09.04.2021 - 17:29 Uhr
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Wenn der Spielmacher schwul ist

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Auch im Oberpfälzer Amateurfußball gibt es homophobe Sprüche. Kaum ein schwuler Spieler aus der Region traut sich offen mit seiner Sexualität zu leben. Die Geschichte von Dominik Scherl aus Tremmersdorf macht aber Hoffnung.

Dominik Scherl ist eine Ausnahme in der Oberpfalz: Er spielte als offen Schwuler lange aktiv Fußball.
von Julian Trager Kontakt Profil

Als bekannt wurde, dass er schwul ist, rechnete der Fußballer Dominik Scherl damit, von manchen abgelehnt, verspottet oder beleidigt zu werden. Als Schwuchtel zum Beispiel.

Jeder, der länger Fußball gespielt hat, hat dieses Wort schon zigmal gehört. Auf und neben dem Rasen, in der Kabine, im Sportheim. Von Zuschauern, Gegenspielern, Mitspielern, Trainern. Vielleicht auch von sich selbst. Fällt ein Spieler nach einem Zweikampf zu leicht zu Boden, beklagt er sich zu sehr über ein Foul, zischt dieses Wort über den Platz. „Du Schwuchtel!“ Und wenn einer einen Pass zu kraftlos spielt, fragt oft ein anderer, was denn das für ein „schwuler Ball“ sei. Wie im ganzen Land ist die Homophobie auch auf den Oberpfälzer Fußballplätzen meistens verdeckt – und alltäglich.

In dieser rauen Welt des Amateurfußballs führte Dominik Scherl jahrelang ein Doppelleben. Seit mehr als sieben Jahren lebt der heute 31-jährige Tremmersdorfer (Kreis Neustadt/WN) offen schwul. Dass er auf Männer steht, merkte Scherl im Alter von 18. „Das kam auf einen Schlag“, erinnert er sich. Die sechs, sieben Jahre, in denen er seine Homosexualität geheim hielt, seien bedrückend und unangenehm gewesen. Im Kreis der Mannschaft verwandelte sich Scherl damals in einen anderen Menschen. „Man lebt da schon sehr mit Lügen“, sagt er heute.

Sprachen die Fußballer über Freundinnen und Frauen, hielt sich Scherl zurück, er konnte ja nicht richtig mitreden. Und obwohl er mit seinen Teamkameraden eh nie supergut befreundet war, konnte er sich nicht so gesellig geben, wie er es vielleicht gerne getan hätte. „Ich konnte nie ganz normal sein, nie komplett ehrlich sein“, sagt Scherl. Gerade in der Zeit, als in der Kabine noch die älteren Spieler saßen, bei denen nur offene Brüche als Ausreden zählten, hatte er auch Angst. „Dass man nicht mehr akzeptiert wird, dass man dann allein in der Ecke steht – die Ängste waren immer da.“

Outing an Weihnachten

Homosexualität im Amateurfußball ist ein heikles Thema. Die Suche nach einem schwulen Fußballer aus der Region für diesen Text gestaltete sich schwierig. Spieler und Trainer aus der ganzen Nordoberpfalz, von A-Klasse bis Bayernliga, wurden gefragt. Lange konnte niemand helfen – bis ein Tipp aus Tremmersdorf kam. Dominik Scherl war sofort dabei, über das Thema zu reden. Ist wichtig, meinte er.

Scherl ist ein Fußballverrückter. Einer, der eine Sportzeitschrift liest und danach auswendig kann, wie er selbst sagt. Begonnen hatte er das Spielen mit vier Jahren. Später kickte er jahrelang für seinen Heimatverein FC Tremmersdorf-Speinshart und den SC Eschenbach in Kreis- und Bezirksliga, als Spielmacher und Außenstürmer. 2017 riss er sich ein Kreuzband, seitdem stand er nur noch neben dem Platz. „Ich schaue jedes Spiel meines Vereins“, sagt er. Vor ein paar Monaten wurde er am Knie operiert. Obwohl die Ärzte es nicht empfehlen, kann er sich vorstellen, weiterzuspielen.

Ende 2013 war das Versteckspiel vorbei. An Weihnachten outete sich Scherl vor seinen Eltern. „Ich musste ihnen ja beichten, warum ich drei Monate nach Los Angeles ziehe“, erzählt er und lacht. Scherls Freund lebte in den USA, und er wollte ihn besuchen. Die Eltern reagierten lässig. Den Mannschaftskameraden sagte er nichts. „Ich hatte nie das Bedürfnis, irgendjemanden zu sagen, dass ich schwul bin“, meint er. Ein Heterosexueller müsse sich schließlich auch nicht outen, dass er hetero ist. „Für mich war das normal.“ Scherl teilte Urlaubsfotos auf Facebook und Instagram, auf denen er in vertrauter Pose mit einem Mann zu sehen war. Die Fußballer, die ihm in den Sozialen Netzwerken folgten, wussten dann Bescheid. „Die können ja eins zu eins zusammenzählen“, sagt der 31-Jährige. Seine Mitspieler likten die Bilder.

„Es gibt die Spieler“

Auch Alex Irmisch kennt keinen schwulen Spieler aus der Region. Das ist einigermaßen überraschend und zeigt, welch großes Tabu das Thema noch immer ist. Irmisch ist Vorsitzender der Vereins Equality Oberpfalz, der Anlaufstelle für Schwule, Lesben, Bi-, Trans- und Asexuelle sowie queere Menschen im Bezirk ist und Vorurteile gegen diese Gruppen abbauen will. „Man hört aber, dass sich viele zurückhalten. Auch in den Sportvereinen in der Oberpfalz“, sagt der 45-Jährige, der in Regensburg lebt und sich sicher ist: „Es gibt die Leute.“ Der Fußball gelte ja als Querschnitt der Gesellschaft. „Wäre also sehr verwunderlich, wenn es hier in der Region keine schwule Fußballer geben würde – und ich hoffe das auch nicht.“ Viele Spieler würden sich aber erst nach ihrer Fußballzeit outen. Der Fußball gelte noch immer als „sehr männlicher“ Sport. „Die Angst, auf dem Spielfeld angegriffen zu werden, ist durchaus verständlich“, sagt Irmisch. Gerade bei kleineren Vereinen auf dem Dorf sei die Sprache manchmal noch rabiater als anderswo. Auf dem Platz ist ja jede Beleidigung zu hören. „Den Leuten auf dem Land fehlt es auch an Erfahrung“, meint er. Die Leute hätten ihre Vorstellungen über Homosexualität nur aus dem Fernsehen. „Es kommt immer noch oft vor, dass Schwule, wenn sie älter werden, vom Dorf in die Großstadt ziehen.“

Die vom Fußballmagazin „11 Freunde“ gestartete Initiative fand Irmisch bemerkenswert. 800 Profispieler und -spielerinnen hatten darin ihren homosexuellen Kollegen Unterstützung zugesagt. „War richtig gut“, sagt auch Dominik Scherl. Die Aktion könne helfen, Homosexualität im Fußball zu enttabuisieren. Auch im deutschen Profifußball gibt es noch immer keinen aktiven Spieler, der offen schwul ist. In vielen Branchen ist das mittlerweile anders. In Politik und Kultur etwa haben sich bereits einige bekannte Menschen geoutet, nicht jeder allerdings freiwillig. Auch im Frauenfußball sind lesbische Spielerinnen ganz normal, egal ob Profi oder Amateur.

"Stört fast keinen"

„Das ist vor allem ein Problem des Fußballs“, sagt Josef Rodler, Spieler bei der SpVgg SV Weiden, und meint vor allem den Männerfußball. Dass jemand als Schwuchtel beleidigt wird, ist Gang und Gäbe, sagt der 27-Jährige. „Das bekomme ich als Spieler und als Zuschauer mit.“ Ganz oft fielen die homophoben Sprüche unterschwellig. „Das stört fast keinen, weil man das im Fußball halt so sagt“, meint Rodler, den das aber stört. Das sei eben der Punkt, der es Menschen schwer macht, sich zu outen, vermutet der Weidener, der ein Anliegen hat. „Ganz wichtig ist, dass die Last nicht auf den schwulen Spielern liegen darf, sich outen zu müssen. Vielmehr müssen wir alle die Atmosphäre schaffen, dass es kein Problem mehr ist, dass ein Spieler schwul ist“, fordert er. Und das gehe vor allem über die Sprache, in der schwul noch immer als Beleidigung gilt. „Da müssen wir mehr darauf achten und sensibler sein“, sagt der Lehrer, dem das Thema wichtig ist. „Würde sich einer meiner Mitspieler outen, würde ich ihn unterstützen und gegen Angriffe und Beleidigungen verteidigen.“

Dominik Scherls Bedenken waren unbegründet. „Es gab keine Situation, in der ich mich unerwünscht gefühlt habe“, sagt der 31-Jährige über die Zeit, als seine Homosexualität bekannt wurde. Er habe nie miterlebt, dass sich jemand etwa beim Duschen unwohl fühlte, „weil ich ihm irgendwas wegschauen könnte“. Selbst in den Derbys gegen die Nachbarvereine habe er nie einen bösen Spruch gegen sich gehört. „Ich kann da überhaupt nichts Negatives sagen.“ Hätte er eine andere, eine etwas femininere Erscheinung, hätten die Leute auch anders reagieren können, glaubt Scherl, der selbstständiger Personaltrainer ist. Aber so war da nun plötzlich ein Schwuler, der eine tiefe Stimme hatte, Bart, Brusthaare und Muskeln. Vielleicht habe ihm das geholfen, vermutet er.

Große Befreiung

Freilich fielen die Schwuchtel-Sprüche und Schwul-oder-was-Fragen auch danach auf und neben dem Platz, aber niemals sei er zur Zielscheibe geworden, bekräftigt Scherl. Der Tremmersdorfer sah solche Bemerkungen ohnehin pragmatisch, dachte nie groß darüber nach. „Wenn so was kam, konnte ich nicht böse sein. Da ist ja auch immer viel Ironie und Sarkasmus dabei, gerade unter Teamkollegen“, sagt der Fitnesstrainer Scherl, dem auf Instagram knapp 300.000 Menschen folgen.

Bevor er dort ganz offen seinen Partner zeigte, fühlte er sich lange zu jung, zu unerfahren, zu wenig selbstbewusst, vielleicht auch zu unmännlich, wie Scherl selbst sagt. Die eigene Sexualität nicht mehr verstecken zu müssen empfand er als große Befreiung. Ob er einem anderen Spieler dazu raten würde, sich zu outen, kann Scherl aber nicht pauschal sagen. „Wenn er sich selbst sicher fühlt, wenn er ein starkes Ego hat, würde ich ihn aber ermutigen.“ Denn jeder habe das Recht, sich so authentisch und normal wie möglich geben zu können. Auch auf dem Fußballplatz.

Interview zum Thema mit dem Oberpfälzer Fußball-Chef

Amberg
Hintergrund:

"Ihr könnt auf uns zählen"

  • In ihrer Märzausgabe druckte das Fußballmagazin „11 Freunde“ eine Erklärung von 800 Spielerinnen und Spielern ab, die homosexuellen Profis ihre Unterstützung und Solidarität ("Ihr könnt auf uns zählen") zusicherten. Unter anderem dabei: Christoph Kramer, Jonas Hector, Max Kruse und die ganze Mannschaft des SSV Jahn Regensburg. Vom FC Bayern München beteiligte sich kein Spieler an der Aktion.
  • Zur gleichen Zeit veröffentlichte Ex-Nationalmannschaftskapitän Philipp Lahm sein neues Buch. Darin riet er er schwulen Profis davon ab, sich während der aktiven Laufbahn zu outen, weil er nur geringe Chancen sieht, „so einen Versuch in der Bundesliga zu wagen und halbwegs unbeschadet davon zu kommen“. Obwohl sich Lahm schon viel früher gegen Homophobie ausgesprochen hatte, galt seine Haltung plötzlich als antiquiert. „Das schüchtert halt viele schwule Spieler wieder ein“, findet Dominik Scherl.
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