03.09.2021 - 10:19 Uhr
OberpfalzDeutschland & Welt

Neugier kein Maßstab bei der Nennung der Herkunft

Es sei mit der Berichterstattung sicher nicht einfach, zeigt ein Leser Verständnis. Schwer nachzuvollziehen sei allerdings, „dass es gefühlt schon gängige Praxis zu sein scheint, die Nationalität bei deutschen Tätern explizit zu erwähnen“

Diese Szene ist gestellt: Polizisten nehmen einen Tatverdächtigen fest.
von Jürgen Kandziora Kontakt Profil

Es geht um zwei in der Zeitung und im Onetz veröffentlichte Polizeimeldungen. In der einen hatte es unter anderem geheißen: "Ein 32-Jähriger tankte (...) sein Fahrzeug an der Regensburger Straße in Amberg und fuhr davon, ohne zu bezahlen. Ein Angestellter meldete daraufhin der Polizei, dass sich ein weißer Kleintransporter mit ausländischer Zulassung entfernt habe." Der später gefasste Tankbetrüger, so stand es weiter in dem Artikel, war ein "deutscher Staatsangehöriger mit Wohnsitz in Italien".

Meldung Nummer zwei befasste sich mit einer sexuellen Belästigung bzw. Nötigung in Regensburg. "Bei dem Tatverdächtigen handelte es sich um einen 29-jährigen Mann mit Wohnsitz in Regensburg", lautete die Information in dem Artikel. Das Polizeipräsidium Oberpfalz hingegen hatte in seinem Pressebericht und auf der eigenen Internetseite von einem "29-jährigen Mann mit irakischer Staatsangehörigkeit und Wohnsitz in Regensburg" gesprochen.

Der Gleichheitsgrundsatz

Auch deshalb wandte sich "ein jahrzehntelanger AZ-Abonnent" an mich. Leitlinie der Redaktion sei es ja wohl, dass die Nationalität bei Nichtdeutschen in der Regel unerwähnt bleibe, schrieb er. Die zahlreichen Diskussionen in der Zeitung über das Für und Wider seien ihm hinlänglich bekannt und "unterlassene Hinweise, die auf eine bestimmte Nationalität schließen lassen, für mich auch so absolut in Ordnung". Wenngleich zum Beispiel die Bezeichnung "Südländer", die noch keine Rückschlüsse auf eine bestimmte Nationalität zulasse, in Zeugenaufrufen bei der Suche nach unbekannten Straftätern "aber oftmals durchaus hilfreich und angemessen" wäre. Denn, so der Leser aus der Amberg-Sulzbacher Gegend: "Ein ,südländisches Erscheinungsbild' behält der Bürger eben besser im Gedächtnis als einen ,etwa 25-jährigen Mann mit normaler Statur und dunklen Haaren'."

"Schwer nachzuvollziehen" ist für den AZ-Abonnenten allerdings, "dass es mittlerweile gefühlt schon gängige Praxis zu sein scheint (...), die Nationalität bei deutschen Tätern explizit zu erwähnen". Damit stellten sich unter anderem folgende Fragen: "Gelten hier andere Maßstäbe? Wird hier nicht der Gleichheitsgrundsatz außer Kraft gesetzt? Kann/soll der Leser dann künftig etwa davon ausgehen, dass bei Nichterwähnen der Nationalität der Täter grundsätzlich Nichtdeutscher ist?"

Hinzu komme, dass sich der Zeitungsleser in der heutigen Zeit ja auch anderer, insbesondere digitaler Informationsquellen bediene, dort eine "vollständige Täterbeschreibung" stattfinde "und so die Glaubwürdigkeit einer ansonsten sehr seriösen Berichterstattung infrage gestellt werden könnte". Der AZ-Abonnent betonte, dass dies seine private Meinung sei, er inzwischen aber bei Diskussionen festgestellt habe: Es sei auch die Denkweise vieler anderer. "Ich möchte hier auch nicht den Eindruck einer ausländerfeindlichen Einstellung erwecken, die ich in keinster Weise vertrete. Aber der Gleichheitsgrundsatz sollte in allen Fällen gewahrt bleiben", unterstrich der Leser, der am Ende folgenden Wunsch formulierte: "Nennung der Nationalität, wie bislang gehandhabt, nur in besonderen Fällen, aber gleiche Anwendungspraxis im Rahmen einer seriösen Berichterstattung auch bei Deutschen."

Nur bei schweren Straftaten

In meiner Antwort teilte ich dem Leser mit, dass ich ganz seiner Meinung bin: Die Nationalität zu erwähnen, ist in der Regel nur bei schweren Straftaten beziehungsweise in den angesprochenen besonderen Fällen angebracht. Auch in Sachen Gleichheitsgrundsatz stimme ich voll zu. Die Geschichte mit dem 32-Jährigen fällt sicherlich nicht in die Kategorie "schwere Straftat". Zu Beginn des Textes taucht allerdings der Hinweis auf, dass ein "weißer Kleintransporter mit ausländischer Zulassung" in dem Geschehen eine Rolle gespielt hatte. Um den Leser hier nicht im Unklaren zu lassen, folgte die "Auflösung": Täter ein Deutscher mit Wohnsitz Italien. Ist okay und in diesem speziellen Fall relevant, finde ich.

Bei dem Sexualdelikt stellt sich die Frage: War die sexuelle Nötigung wirklich eine als schwer einzustufende Straftat? Hier dürften die Meinungen wahrscheinlich auch in unserem Kollegenkreis auseinandergehen. Ich würde dem Übergriff schon eine gewisse Schwere zuschreiben und hätte mit der Erwähnung der Nationalität in diesem Fall kein Problem gehabt.

Es war, ist und bleibt also ein schwieriges Terrain. Wichtig ist ein einheitliches Vorgehen in der Berichterstattung, das, soweit ich das beobachte, meistens auch stattfindet. Gibt es da Ausnahmen, so spreche wir das im Redaktionskreis in der Regel an, um Verbesserungen zu erzielen.

Was die Berichterstattung über Straftaten anbelangt, ist für die Kollegen die Richtlinie 12.1 des Pressekodex wichtig und zu beachten, vor allem sind es die Praxisleitsätze dazu.

In der Richtlinie 12.1 steht: "In der Berichterstattung über Straftaten ist darauf zu achten, dass die Erwähnung der Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu ethnischen, religiösen oder anderen Minderheiten nicht zu einer diskriminierenden Verallgemeinerung individuellen Fehlverhaltens führt. Die Zugehörigkeit soll in der Regel nicht erwähnt werden, es sei denn, es besteht ein begründetes öffentliches Interesse. Besonders ist zu beachten, dass die Erwähnung Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren könnte."

Nennung nicht verboten

In seinen Leitsätzen zur Richtlinie 12.1 betont der Presserat, dass es nicht verboten sei, die Herkunft von Straftätern und Verdächtigen zu erwähnen. Die Redaktionen seien jedoch verpflichtet, in jedem einzelnen Fall "verantwortungsbewusst zu entscheiden, ob für die Nennung einer Gruppenzugehörigkeit ein begründetes öffentliches Interesse vorliegt oder die Gefahr der diskriminierenden Verallgemeinerung überwiegt". Reine Neugier, so sagt der Presserat, sei kein geeigneter Maßstab für presseethisch verantwortliche Abwägungen. Die Nennung der Herkunft durch andere Quellen, zum Beispiel durch Behörden oder die Polizei, entbinde nicht von der redaktionellen presseethischen Verantwortung.

Immer wieder ein Thema bei den Lesern: Die Nennung der Nationalität

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