27.08.2019 - 14:38 Uhr
OberpfalzDeutschland & Welt

Güterzug ohne Bremsen: Irrfahrt durch die Oberpfalz

Klingt nach Hollywood: Ein 1500 Tonnen schwerer Zug rollt vergangenen Donnerstag durch die Oberpfalz - ohne Bremsen. Statt wie geplant am Bahnhof in Wiesau kommt der Güterzug erst 65 Kilometer weiter im Süden zum Stehen.

Der Güterzug rollte kurz hinter Nabburg in der Gemeinde Stulln im Landkreis Schwandorf aus
von Wolfgang Würth Kontakt Profil

Weil zwei Zugführern beim Koppeln einer Lokomotive ein schwerer Fehler unterlaufen ist, ist am vergangenen Donnerstag ein mit 1100 Tonnen Holz beladener Zug nahezu 100 Kilometer weit ohne Bremsen durch Oberfranken und die Oberpfalz gerollt. Statt wie geplant in Wiesau im Landkreis Tirschenreuth kam der Zug demnach erst auf dem Gemeindegebiet von Stulln kurz vor Schwarzenfeld zum Halten. Die Bundespolizei Waldmünchen hat die Ermittlungen zu dem Vorfall übernommen. Schon seit Donnerstag wurde in verschiedenen Eisenbahnforen im Internet über den Fall diskutiert. Am Dienstag berichteten dann die Zeitungen der Münchener Merkur-Gruppe.

Der Güterzug gehört einem Transportunternehmen mit Sitz in Freilassing. Wie das Unternehmen bestätigt, sollte er Holzstämme aus Eger (Cheb) in Tschechien nach Wiesau bringen. Kurz hinter der Grenze koppelten dann zwei Lokführer des Unternehmens am Bahnhof Schirnding eine zweite Lokomotive am Zug an. Dabei unterlief der folgenschwere Fehler, den sie allerdings erst bemerkten, als der Zug bereits Fahrt aufgenommen hatte - das Gespann war ohne funktionierende Bremsen unterwegs.

Die Fahrstrecke des Ungebremsten Zuges

Dies bestätigte der Geschäftsführer des Unternehmens auf Nachfrage unserer Redaktion, genau wie die Bundespolizei Waldmünchen. Die Dienststelle ermittle wegen gefährlichen Eingriffs in den Schienenverkehr, erklärte der Sprecher der Dienststelle, Josef Pongratz. Wegen der laufenden Ermittlungen, könne er keine weiteren Angaben zu dem Vorfall machen. Auch gegen wen nun konkret ermittelt wird, ließ der Polizeisprecher offen.

Laut dem Geschäftsführer sei aber klar, dass die Schuld bei den Lokführern liegt. "Als der Zug zum Halten kam, wurde er überprüft und im Anschluss sofort wieder freigegeben." Die Technik habe demnach einwandfrei funktioniert, die Bremsen seien lediglich falsch zusammengeschlossen gewesen. Noch schwerer wiege allerdings, dass die beiden Lokführer nach dem Koppeln ganz offensichtlich den obligatorischen Bremstest unterlassen haben. "Wäre dieser erfolgt, hätten sie den Fehler sofort bemerken müssen." Das Unternehmen habe bereits Konsequenzen gezogen, und beide Mitarbeiter entlassen. Ob die Männer auch strafrechtlich belangt werden, sei nun Sache der ermittelnden Staatsanwaltschaft.

Dass es bei dem Vorfall keinen Schaden gab, ist wohl den Fahrdienstleitern in den Bahnhöfen entlang der Strecke zu verdanken. "Besonders der Fahrdienstleiter in Wiesau hat vorbildlich reagiert", bestätigt ein Sprecher der zuständigen DB Netz AG. Bei ihm haben sich die Lokführer gemeldet, als sie ihr Malheur bemerkt hatten. "Unser Mitarbeiter hat dann innerhalb von Minuten entschieden, die Strecke frei zu machen und alle Signale für den Zug auf Grün zu stellen." Dieser konnte dann rollen, bis er von selbst zum Stehen kam, ohne dass der Vorfall für weitere Zwischenfälle gesorgt hätte - abgesehen von reichlich Verspätungen für Züge, die dem Güterzug den Vortritt lassen mussten. Ab 18 Uhr war die Strecke am Donnerstag dann wieder frei.

Gefährlicher Eingriff

Dass der Zug - wie in Bahnforen spekuliert wird - tatsächlich mit bis zu 100 Kilometern pro Stunde unterwegs war, will der Bahn-Sprecher nicht bestätigten. Dies lasse sich im Nachhinein nicht mehr feststellen. Zudem warnt der Sprecher davor, die Gefahr durch den Zug zu überschätzen: "Auf der betreffenden Strecke verlaufen die Schienen durchgehend zweigleisig." Weil auch bei der Eisenbahn in Deutschland grundsätzlich Rechtsverkehr gilt, habe niemals die Gefahr bestanden, dass ein anderer Zug auf demselben Gleis entgegenkommt und es gar zu einer Kollision kommen könnte.

Dass ein Zug annähernd 100 Kilometer einfach nur rollt, sei nicht ungewöhnlich, so der Bahnsprecher. Der Vorzug der Schiene liege ja eben darin, dass der Rollwiderstand im Vergleich zu anderen Verkehrsmitteln minimal sei. Dies bedeute aber auch, dass schon ein minimales Gefälle von weniger als einem Prozent wie etwa entlang des Naabtals ausreiche, um einen Zug weiterrollen zu lassen.

Info:

Stulln statt Irrenlohe

Eine frühere Version des Artikels vermeldet, dass der Zug bei Irrenlohe zum Halten kam. Tatsächlich stoppte er aber bereits einige Kilometer weiter nördlich kurz vor Stulln.

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