen bringen könnten.

ONETZ: Wie sehen Sie die Herausforderung, einerseits im Abschwung vielleicht Stellen abbauen zu müssen, gleichzeitig aber die Fachkräfte für den nächsten Aufschwung zu halten?

In der Regel werden die Unternehmen verstärkt bestrebt sein, ihre Mitarbeiter im Betrieb zu halten. Wir haben immer noch 2600 offene Stellen gemeldet, wir sehen hier auch keinen dramatischen Einbruch. Gute Fachkräfte lassen sich immer noch sehr schnell wieder vermitteln, die Dynamik auf dem Arbeitsmarkt ist ungebrochen. Der Fachkräftebedarf ist hoch und wird hoch bleiben.

ONETZ: Der Arbeitsmarkt verändert sich nicht nur konjunkturell, sondern auch strukturell. Mobilitätswende und digitaler Wandel sind die Stichworte. Wie ist die Oberpfalz darauf vorbereitet?

Die Wissenschaft hat vorgerechnet, dass Arbeitsplätze wegfallen aber auch neue entstehen. Letztlich wird es wohl ein Nullsummenspiel. Aber natürlich wird sich etwas verändern. Gerade im produzierenden Gewerbe, also auch hier in der Oberpfalz gibt es Stellen, die sich wohl bald durch Maschinen ersetzen lassen. Das kann aber kein Argument gegen die neue Technik sein. Die Geschichte zeigt, dass bei einem Strukturwandeln immer jene gewinnen, die möglichst früh auf die neue Technik setzen.

ONETZ: Was folgt aus dieser Erkenntnis?

Wichtig wird sein, die Mitarbeiter bei der Entwicklung mitzunehmen, sie zu qualifizieren. Über das neue Qualifizierungschancengesetz haben wir seit 2019 die Möglichkeit, die Kosten für die Qualifizierung von beschäftigten Fachkräften zu übernehmen. Bisher wird diese Möglichkeit kaum in Anspruch genommen. Das liegt auch daran, dass die Auftragslage bei den Unternehmen immer noch sehr gut ist. Es fehlt die Zeit, Mitarbeiter zur Fortbildung abzustellen. In der Zukunft werden wir aber mehr Aufwand für die Qualifizierung der Fachkräfte investieren müssen.

ONETZ: Ist die Einsicht in der Oberpfälzer Wirtschaft vorhanden, dass hier mehr passieren muss?

Das entwickelt sich langsam. Ich bin seit 2012 in Weiden, seither werbe ich dafür, auszubilden, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. In den Köpfen angekommen ist das aber erst, als das Problem der fehlenden Fachkräfte richtig drängend wurde. Solange es gut läuft, ändert sich wenig, da ist der Markt einfach träge. Ganz ähnlich ist es bei der Fortbildung der Fachkräfte. Es dauert, bis das im Bewusstsein der Unternehmen ankommt.

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