17.07.2020 - 10:55 Uhr
OberpfalzDeutschland & Welt

Bei Suizid ist immer Zurückhaltung geboten

Ein Polizist richtet eine Dienstwaffe gegen sich selbst. Die Redaktion entscheidet sich für einen Artikel. Eine Leserin zeigt sich bestürzt darüber, dass es zu einer Berichterstattung kommt.

Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) stirbt alle 40 Sekunden ein Mensch durch Suizid.
von Jürgen Kandziora Kontakt Profil

Über den Bericht "Schock bei der Polizei Eschenbach", erschienen auf der Seite "Themen des Tages" und im Onetz, sei sie ebenfalls schockiert gewesen, ließ mich Kathleen Walberer wissen. Und sie stellte Fragen: "Ist es tatsächlich notwendig, die Details des Suizids mit der Dienstwaffe in allen Einzelheiten zu berichten? Hätte die Redaktion hier nicht noch kürzen können?" Oberpfalz-Medien, so Walberer weiter, schreibe doch eigentlich nicht über Suizid-Fälle, "das war bisher so und sollte wirklich so bleiben".

Der Leserin antwortete ich unter anderem Folgendes: Ziffer 8 (Schutz der Persönlichkeit) des Pressekodex, dem sich auch Oberpfalz-Medien verpflichtet fühlt, enthält eine Richtlinie zum Umgang mit Suizid. Darin heißt es: "Die Berichterstattung über Selbsttötung gebietet Zurückhaltung. Dies gilt insbesondere für die Nennung von Namen, die Veröffentlichung von Fotos und die Schilderung näherer Begleitumstände." In dem Eschenbacher Fall sind keine Details geschildert über den Hergang dieser Verzweiflungstat. Es heißt dazu lediglich: "Auf einem Parkplatz soll er sich mit einer Dienstwaffe so schwere Verletzungen zugefügt haben, dass er daran auch verstarb."

Nur in Ausnahmefällen

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Es geht bei der Berichterstattung über Suizidfälle, die die Ausnahme ist, vor allem um moralische Aspekte. Nochmals ein Blick in den Pressekodex: "Die Berichterstattung über Unglücksfälle und Katastrophen findet ihre Grenze im Respekt vor dem Leid von Opfern und den Gefühlen von Angehörigen. Die vom Unglück Betroffenen dürfen grundsätzlich durch die Darstellung nicht ein zweites Mal zu Opfern werden." Also haben Redaktionen enorme Verantwortung. Sie müssen genauestens abwägen, wenn es um Unglück oder Tod geht und sich die Frage stellen: Was ist wichtiger, zusätzliches Leid für Angehörige oder Betroffene zu vermeiden oder nichts verschweigen, um die Öffentlichkeit möglichst wahrhaftig zu informieren?

Grundsätzlich ist Suizid ein Thema von höchster Sensibilität. Meist wird nicht darüber geschrieben, das ist die Linie unseres Hauses. Die Redaktionen, die immer wieder mit solchen Geschehnissen konfrontiert werden, machen sich darüber viele und tiefgehende Gedanken und prüfen in der Diskussion mit Kollegen mit größter Sorgsamkeit, ob eine Berichterstattung aus irgendeinem Grund gerechtfertigt wäre. Zu bedenken ist dabei immer auch Folgendes: Es müssen Nachahmungstaten befürchtet werden. Erwiesen ist, dass Menschen, die von Suiziden lesen, dazu neigen, sich ebenfalls das Leben zu nehmen, wenn sie glauben, sich in einer ausweglosen Situation zu befinden.

Nicht mehr vermeiden jedoch lässt sich eine Berichterstattung dann, wenn sich der Suizid in der Öffentlichkeit ereignet und damit gewisse Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat. Einen Suizid im privaten Bereich hingegen wird die Redaktion selten publik machen.

Das Problemfeld Suizid habe ich auf meiner regelmäßig erscheinenden Leseranwalts-Seite schon einmal genauer betrachtet. Ich verweise auf einen Artikel, in dem Florian Arendt vom Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung an der Ludwig-Maximilians-Universität München zu Wort kam. Eine geregelte Berichterstattung über Suizide, so sagte er, könne Menschen mit Selbsttötungs-Absichten helfen. Es komme aber auf den Inhalt an, "also auf das Wie der Darstellung".

Hinweis auf Hilfe wichtig

Sie könne Betroffenen durchaus dabei behilflich sein, suizidale Krisen zu überwinden, so Arendt. Man nenne dies Papageno-Effekt. Dazu gehöre unter anderem, ob es in der Berichterstattung Informationen zu Hilfsangeboten, zum Beispiel der Telefonseelsorge, gibt. Wir haben dem Rechnung getragen, indem wir den Artikel über den Eschenbacher Suizid mit einem Gespräch mit einer Sozialpädagogin ("Hilfe bei dunklen Gedanken") und der Angabe von Rufnummern der Telefonseelsorge ergänzt haben.

Experten glauben übrigens, dass die Medien sogar eine wichtige Rolle bei der Verhinderung von Selbsttötungen ausfüllen könnten. Für eine verantwortungsvolle Berichterstattung müssten sie allerdings auf eine möglichst neutrale Wortwahl achten, heißt es in einem Beitrag der Nachrichtenagentur epd (Evangelischer Pressedienst). Das ist das Ergebnis einer Studie, die Florian Arendt gemeinsam mit seinem früheren Kollegen Sebastian Scherr und Forschern der Uni Wien durchgeführt hat.

Ich persönlich hätte in dem Artikel darauf verzichtet, näher über die Tätigkeiten und den Bekanntheitsgrad des verstorbenen Polizisten zu berichten.

Die Redaktion hat sich anders entschieden und das für wichtig erachtet. Dieser Entschluss ist vertretbar.

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