12.05.2020 - 10:00 Uhr
OberpfalzDeutschland & Welt

Die großen Verlierer waren die Arbeitnehmer und die Region

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Zwischen 1990 und 2005 wurden in der nördlichen Oberpfalz über 30.000 Arbeitsplätze durch Strukturwandel und Insolvenzen vernichtet, sagt Hartmuth Baumann von der Gewerkschaft IG BCE. Nun bereitet ein mögliche CO2-Steuer Sorgen.

Der Weltmarkt ist brutal, sagt Gewerkschafter Hartmuth Baumann von der IG BCE.
von Wolfgang Fuchs Kontakt Profil

Hartmuth Baumann betreut als Gewerkschafter der IG BCE Porzelliner und Glaser, zum Beispiel von Unternehmen wie der einstigen Porzellan Winterling AG. Im Interview erzählt er, welche teils schmerzhaften Folgen die Insolvenzen bis heute für Betroffene haben und ob sich das wiederholen könnte.

ONETZ: Herr Baumann, wie viele Arbeitnehmer waren von den Insolvenzen betroffen?

Hartmuth Baumann: Bis in die 1970er-Jahre arbeiteten zwischen Schwandorf und Hof 35 000 bis 40 000 Menschen allein in der Porzellanindustrie. Zwischen den Jahren 1990 und 2005 wurden über 30 000 Arbeitsplätze durch Strukturwandel und Insolvenzen vernichtet. Viele ehemalige Angestellte in der Porzellan- und Glasindustrie haben danach beruflich nie wieder Fuß gefasst. Das ist die Generation, für die heute die Grundrente besonders wichtig ist.

ONETZ: Hätte es Auswege aus der Krise gegeben?

Hartmuth Baumann: Die Unternehmer verhinderten in den Regionen die Ansiedlung anderer Arbeitsplätze. Es herrschte Vollbeschäftigung – warum hätte man andere Wettbewerber zulassen sollen. Das Schaffen einer „bayerischen Porzellanunion“ wäre eine mögliche Antwort auf den verstärkten internationalen Wettbewerb gewesen. Aber man hat andere Wege gewählt. Die großen Verlierer waren die Arbeitnehmer und die Region. Heute haben Außenstehende oft die Vorstellung, dass man in der Oberpfalz zwar gut jagen und fischen kann, Arbeit gebe es allerdings keine.

ONETZ: Und, passt das Klischee?

Hartmuth Baumann: Mittlerweile läuft es in Nordbayern wieder recht gut. Es gibt hier eine hohe Industriedichte – die höchste in Bayern – und viele gute Arbeitsplätze. Die Betriebe haben sich wettbewerbsfähig entwickelt. Wir betreuen über 16 000 Beschäftigte in den Branchen Glas, Porzellan, Kunststoff und chemische Industrie. Hinzu kommt der Kaolinabbau.

20 Jahre später - Betroffene warten noch immer auf Entschädigung

Oberpfalz

ONETZ: Wie sind die Zukunftsaussichten?

Hartmuth Baumann: Das Thema CO2-Besteuerung bereitet uns Sorgen. Vor allem in der Automobil- und Zuliefererindustrie sowie in der Porzellan- und Glasindustrie sind dadurch Arbeitsplätze bedroht. Chancen sehe ich darin, dass wir heute ein weitaus besseres Bildungsumfeld haben als in den 1990er-Jahren. Die nördliche Oberpfalz ist besser aufgestellt für mögliche strukturelle Veränderungen.

ONETZ: Wie stehen Ihrer Meinung nach die Chancen der Gläubiger der Porzellan Winterling AG auf finanzielle Entschädigung?

Hartmuth Baumann: Ob und in welcher Höhe im vorliegenden Verfahren eine Quote an die Insolvenzgläubiger ausgeschüttet werden kann, wird erst nach abschließender Prüfung durch das Gericht feststehen.

ONETZ: Warum dauert das so lange?

Hartmuth Baumann: Der Insolvenzverwalter hat seinen Abschlussbericht nach meiner Kenntnis 2017 beim Insolvenzgericht in Hof eingereicht. Bis das Gericht eine Entscheidung fällt, kann es noch sehr lange dauern, weil es sich bei Winterling um ein komplexes Verfahren handelt. Ich kann da schlecht eine Prognose abgeben.

ONETZ: Was waren die Gründe für die vielen Insolvenzen?

Hartmuth Baumann: Insolvenzen wie die der Porzellan Winterling AG sind immer ein Ausdruck paralleler Entwicklungen und gehen meistens mit Restrukturierungsmaßnahmen, wie Standortschließungen und einem enormen Arbeitsplatzabbau, einher. Das Trudeln begann in den 1990er-Jahren mit der Öffnung der Wirtschaft nach Osten hin. Massenprodukte und Billigimporte aus China drängten auf den Markt. Zudem änderte sich die Bevölkerungsstruktur hin zu kleineren Familien. Damit änderte sich auch das Kaufverhalten. Die Nachfrage nach hochwertigem Porzellan brach ein. Viele Unternehmen reagierten mit der falschen Marketingstrategie. Global Player verdrängten nationale Unternehmen, der nationale Markt brach zusammen. Der Weltmarkt ist brutal.

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