04.06.2021 - 10:05 Uhr
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Wenn die Familie zum Tatort wird

Auf einem Hof in der Oberpfalz spielte sich 2004 eine schreckliche Tat ab: Ein Familienvater erschießt seine Frau und die zwei Söhne, im Anschluss richtet er die Pistole gegen sich selbst. Und immer ist da die Frage nach dem "Warum".

Alle Hintergründe zur Folge 3
von Mareike Schwab Kontakt Profil

"Buntes Stanniolpapier am Maibaum raschelt im Wind. Enten drehen ihre Runden im kleinen Dorfweiher. Ländliche Idylle im Kreis Neustadt/WN. Doch an diesem Freitagmorgen platzt ein Rettungswagen in die Beschaulichkeit. Und noch ahnt keiner im Dorf, welche Tragödie sich in der letzten Nacht auf dem Hof der Familie M. abgespielt hat": So beschrieb Stefan Zaruba, damals Reporter und heute Deskleiter der Redaktion Weiden, die Szene am 14. Mai 2004 in seinem Artikel. "Es gibt", sagt Zaruba im Gespräch mit unserer Zeitung, "nach 30 Jahren Berufszeit nur eine Handvoll an Fällen, die mir immer wieder ins Gedächtnis zurückkehren. Dieser ist einer davon." An diesem Tag hatte ein Landwirt aus einem kleinen Dorf im westlichen Landkreis Neustadt an der Waldnaab seine Familie ausgelöscht.

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Auch der ehemalige Bürgermeister der Gemeinde, Günther Stich, kann sich noch erinnern. An diesem Tag eröffnete die erste Gewerbeausstellung, die das ganze Dorf mit organisiert hatte. Wie ein Lauffeuer habe sich damals die Nachricht verbreitet, dass auf dem Hof der Familie M. etwas schreckliches passiert sei. Zunächst haben alle gedacht, der 72-jährigen Großmutter könnte etwas zugestoßen sein. Der wahre Grund für die vielen Einsatzkräfte setzte das ganze Dorf unter Schock.

Der 46-Jährige Familienvater überlebte seine Verzweiflungstat in der Nacht zum Freitag mit lebensgefährlichen Verletzungen. Er wurde mit dem Hubschrauber in die Universitätsklinik Regensburg eingeliefert.

Im Schlaf überrascht

Im Dachgeschoss des Bauernhauses fanden die Rettungskräfte eine unwirkliche Szenerie vor: Die Eltern und die beiden Buben lagen in ihren Betten. "Genauso wie man schläft", sagte ein Augenzeuge damals. Alle vier haben Wunden am Kopf. Mutter Ute (42) und den Söhnen (9 und 16) konnte nicht mehr geholfen werden. Sie waren tot. Vom eigenen Vater erschossen.

Ermittlungen der Polizei ergaben, dass einer der Söhne gegen 22.30 Uhr noch eine SMS an einen Freund schickte - das letzte Lebenszeichen aus dem Haus. Ernst M. muss dann gewartet haben, bis seine Familie im Tiefschlaf war. Die Haustür wurde zugesperrt. Den jüngere Sohn tötete er mit einem Schuss in die Stirn. Der zweite Sohn und die Mutter Ute starben nach jeweils zwei Kopfschüssen. Danach richtete der passionierte Jäger die Waffe gegen sich selbst - im Ehebett, neben seiner toten Frau. Er überlebte seine Verzweiflungstat mit lebensgefährlichen Verletzungen und wurde mit dem Hubschrauber in die Universitätsklinik Regensburg eingeliefert. Dort erlag er wenige Tage später den Folgen seines Kopfschusses.

Von den Schüssen bekamen weder Nachbarn noch die ebenfalls auf dem Hof lebende Großmutter etwas mit. Die 72-Jährige fand die leblosen Körper und den verletzten Sohn erst am nächsten Morgen in ihren Betten. Sie hatte sich darüber gewundert, dass sich nach 7 Uhr noch kein Leben auf dem Bauernhof regte.

Die Frage nach dem Warum

Deutschlandweit wurde über das Schicksal der Familie gesprochen. "Es lag so viel Aufmerksamkeit auf dem Dorf. Der Bayerische Rundfunk und Sat1 waren vor Ort. Sogar eine Berliner Zeitung berichtete darüber", erinnert sich der ehemalige Bürgermeister Stich. "Es war eine schwierige Sache. Jeder hat sich gefragt, warum. Doch wir mussten alle erst abwarten."

14. Mai 2004

Experten des Rechtsmedizinischen Instituts aus Erlangen hatten die drei Toten noch am selben Tag in Weiden obduziert, das Ergebnis: "Alle drei seien aus nächster Nähe getötet worden und wiesen darüber hinaus keine Spuren von weiterer Gewalteinwirkung auf." Eine für den nächsten Tag angekündigte Pressekonferenz wurde auf unbestimmte Zeit verschoben. Es seien "umfangreiche, weitergehende Ermittlungen notwendig" um das Rätsel zu lösen. Ein klares Motiv für die Tat des Familienvaters war nicht sofort erkennbar. Er hinterließ keinen Abschiedsbrief.

Vielleicht war die jahrelange Diabetes-Erkrankung des Vaters der Grund für die Tat? Alkoholprobleme oder eine Ehekrise? Spekuliert wurde auch über die wirtschaftliche Lage des Bauern. Die galt als solide. Die Familie hatte eine kleine Pferdezucht und ein Wild-Gehege.

Angst vor dem finanziellen Ruin

Die Polizei kam zu dem Schluss: "Schulden in sechsstelliger Höhe haben Ernst M. (46) zu dieser Tat getrieben." Das Motiv der Tat war klar - und blieb doch schleierhaft. Der damalige Leiter der Polizeidirektion Weiden, Josef Wittmann, erklärte bei einer Pressekonferenz: "Es wäre genügend Privatvermögen da gewesen, um die Schulden zu egalisieren." Trotzdem legte die Polizei den Fall mit dem Fazit "Angst vor dem finanziellen Ruin" wenige Wochen später zu den Akten.

Keine Familientragödie, sondern Mord

Thomas Lippert, Arzt für forensische Psychiatrie und Psychotherapie, hat häufig mit Gewalttätern zu tun. Immer wieder ist seine Expertise als Gutachter von Polizei und Justiz gefragt - auch in Amberg und Weiden. Die Frage nach dem Grund sei oft schwer zu beantworten. Auch im Fall der Familie M. kann er keine pauschale Aussage treffen. "Häufig liegen depressive Verstimmungen bei den Tätern vor. Oft ist auch ein aggressives Gefühl dabei: Wut, Rache, Ärger über den Partner." Diese Aggression würden sich auch gegen die Kinder oder nahe Angehörige richten. "Das sind die typischen Konstellationen, bei denen es zu diesen sogenannten Familientragödien kommt." Thomas Lippert sieht den Begriff "Familientragödie" im Zusammenhang mit solchen Fällen kritisch: "Das sind vorsätzliche Tötungsdelikte. Es handelt sich um hoch aggressive Handlungen. Der Begriff ist aus meiner Sicht viel zu verharmlosend."

Blickt man auf die Chronologie der Oberpfälzer Bluttaten, so fällt auf, dass solche Taten männlich geprägt sind. Das bestätigt auch der Arzt für Psychiatrie. "Allgemein ist es bei Gewalt und Tötungsdelikten so, dass Männer viel häufiger Täter sind als Frauen. Allerdings gibt es auch Fälle, bei denen Frauen einen erweiterten Suizid begehen und ihre Kinder töten." Das Männer in der Mehrheit sind, könne daran liegen, dass sie ihre Gefühlslage eher für sich behalten. Es gäbe laut Lippert oft Anzeichen vor solchen Taten: "Ein Warnsignal kann eine zunehmend depressive Entwicklung sein. Das wäre dann durch Niedergeschlagenheit, Traurigkeit, Rückzug, Abbruch sozialer Kontakte erkennbar. Manchmal kommt es auch vorher zu Androhungen von Gewalt. Aber es gibt durchaus auch Fälle, wo die Situation für Angehörige und späteren Opfer im voraus nicht erkennbar war."

Auf Anzeichen reagieren

Es sei aber keinesfalls so, dass Depressive grundsätzlich aggressiver seien als der Rest der Bevölkerung. Auch sei nicht jeder depressive Mensch zu solchen Taten wie bei Familie M. fähig. Im Gegenteil: "Depression führt zu einer Antriebshemmung und dadurch sinkt dann auch auch das Risiko für solche Taten", erklärt Lippert.

Grundsätzlich sei eine Depression eine Krankheit, auf die man reagieren sollte. "Je nach Lage sollte man sich möglichst früh fachärztliche Hilfe holen. Wenn man als Angehöriger Sorge hat, es könnte etwas passieren, egal ob Suizid oder Gewalt gegen andere, dann sollte man sich frühzeitig an die Polizei wenden. Besonders wenn eine schnelle Reaktion erforderlich ist", rät der Arzt für Psychotherapie. Es gäbe auch Beratungsstellen in der Region die in solchen Situationen helfen. So können eventuell Schicksale wie das der Familie M. verhindert werden.

Thomas Lippert ist Arzt für forensische Psychiatrie und Psychotherapie aus Nürnberg. Er stellt immer wieder psychiatrische Gutachten für die Gerichte in Amberg und Weiden aus.

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  • Sozialpsychiatrischer Dienst Schwandorf: Telefon (09431) 88 17-0
  • Sozialpsychiatrischer Dienst Tirschenreuth: Telefon (09631) 79 89 5-0
  • Sozialpsychiatrischer Dienst Weiden: Telefon (09 61) 3 89 05-0
  • Krisendienst Horizont, Regensburg: Telefon (0941) 5 81 81
  • Agus e.V. für Suizidtrauernde, Bayreuth: Telefon (0921) 150 03 80 (Mo-Do 9-15 Uhr, Mittwoch 17-19 Uhr)
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