07.02.2020 - 14:00 Uhr
OberviechtachDeutschland & Welt

Hochleistungssport zur Faschingszeit

Für OTon trainiert Lucia Seebauer mit den Ü-15-Mädels der AWO-Tanzgruppe Grün-Weiß in Oberviechtach. Sie lernt einige Teile des Schautanzes und merkt, was einfach aussieht, ist eigentlich knallharte Arbeit.

von Lucia Seebauer Kontakt Profil

Mein Kopf ist auf volle Konzentration gestellt. Ich blicke nach unten auf den Boden, meine Hände sind zu Fäusten geballt, die Beine hüftbreit ausgestellt. Ich bin nervös. Laute Musik schallt durch den Raum, sie klingt düster und ernst. Ich schaue auf die anderen, warte, bis es losgeht. Das Mädchen vor mir bewegt sich im Takt, macht langsame und schwere Schritte. Ich versuche, es nachzuahmen.

Ich bin zu Gast bei der AWO-Tanzgruppe Grün-Weiß und darf gemeinsam mit der Ü-15-Gruppe trainieren. Die Älteste der 22 Mädels ist 35 Jahre alt, die Jüngste 15. Bereits seit April vergangenen Jahres trainiert die Gruppe. "Wir fangen mit dem Sommerprogramm an", sagt Trainerin Simone Welnhofer. Ab Mai werden parallel die Faschingstänze eingeübt.

Die Tänzerinnen treffen sich regelmäßig montags und freitags, denn bei ihren Auftritten muss jede Bewegung sitzen. Trainerin Stella Welnhofer, die Schwester von Simone, betreut in der Woche 10 bis 15 Trainingseinheiten unterschiedlichster Altersgruppen. „Zusätzlich setzen wir uns auch zusammen, brainstormen oder arbeiten Choreographien noch mal aus“, sagt sie. Auch bei der Ü-15-Gruppe gibt sie den Ton an. Beim Training steht sie vorne, gibt Verbesserungsvorschläge und beobachtet die Bewegungen der Tänzerinnen.

Jeder hat einen festen Platz

Meine Aufgabe ist es, für eine fehlende Tänzerin einzuspringen und mich beim Schautanz auszuprobieren. Mit meinem weißen T-Shirt steche ich unwillkürlich aus der schwarz angezogenen Gruppe heraus. Zum gemeinsamen Training geht es in die große Turnhalle im Mehrgenerationentreff in Oberviechtach. Jeder sucht sich seinen festen Platz im Raum. Da ich heute eine Tänzerin ersetze, stelle ich mich in die Lücke, in der sie normalerweise stehen würde. Simone geht mit mir kurz die Schritte vom Anfangsteil des Schautanzes durch. Ich bin aufgeregt.

Doch mit viel Geduld gehen die erfahrenen Tänzerinnen auf mich ein und zeigen mir, was zu tun ist. Auf den ersten Blick wirkt es, als wäre es gar nicht so viel. Ich versuche, mir die Schrittkombinationen zu merken und sie nachzumachen. Es gelingt mir aber nicht, alle Bein- und Armbewegungen auf einmal zu koordinieren. Wir versuchen es gemeinsam. Beim Üben merke ich schnell, was leicht aussieht, ist schwer nachzutanzen.

Ernst statt Spaß

In dieser Saison führen die Mädels sechs Tänze auf, drei davon haben sie für Fasching einstudiert. Einer davon ist der Schautanz, der rund fünf Minuten dauert. Der erste Auftritt ist meistens Ende November. Die Tänze sind ein bunter Mix aus Akrobatik, Modern Dance, Hip-Hop, Ballett oder Jazz. Dabei probieren die Tänzerinnen immer etwas Neues aus: "Unsere Trainer bilden sich regelmäßig weiter", erklärt Simone.

Bei ihren Faschingstänzen stehen meist Spaß, positive Emotionen und Humor im Vordergrund. Der diesjährige Tanz ist eher von einer düsteren und ernsten Atmosphäre geprägt. Somit ist die Gruppe mit ihrem Schautanz sogar ein kleines Risiko eingegangen. Das Motto heißt: "Erfolg ist kein Glück". "Es ist anspruchsvoller, die Geschichte hinter den Bewegungen und der Choreographie zu verstehen. Der Tanz soll die Höhen und Tiefen des Lebens widerspiegeln." Beim Publikum komme das bisher gut an. "Wir wollen auch eine Message haben, die Leute unterhalten und sie mitnehmen."

Es geht sekundenschnell

Beim Training machen wir mit einer Hebefigur weiter. Zum Glück muss ich nicht in die Luft. Dafür setze ich mich in eine Lücke in der vordersten Reihe. Die Mädels helfen einer Tänzerin - in einem Spagat - nach oben. Ich beobachte die Situation in einem großen Spiegel an der Wand. Die Gruppe transportiert das Mädchen von oben nach unten. Ich strecke meine Arme, um es rechtzeitig zu fassen. Es geht alles sekundenschnell und wie von selbst. Schon ist die Tänzerin wieder am Boden. Am Ende der Figur lassen sich alle Tänzer fallen.

Tanzmariechen Sophie führt ebenfalls ihr Können vor. Sie ist als Solotänzerin auf der Bühne. In ihrem Repertoire hat die Jugendliche zahlreiche Überschläge, Sprünge, Drehungen oder Spagate. Wie ein graziöser Wirbelwind tänzelt die 16-Jährige durch den Raum. "Sechs Jahre Training waren nötig, bis sie das alles konnte", sagt Vereinsvorsitzender Michael Welnhofer. Er erklärt: "Das Training der Mädels und ihre Auftritte sind Hochleistungssport." Er ist stolz auf seinen Verein, der 2020 seinen 30. Geburtstag feiert.

Wir üben eine weitere Schrittkombi mit einer Rolle am Boden zu Bon Jovis "It's my Life". Während bei den anderen Mädels jeder Schritt, jede Handbewegung und sogar das Lächeln im Gesicht sitzen, versuche ich mir stets, alles zu merken. Neben ihnen komme ich mir wie ein tolpatschiges Nilpferd vor. Immer wieder komme ich durcheinander, bin langsamer als der Rest. Die anderen nehmen es aber mit Humor. Simone und ihre Schwester Stella trainieren bereits, seit sie auf den Beinen stehen können. "Die Grundschritte sind gleich. Das macht es einfacher. Aber jede Choreographie ist natürlich anders."

Zu Beginn des Jahres häufen sich die Auftritte der Tanzgruppe. "Wir sind ab Januar jedes Wochenende unterwegs." Überwiegend reisen die Tänzerinnen durch die Region, der weiteste Weg führt sie zum Kulturball nach Pilsen. "Dort waren wir vergangenes Jahr zum ersten Mal, das war eine echtes Highlight", erklärt Trainerin Stella. Bis zu 700 Zuschauer haben die Mädels in ihren Kostümen bewundert. Auch 2020 sind sie dort wieder zu Gast.

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