18.10.2019 - 18:39 Uhr
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Tag des Grabsteins 2019: Friedhöfe im Wandel – Farben und Formen nehmen zu

Urnengräber, Friedwälder und islamische Grababteilungen: Die Bestattungskultur ist im Umbruch. Zum Tag des Grabsteins präsentieren Oberpfälzer Steinmetze neue Gestaltungsmöglichkeiten – und äußern sich kritisch zu jüngsten Trends.

Der Trend zur Farbe ist auch am Weidener Stadtfriedhof gut sichtbar. Helle und mehrfarbige Grabsteine kommen in Mode und lösen Schwarz und Grau als alleinige Grabfarbe ab.
von Tobias Gräf Kontakt Profil

Viele Menschen verbinden den November mit Tristesse: Wolkenverhangener Himmel, Nieselregen, Bodenfrost. Der klassische Herbstmonat leitet den Beginn der dunklen Jahreszeit ein. Passend zur Witterung wird an Allerheiligen und Totensonntag der Verstorbenen gedacht. An den Gedenkfeiertagen sind die Friedhöfe voll mit Besuchern, die Gräber herausgeputzt und mit schmückendem Beiwerk versehen. Wer jedoch denkt, die Formen der Bestattung seien zeitlos, der irrt.

Friedhofsexperte Alexander Hanel aus dem mittelfränkischen Leutershausen hat deshalb vergangenes Jahr den "Tag des Grabsteins" ins Leben gerufen. Deutschlandweit können sich Steinmetze an der Aktion beteiligen und an diesem Tag ihre Betriebe öffnen. Besuchern wird dann gezeigt, welche neuen Formen der Grabgestaltung der Zeitgeist mit sich bringt. Der Tag des Grabsteins findet heute nun zum zweiten Mal statt. Dabei ist auch ein Oberpfälzer Steinmetz.

Edelstahl und farbiges Glas

Jörg Meissner aus Püchersreuth (Kreis Neustadt/WN) sagt, dass sich das "Friedhofsbild in den letzten Jahren in Bezug auf Grabdenkmäler deutlich positiv verändert" hat. Laut dem Steinmetzmeister gibt es inzwischen viele "moderne und schöne Gestaltungsmöglichkeiten", die sich von der Eintönigkeit vergangener Zeiten längst verabschiedet haben. "Zweifarbige Grabsteine sind im Kommen. Die Leute wollen unterschiedliche Materialien. Häufig wird der Stein kombiniert mit Edelstahl oder farbigen Gläsern." Zuletzt kämen auch Swarovski-Steine in Mode, berichtet der 48-Jährige.

"Die Farbvielfalt hat deutlich zugenommen. Es gibt längst nicht mehr nur schwarze Grabsteine. Die Leute bestellen helle oder weiße Materialien, auch Grün kommt auf." Das sei wie im Baugewerbe, findet Meissner: "Der Baustil aus den 70er Jahren ist heute altmodisch. So ist es auch am Friedhof. Wir wollen einen Denkanstoß geben, wie vielfältig man die Gräber inzwischen gestalten kann."

Doch dem Steinmetzmeister gefallen bei Weitem nicht alle Neuerungen. Mit Blick auf die zunehmende Beliebtheit von Urnengräbern und Begräbniswäldern auch in der Oberpfalz sagt Meissner: "Die Bestattungskultur bei uns hat sich deutlich verändert. Wir haben seit einiger Zeit eine Quote von 50 Prozent bei Feuerbestattungen." Dies mache den Steinmetzbetrieben zu schaffen.

Was früher nur selten zu sehen war, erfreut sich heute großer Beliebtheit: Ein mit Edelstahl-Kreuz verzierter Grabstein am Stadtfriedhof Weiden.

Zudem sorgt sich der Handwerker um die Kultur, wenn es immer weniger klassische Gräber gibt: "Unsere altgewachsenen Traditionen gehen verloren. Jeder beklagt das Wirtshaussterben in Bayern, aber auf den Friedhöfen ist es nicht anders." Natürlich dürfe jeder seine Bestattungsart frei wählen. Dennoch sieht Meissner Begräbniswälder, in denen ledgilich die Totenasche an einem Baum vergraben wird, kritisch. "Ich persönlich möchte nicht an einer Baumwurzel begraben liegen." Zudem gibt der Steinmetz zu bedenken: "Wenn ich mir Tierfriedhöfe mit den kleinen Grabsteinen anschaue, dann meint man schon, dass Haustiere heutzutage besser bestattet werden als manche Oma, die unter der Wurzel liegt."

Ganz ähnlicher Meinung ist Steinmetzmeister Rupert Pröll aus Schwandorf. "Der Trend zur Urnenbeisetzung ist nicht wegzudiskutieren. Die Grabmale werden reduziert auf leicht zu pflegende Größen." Dies hänge mit den geringeren Kosten zusammen, aber "die Leute wollen auch nicht mehr so viel Zeit für die Grabpflege aufwenden". Dass Urnengräber kaum mehr gepflegt werden müssten, sähe man auch am Parkplatz vor dem Friedhof. "Da standen früher die Autos der Leute, die sich um die Gräber gekümmert haben. Heute parken dort meistens Freibadbesucher."

Tierfriedhöfe sind schöner

Den Begräbniswäldern kann auch Pröll kaum etwas abgewinnen. "Daran ist nichts schön. Der Tierfriedhof in Weiden mit den kleinen Holzkreuzen ist schöner." Und weiter: "Wenn man die Asche unter einem Baum begraben lässt, muss der auch witterungssicher gehalten werden. Den kann der Wind umwerfen, ein Blitz einschlagen oder der Borkenkäfer befallen." Dann sei das Geld auch weg, und die Kostenersparnis gegenüber einem klassischen Grab mit Stein sei dahin. Ein steinernes Grabmal hingegen ist eine "zeitlose Stätte des Gedenkens, die auch in 20 Jahren noch besucht werden kann", sagt Jörg Meissner.

Obwohl sich viele aus Kostengründen für ein Urnengrab entscheiden, könne nicht gesagt werden, dass beim Thema Bestattung nur gespart würde, so Pröll. "Es bestellen zwar weniger Grabsteine. Aber die, die sich bewusst dafür entscheiden, kaufen dann auch was Gescheites." Sein teuerster Auftrag sei ein Gedenkstein für 17 000 Euro gewesen, mit ganz besonderen Materialien. Gut erinnern könne er sich auch noch an einen mit Kristallen besetzten Grabstein. "Der Kunde wollte, dass die Glaskristalle beleuchtet werden. Also haben wir Photovoltaikplatten angebracht und LED-Lämpchen montiert. Aus Bohrungen im Stein heraus haben diese dann die Kristalle indirekt angestrahlt. Das war so stark, dass das Grab nachts taghell beleuchtet war. Wir haben dann zusätzlich einen Dimmschalter installiert."

Formenvielfalt: Kugeln und schlank geformte Stelen bilden moderne Gedenksteine - sie fallen auf zwischen den klassischen Gräbern.

Dass sogar die vermeintlich beständigen Friedhöfe einem Wandel unterliegen, sieht man laut Pröll auch am Schwandorfer Waldfriedhof. Dort gibt es inzwischen eine islamische Grababteilung, die für den Steinmetz eine besondere Herausforderung darstellte. "Da fährst du nicht einfach hin und stellst den Grabstein auf, sondern rückst mit Karte und Kompass an. Der Stein muss nämlich exakt nach Mekka ausgerichtet sein. Und neben dran stand ein Imam, der alles kontrollierte." Auch optisch würden sich manche muslimischen Denkmäler unterscheiden. "Das sind lange, schlanke Stelen. Auf manchen ist die türkische Flagge eingraviert, andere haben vergoldete arabische Schriftzeichen, die kunstvoll eingraviert sind."

Bei christlichen Gedenksteinen hingegen zeige sich ein Trend zur Personalisierung. Sei es früher üblich gewesen, den vollen Namen inklusive Berufsbezeichnung einzugravieren, habe man sich ab den 70er Jahren meist nur auf den Nachnamen beschränkt. "Heute wünschen sich die Leute den Vornamen wieder dazu, deshalb ergänzen wir viele alte Steine. Die Bestellung von Porzellanbildern hat auch zugenommen. Die Angehörigen wollen ein Bild des Verstorbenen vor Augen haben, wenn sie am Grab stehen."

Indirekte LED-Beleuchtung

Unsere Traditionen gehen verloren. Jeder beklagt das Wirtshaus- sterben, aber auf den Friedhöfen ist es nicht anders.

Steinmetzmeister Jörg Meissner (48) aus Püchersreuth

Steinmetzmeister Jörg Meissner (48) aus Püchersreuth

Beleg für den Wandel der Grabkultur: Ein mit Figur und ausgeschnittener Rundung verzierter Gedenkstein am Weidener Stadtfriedhof.

Grabstein Richtung Mekka

Dran ist nichts schön. Der Tierfriedhof in Weiden mit den kleinen Holzkreuzen ist schöner.

Steinmetzmeister Rupert Pröll (54) über Friedwälder.

Steinmetzmeister Rupert Pröll (54) über Friedwälder.

Der November gilt mit Allerheiligen und Totensonntag als klassischer Gedenkmonat. Im Herbst rückt die Grabgestaltung bei vielen Menschen deshalb stärker ins Bewusstsein.
Ein Grabstein des Steinmetzbetriebs Meissner in Püchersreuth als Beispiel für den Einsatz von farbigen Gläsern bei Gedenksteinen.
Verziertes Metall wird zunehmend eingesetzt, um Grabsteine moderner zu gestalten.
Auch farbige Gläser kommen im Bestattungswesen zum Einsatz.
Kreativität und Pietät schließen sich nicht aus.
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