Keine eierlegende Wollmilchsau

Ferkel-Kastration ohne Betäubung, Ringelschwanz ab, Afrikanische Schweinepest: Keine schönen Themen für die Oberpfälzer Schweineerzeuger. Der Nabburger Florian Kleierl öffnet trotzdem seinen Stall und erklärt, wie er sich für das Tierwohl einsetzt.

Schweinchen Schlau will zurück zur Mama, da können Landwirt Florian Kleierl (links) und BBV-Bezirkspräsident Josef Wutz noch so schlau auf es einreden.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Florian Kleierl gehört zur schrumpfenden Minderheit junger Schweineerzeuger in der Oberpfalz, die in die Zukunft investieren. Damit der Familienbetrieb mit 150 Zuchtsauen eine Perspektive hat, fordert er: "Wir wollen wie unsere Kollegen in Dänemark und Holland bei der Ferkelkastration auch lokal betäuben dürfen."

Hochsicherheitstrakt Schweinestall. Zum Fototermin mit den Ferkeln darf neben Florian Kleierl, Geschäftsführer der Familien-GbR, und Kreisobmann Josef Wutz nur noch der Reporter - frisch geduscht und in einem Ganzkörperkondom wie an einem Tatort. Erst dann darf man durch die Schleuse in den Stall. Der potenzielle Täter: "Die Afrikanische Schweinepest wäre das Schlimmste, was passieren könnte", erklärt Wutz die strengen Hygieneregeln. "Der Schweinemarkt in Deutschland würde zusammenbrechen." Später am Küchentisch wird Josef Wittmann, Geschäftsstellenleiter des Bayerischen Bauernverbandes (BBV) in Schwandorf, nachlegen: "Da ist jeder Bürger gefordert, nach dem Ausbruch der Krankheit in Tschechien und Belgien keine frischen Lebensmittel von dort mitzubringen."

Es sieht für den Laien etwas beengt aus, wie die riesigen Muttersauen in ihren Ferkelschutzkörben müde rumflacken. Kleierl erklärt: "Wenn sich so eine Sau mit ihren 250 Kilo mit Schwung hinfallen lässt, haben die Ferkel keine Chance mehr." Im Übrigen wollten die Tiere nach der Geburt ihre Ruhe. Und der Schutzraum biete weitere Vorteile: "Wir haben unterm Gitter der Sau eine Kühlung, weil sie's nicht so warm will wie die Ferkel, die auf der Fußbodenheizung daneben rumtollen."

Warm ist es jedenfalls in der Box, so warm, dass die Kameralinse wegen des Temperaturunterschieds anläuft. Das kleine Fotomodell schreit am Arm der Landwirte wie am Spieß, auch wenn ihm Kleierl und Wutz gut zureden. Das Ferkel will zurück zur Mama. "So hat es nach dem kleinen Schnitt bei der Kastration nicht geschrien", ist sich Kleierl sicher. "Die laufen danach zur Mutter und saugen, als wenn nichts wäre." Dennoch versteht er, dass das nicht allen gefällt, auch wenn er seinen Ferkeln Schmerzmittel verabreicht.

"In allen Ländern rund um Deutschland darf man örtlich betäuben", nennt er die seiner Meinung nach beste Lösung. Eine Vollnarkose, wie sie derzeit erörtert wird, sei nicht nur der teuerste, sondern auch der riskanteste Schritt: "Da der Tierarzt bei so einem kleinen Ferkel Pi mal Daumen dosiert, und der Stress beim Tier schwer zu bemessen ist, ist die Todesrate beträchtlich", ist sich Wutz sicher. Und die Immunkastration per Spritze ist den Landwirten suspekt: "Da werden den Ferkeln nach der Geburt und 14 Tage vor dem Schlachten ein synthetischer Wirkstoff gespritzt, der dem Hormon Gonadoliberin ähnelt", erklärt Kleierl. "Ich bin kein Freund davon."

Beim „Stallgespräch“ auf dem Hof der Kleierls diskutierten Vertreter des Bauernverbandes (BBV) über politische Hürden und wirtschaftliche Risiken der Erzeuger: „Die Politik schnürt Forderungspakete“, sagt Josef Wittmann (Dritter von links), BBV-Geschäftsstellenleiter in Schwandorf, „die man nicht mehr erfüllen kann – man soll investieren, aber in was für einen Stall?“

Schwanz ab statt "beiß ab"

Auch kein Freund ist der Absolvent der Technikerschule für Agrarwirtschaft, Fachrichtung Landbau, in Triesdorf von der Forderung, auf das Kupieren des Ringelschwanzes zu verzichten: Schwanzbeißen bei Schweinen ist eine verbreitete Verhaltensstörung, die sowohl in konventionellen als auch alternativen Haltungsverfahren auftreten kann. "Selbst in Bio-Betrieben bekommt man das Problem mit großem Aufwand und besonders ruhigen Rassen nicht völlig in Griff", sagt Bezirkspräsident Wutz.

Gesetzlich ist das Kupieren der Schwanzspitze von Schweinen sowohl auf europäischer als auch nationaler Ebene nur im Ausnahmefall zulässig, wenn das Schwanzbeißen anders nicht verhindert werden kann. Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) fördert deshalb mit dem Modell- und Demonstrationsvorhaben (MuD) Tierschutz die Untersuchung von Alternativen.

Die Vertreter des Bauernverbandes aber warnen davor, die Hürden für die Betriebe ständig weiter hochzuschrauben: "Dreiviertel der bayerischen Betriebe haben Tierhaltung", sagt Wutz, "mit einer durchschnittlichen Fläche von 30 Hektar sind sie wirtschaftlich auf Veredelung angewiesen." Und gerade die Nutztierhaltung sei mit ihren regelmäßig verschärften Haltungsvorschriften ein großes Thema: Ob die Maße bei Kastenständen oder Gruppenhaltung, ein Großteil der kleinen bis mittleren Schweinehalter habe bereits aufgegeben: "Ihre Zahl hat sich zwischen 2007 und 2018 von 980 auf 360 reduziert." Die Politik fordere im Grunde die Quadratur des Kreises, findet auch Geschäftsstellenleiter Wittmann: "Sowohl mehr offene Ställe dem Tier zuliebe, als auch geschlossene, um die Emissionen zu reduzieren - die eierlegende Wollmilchsau gibt es halt nicht wirklich."

Per Los zum Tierwohl

Dabei seien die Landwirte sehr wohl am Tierwohl interessiert. Auch Hofchef Kleierl ist an der gleichnamigen Initiative beteiligt, die vom Lebensmitteleinzelhandel finanziert wird. Unternehmen wie Aldi, Edeka, Kaufland, Lidl, Netto, Penny, Real und Wasgau führen pro verkauftem Kilogramm Schweine- und Geflügelfleisch und -wurst 6,25 Cent an die Initiative Tierwohl ab.

Mit den etwa 130 Millionen Euro jährlich wird der Mehraufwand der Tierhalter honoriert: "Ich biete meinen Tieren mehr Platz als gesetzlich vorgeschrieben, gebe ihnen zusätzliches Raufutter, organisches Nestmaterial und Holz zum Spielen." Eigentlich hätten sich weit mehr Betriebe angeschlossen, aber: "Der Handel war nicht bereit, mehr als die 6,25 Cent draufzulegen", bedauert Wutz. "Deshalb wurde per Los entschieden, wer mitmachen darf."

Dissertation zur CO2-Narkose:

„In Anbetracht der Tatsache, dass das Ziel einer Betäubung grundsätzlich Schmerz- sowie Stressfreiheit sein sollte und der Verbraucher aus Tierschutzgründen auf ein Verbot der betäubungslosen Kastration pocht, kann die CO2-Narkose diesen Ansprüchen, der vorliegenden Untersuchung zufolge, nicht gerecht werden.

Es stellt sich vielmehr die Frage, inwieweit es dem Tierschutzgedanken entspricht, durch eine Methode, deren Aufgabe es ist, Schmerz- und Stresslinderung zu bewirken, ein gravierendes Maß an zusätzlichem Stress und Unwohlsein zu verursachen.“

Aus der Dissertation Isabel Carolin Mühlbauers im Fachbereich der Tierärztlichen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München, 2009.

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