Monobo Son – Bitte Mehr! (Zoundr)
Wem die La Brass Banda inzwischen zu kommerziell oder einfach zu bekannt geworden sind, für den bilden Manuel Winbeck, Gesang, Posaune, Wolfi Schlick, Querflöte, Tenorsax, Korbinian Waller, Tuba, Benedikt Dorn, Gitarre und Paul Schmitz, Schlagzeug Abhilfe. Die Zutaten sind in etwa die Gleichen, boarische Folksmusik wird mit Pop und weltmusikalischen Elementen auf die Überholspur gebracht, nur dass Monobo Son etwas differenzierter und „charmanter“ zu Werke gehen. Die feierliche „Fanfare“ testet dabei aus, ob der Boden hält und kündigt die Rückkehr von Monobo Son an, „Meer“ meditiert sich von der heimischen Terrasse aus bis nach Palermo, „Kanapee“ reißt uns aus der gemeinschaftlichen Lethargie und während „Manchmal“ die undurchbrechliche Sucht nach dem Paradebeispiel einer toxischen Beziehung schmerzlich vermittelt, beschreibt „Oamoino“ das Glück zweier Menschen, die nicht viel außer einander und damit alles haben, was sie brauchen. Live kann man das vergnügliche Hörerlebnis am 16. November im Blauen Haus in Amberg und am 20. Dezember in der Weidner Sünde nachhören.
Bryan Ferry – Retrospective: Selected Recordings 1973 bis 2023 (BMG)
Na da kann das Weihnachtsfest zumindest für die Roxy-Music- und Bryan Ferry-Gemeinde ja kommen. Für den kleinen Geldbeutel gibt es die Einzel- oder Doppel-CD, brauchen tut man aber die 5-CD-Edition mit üppigem Booklet, das Ganze gibt es natürlich aber auch rein digital. CD 1 ist ein simples Best-off-Album mit Hits wie “Slave To Love”, “The 'In' Crowd” und “Let's Stick Together”. CD 2, “Compositions” untertitelt, beschäftigt sich mit Bryan Ferrys Schaffensperiode zwischen 1977 und 2014 und beleuchtet insbesondere die Entwicklung seiner Kunst als Musiker und Songwriter. Eine Zeit, in der sowohl das sich entwickelnde Narrativ von “Can´t Let Go” als auch die intensive Atmosphäre von “The Only Face” – wie viele andere seiner Songs auch – ein Gefühl der Weite vermitteln; eine endlos erscheinende Wanderung durch die Hauptstraßen und Hinterhöfe dieser Welt. An anderer Stelle heben schwebende Songs wie “Limbo” und “Loop De Li” Elemente in Ferrys Schaffen hervor, die sich bis heute nicht wesentlich verändert haben: seinen steten, auf den Dancefloor gerichteten Blick. Ferrys allbestimmendes Lieblingsthema jedoch bleibt die Liebe – und der Preis, den man für sie bisweilen bezahlt. Betrachtet aus verschiedenen Blickwinkeln, wie der Musiker mit den drei Paradebeispielen “When She Walks In The Room”, “I Thought” und “Reason Or Rhyme” auf betörende Weise demonstriert. “Interpretations”, CD 3, feiert die neuschöpferische Seite in Ferrys künstlerischem Schaffen. Mit seinen Remakes von The Velvet Undergrounds “What Goes On”, Sam and Daves “Hold On, I'm Coming” und Otis Reddings “That's How Strong My Love Is” erforscht Ferry die Vergangenheit als wäre sie die Gegenwart, während er sich zwischen verschiedenen Genres bewegt, um schließlich ein Signal für kommende Postpunk-Generationen zu senden, sich ohne Scheu an der Musik aller Epochen zu bedienen. Disc No. 4: “The Bryan Ferry Orchestra” wirft einen Blick auf das konzeptionelle Projekt, das Ferry mit dem 2012 erschienenen “The Jazz Age”-Album ins Leben rief und das Songs seines eigenen Repertoirs enthielt – performt als spezielle Versionen, die ebenso im goldenen Jazz-Zeitalter neun Dekaden zuvor entstanden sein könnten. Obwohl Ferry auf “The Jazz Age” nicht als Sänger zu hören ist, erscheint er doch in einem völlig neuen Licht. Ein Album, das es dem Publikum erlaubt, sich ohne Ferrys charismatische Stimme und seine Lyrics ganz auf sein unglaubliches Talent als Songwriter zu konzentrieren. Das Beste gibt`s wie immer zum Schluss: “Rare And Unreleased” vereint B-Seiten, Extras, Kuriositäten und Outtakes wie das seltsam funkelnde Remake von Roxy Musics “Mother Of Pearl”, das in den frühen 1990er Jahren während der “Horoscope/ Mamouna”-Sessions entstand und Backing-Vocals des großen Ronnie Spector enthält. Auf “Don't Be Cruel” wird Ferry von den Original-Mitgliedern aus Elvis' Rockabilly-Band, Scotty Moore und DJ Fontana unterstützt. Der Song entstand ursprünglich als Beitrag für das 2001er Sun-Records-Tributalbum “Good Rockin' Tonight”. An anderer Stelle widmet sich der Brite auf feierliche Art John Lennons etwas in die Jahre gekommener 1974er Hymne “Whatever Gets You Thru The Night”, die er im Jahr 1995 als einen von Yoko Ono geplanten Lennon-Tribute begann, der aber nie veröffentlicht wurde. Hat man als Fan natürlich schon alles, aber so gebündelt macht es nochmal mehr Spaß.
Amyl and The Sniffers – Cartoon Darkness (Beggars)
Irgendetwas müssen diese Australier richtig gemacht haben, sind doch alle deutschen Konzerte bereits weit im Vorfeld ausverkauft gewesen – und wir sprechen hier von amtlichen Hallengrößen und keinen kleinen Underground-Clubs. Denn hier wurde der freche, durchaus politische Garagen- und Punk-Rock geboren (und da gehört er eigentlich auch hin). Sängerin Amy Taylor: “Cartoon Darkness handelt von der Klimakrise, von KI, Politik und dem Gefühl der Leute, online mit ihrer Stimme etwas bewegen zu können, während wir alle nur das Datenbiest Big Tech füttern, den Gott unserer Zeit. Es geht darum, wie unsere Generation mit Informationen vollgestopft wird, wie wir wirken wie Erwachsene und dabei doch für immer Kinder bleiben, abgeschirmt wie in einem Kokon und dabei all die Ablenkungen herunterwürgend, die uns nicht einmal Wohlbefinden oder Freude bereiten, sondern einfach nur Taubheit. Es ist alles hart und herzzerreißend, aber auch schön. Ich möchte feiern. Ich mochte mein Handy weglegen und den Gesichtsausdruck von jemandem sehen und wie er sich beim Reden verändert. Ich möchte Leute beobachten, ich will Fantasie und Eskapismus, mich dem Hedonismus hingeben, mich lebendig fühlen, während sich Dystopie und Chaos um mich herum ausbreiten.“
Kraków Loves Adana - I Saw You I Saw Myself (Selbstveröffentlichung)
Hinter dem Projekt steckt die Sängerin und Komponistin Deniz Çiçek aus Hamburg. Es ist bereits ihr achtes Werk und einmal mehr lebt es von ihrem monotonen Sprechgesang, der in wabernde Synthies und elektronische Beats eingebettet ist. Das ist jetzt nicht so aufregend, zumal sie das Konzept über Albumlänge aufrechterhält. Der elektrolastige Dream- und Shoegaze-Pop gewinnt nur selten Fahrt wie in „Break My Own Heart“. Will er anscheinend auch nicht, will vielmehr sein kontemplatives Fahrwasser strikt beibehalten und zur stillen Meditation mit Kajal und Springerstiefeln einladen.
Thus Love - All Pleasure (Cargo)
Gibt´s noch: guten, forschen, frischen Indie-Rock. Schnörkellos, nicht zu leise, nicht zu laut, auf den Punkt gebracht. Mit knackigen Riffs, zupackenden Gitarren (die aber nicht nerven) ungezuckerten Melodien und Geschichten, die das Leben schreibt. Ehrlich und bodenständig nennt man das wohl, obgleich die Jungs und Mädels (so genau ist man sich das selbst noch nicht) aus Vermont mit diesen tollen Songs ja nach den Sternen greifen. Pflichtgenuss des Monats.
King Pari - There It Goes (Stones Throw Rec)
Hört hier jemand einen gewissen Prince heraus? Na dann, alles richtig gemacht, bzw. gehört. Die Funk-Roots der Band aus Minneapolis sind das Fundament ihrer Musik. Sowohl Joe Paris Christensen als auch Cameron Kinghorn spielten an der Seite einiger der engsten Vertrauten von Prince, und Joes vorherige Band war eine der letzten, die Prince persönlich einlud, im Paisley Park zu spielen. Außerdem waren sie von Anfang an in der nationalen Funk- und Jazzszene verankert – der erste Auftritt von King Pari war die Vorgruppe von Kamasi Washington, noch bevor sie sich einen Namen gegeben hatten. Klingt vielversprechend? Ist es. Cooler, angejazzter Funk mit geslapptem Bass, perlenden Rhodes-Läufen, flirrenden Gitarren und spacigen Vocals, die sowohl an die Cocktailbar als auch auf den Dancefloor entführen können.







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