22.01.2020 - 19:31 Uhr
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Klimawandel: Bauernregeln verlieren an Gültigkeit

Zwar sind Bauernregeln in der Oberpfalz noch immer weit verbreitet, doch die Wissenschaft sieht die Sprüche zumindest teilweise kritisch. Meteorologe Andy Neumaier erklärt ihre Ursprünge – und warum sie künftig an Aussagekraft verlieren.

"Kräht der Hahn auf dem Mist, ändert sich´s Wetter oder es bleibt wie´s ist." Dieser wohl bekannteste Kalauer aus dem Bereich der Bauernregeln hat natürlich keinerlei Aussagekraft - dennoch ist er auch der Lieblingsspruch von Wetterexperte Andy Neumaier.
von Tobias Gräf Kontakt Profil

"Auf kalten, trocknen Januar, folgt oft viel Schnee im Februar." Auch in unserer Zeitung haben sie einen festen Platz: Auf der Wetterseite neben dem Kreuzworträtsel drucken wir täglich eine Bauernregel. Doch während gerade jüngere mit den Sprüchen oft nur noch inhaltslose Kalauer verbinden á la "Liegt der Bauer tot im Zimmer, lebt'a nimmer" haben viele dieser Merksätze einen wahren Kern, dessen Ursprung zumeist in der Landwirtschaft zu verorten ist.

"Die Bauernregeln stammen zum Teil noch aus dem 17. Jahrhundert, als es weder Medien noch technische Mittel für die Wettervorhersage gab", erklärt Meteorologe Andy Neumaier. "Die Landwirte wollten sich aber dennoch irgendwie mit dem Wetter arrangieren und haben deshalb Regeln aus langjährigen Beobachtungen abgeleitet." Als zeitliche Hilfestellung wählten die Bauern nach Heiligen benannte Lostage, die ihren Erfahrungen zufolge wichtige Einschnitte im saisonalen Wetter bedeuteten.

Kunigund – Wärm vo unt'

Als Beispiel nennt Neumaier den nach der Tagesheiligen Kunigunde benannten 3. März: "An Kunigund kommt d´Wärm vo' unt'": Weil ab Anfang März durch den einsetzenden Frühling der Bodenfrost meist ausbleibt, hätte der Todestag der Heiligen im bäuerlichen Kalender Signalwirkung: Der Winter endet, die Feldarbeit kann schrittweise aufgenommen werden.

Bedeutsam sind zudem die Eisheiligen, laut Neumaier "die Bauernregel schlechthin". So würden die Eisheiligen am 15. Mai mit der "kalten Sophie" enden. "Davor sollte man keine kälteempfindlichen Pflanzen rausstellen. Ab dem 15. Mai steigen die Durchschnittstemperaturen nämlich spürbar an – und zwar auch im langjährigen statistischen Mittel." Neumaier räumt mit einem Irrtum auf: "Viele meinen, an den Eisheiligen müsste es noch mal gefrieren, doch das ist falsch. Es bedeutet nur, dass ab da die Wahrscheinlichkeit für Frost signifikant sinkt."

Viele meinen, an den Eisheiligen müsste es noch mal gefrieren, doch das ist falsch.

Meteorologe Andy Neumaier (42)

Auch die "Schafskälte" Mitte Juni ist laut dem Oberpfälzer Meteorologen zu mindestens 70 Prozent belegt. "Mitte Juni gibt es sehr zuverlässig nochmal einen Kälteeinbruch." Die dann meist frisch geschorenen Lämmer würde deshalb frieren, erklärt der 42-Jährige den Namensursprung.

Klimawandel hebelt Sprüche aus

Obwohl die meisten Bauernregel somit einen Hintergrund haben, der sich wissenschaftlich bestätigen lässt, würde deren Gültigkeit zukünftig rapide abnehmen. Der Grund dafür sei der Klimawandel. "Beobachtungen des 18. Jahrhunderts lassen sich nicht mehr auf die Gegenwart projizieren. Damals funktionierte das Erdklima noch gleichmäßig und die Sprüche hatten Aussagekraft." Doch durch die globale Erwärmung sei "alles im Umbruch. Es wird immer seltener, dass sich die bäuerlichen Merksprüche anwenden lassen." Für den Meteorologen Neumaier selbst ist das kein Problem: "Ich bin mit meinen Prognosen zu wissenschaftlich unterwegs, als dass ich Bauernregeln anwenden würde."

Wetterumschwung bei Vollmond?

Auch mit einem "unter Älteren noch immer weit verbreiteten Aberglauben" will der gebürtige Tirschenreuther aufräumen. "Es gibt die Mär, dass das Wetter bei Vollmond umschlägt." Dieser Trugschluss entstand in vergangenen Jahrhunderten: Wenn es früher über mehrere Wochen regnerisches Wetter gab, das zufällig bei Vollmond umschlug, fiel der pralle Mond plötzlich besonders auf. "Die Leute haben dann den Mond für das bessere Wetter verantwortlich gemacht", so Neumaier. Würde dies stimmen, so müsste sich das Wetter jedoch global immer gleichzeitig ändern, da der Mond weltweit zu sehen ist. "Das ist natürlich Quatsch, das Wetter ist auf der Erde ja nie einheitlich", so Neumaier.

Volksweisheiten:

Zu Stephanie a Muckngahn

Wie lange scheint im Winter die Sonne? Ganze ohne Wetterexperten zu bemühen, weiß eine alte Volksweisheit seit Jahrhunderten Antwort: „Zu Stephanie a Muckngahn, zu Neujahr a Hahnentritt, zu Heilig Drei König a Hirschensprung und zu Maria Lichtmess a ganze Stund.“ Mit Beginn der Wintersonnwende am 21. Dezember ändert sich die Länge des lichten Tages nicht gleichmäßig, sondern sukzessive ansteigend. Während die Sonne zu Stephanie (26. Dezember) folglich nur wenige Sekunden – ein Mückenschritt – länger scheint, ist es an Hl. Drei König (6. Januar) schon beachtlich länger („Hirschensprung“). Vergangene Woche haben wir diese Volksweisheit abgedruckt – und viele Reaktionen von Lesern erhalten, die uns darauf hinwiesen, dass sie den Spruch in unterschiedlicher dialektaler Färbung oder teils in verkürzter Form kennen. Unsere Recherche ergab: Der Spruch ist in ganz Deutschland bekannt, jedoch nicht überall gleich gültig. Denn während im Raum Bremen die Zunahme der Tageslänge zwischen Wintersonnwende (21. Dezember) und Mariä Lichtmess (2. Februar) über 90 Minuten beträgt, sind es einige Breitengrade südlicher in Bayern im gleichen Zeitraum nur gut 60 Minuten. Damit verrät der Hinweis „zu Maria Lichtmess a ganze Stund“ in der Volksweisheit, dass diese ihren historischen Ursprung in Süddeutschland haben muss. (tgf)

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