19.12.2018 - 17:42 Uhr
OberviechtachDeutschland & Welt

Landärzte am Limit: Ärztemangel in der Oberpfalz

Auf dem Land herrscht Ärztemangel. Im Norden der Oberpfalz ist im Kreis Tirschenreuth eine Unterversorgung abzusehen: Dort gibt es zu wenig junge Hausärzte - der Kollaps droht.

Doktor Alexander Ried auf dem Weg zum nächsten Einsatz als Notarzt.
von Maria Oberleitner Kontakt Profil

Es gibt zu wenig Ärzte auf dem Land - auch in der Oberpfalz ein Problem, dass sich in Zukunft noch verschärfen könnte. "Echte Unterversorgung, zum Beispiel bei Hausärzten, beginnt ab 75 Prozent und darunter", sagt Birgit Grain, Pressesprecherin der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB). In der Oberpfalz sei lediglich der Kreis Tirschenreuth kritisch zu sehen - allerdings mit einer Versorgungsquote von 94,9 Prozent. Die KVB-Sprecherin erklärt: In Tirschenreuth praktizieren sehr viele alte Ärzte. 11 von 23 Hausärzten seien älter als 60 Jahre.

Auch was auf den ersten Blick wie das Gegenteil aussieht, birgt Gefahren: Die Region Neunburg vorm Wald und Oberviechtach ist laut der KVB mit 130,1 Prozent im Grunde überversorgt. "Wir Hausärzte spüren den Ärztemangel aber trotzdem", sagt Dr. Alexander Ried. Zum Problem könnte auch hier werden: 12 von 22 praktizierenden Hausärzten in der Region Neunburg/Oberviechtach sind älter als 60. Der durchschnittliche Oberpfälzer Arzt ist 54,8 Jahre alt - also kein Einzelfall. "Ich muss leider davon ausgehen, dass nicht alle Praxen übernommen werden", so Alexander Ried. Dann müssen die bestehenden Praxen die Arbeit auffangen.

Arzt und Familie

Fest steht für den Allgemeinmediziner: "Landärzte müssen gefördert werden. Gerade, weil die Praxen, die junge Ärzte auf dem Land übernehmen, meist nicht auf dem aktuellen technischen Stand sind", so Ried. Alleine deshalb sei eine solche Förderung schon sinnvoll. "Klar, man kann immer fordern: Mehr ist besser. Ich denke aber auch, dass man an anderer Stelle nachbessern muss." Bessere Work-Life-Balance, mehr Teilzeitstellen, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, da müsse sich etwas tun. Gerade wegen des hohen Anteils an Frauen unter den angehenden Medizinern.

Er fordert von der KVB: Bürokratie abbauen. Bisher wirke der Beruf Hausarzt unter anderem wegen vielen zu erbringenden Nachweisen und Schulungen abschreckend. "Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich vor allem Kinder von Hausärzten ebenfalls niederlassen - weil sie es schon kennen."

Als weiteres Problem sieht er den Bereich Notarzt: "Unter der Woche fahren hier in der Gegend nur drei Ärzte Notarzt. Alle drei heißen Ried", sagt der Hausarzt. Nur am Wochenende und stundenweise bekommen sie Unterstützung. "Gerade mit Einzelpraxen ist es schwierig, nebenbei noch als Notarzt raus zu fahren. Die Ärzte müssten dafür ihre Praxen alleine lassen. Auch für die Gemeinschaftspraxis Ried sei es manchmal knapp: "Auch zu zweit wäre es schon fast zu viel Arbeit, um nebenbei noch als Notarzt raus zu fahren."

Was tun? Eine Förderung vonseiten der KVB ist derzeit ausgeschlossen: Erst bei einer Unterversorgung - bei Hausärzten 75 Prozent und darunter - kann die KVB die Niederlassung von Hausärzten in einer bestimmten Region fördern. Auch eine drohende Unterversorgung, wie zum Beispiel im Raum Tirschenreuth kann gefördert werden. Doch für Oberviechtach: Fehlanzeige. Auch Alexanders Bruder Christian Ried, der 2020 mit in die Praxisgemeinschaft einsteigen soll, wird keine Förderung bekommen, wenn der Raum weiterhin als überversorgt gilt.

Zuschuss vom Staat

Auch vonseiten des Freistaats fließt das Geld: Bislang 38 Millionen Euro hat der Freistaat Bayern in die Förderung der medizinischen Versorgung auf dem Land gesteckt. Mit zusätzlich 33 Stipendien (bayernweit 187) förderte das Ministerium Oberpfälzer Studenten - wenn diese sich auf dem Land ansiedeln würden. Die angehenden Mediziner bekommen 600 Euro pro Monat - maximal zwei Jahre lang - wenn sie sich verpflichten, sich im ländlichen Raum weiterzubilden und danach weitere fünf Jahre dort zu praktizieren.

Klinik am Land

Eine von ihnen ist Veronika Pinker. Aufgewachsen ist sie in Zwiesel, zum Studieren kam sie in die Oberpfalz. Bis Ende Mai studierte die angehende Kinderärztin in Regensburg, seit 1. November arbeitet sie an der Passauer Kinderklinik. "Ich komme vom Land - und ich konnte mir gut vorstellen, langfristig in einer ländlichen Region zu arbeiten." 300 Euro monatlich bekam sie deshalb vom Staat. Passau, das zu den "ländlichen Regionen" zählt, ist ihr inzwischen ans Herz gewachsen.

"Ich erinnere mich an eine Landkarte, in verschiedenen Farben. Städte wie Regensburg oder München waren rot. Diese musste ich also für mich ausschließen." Ihren Facharzt für Kindermedizin macht sie nun an der Passauer Kinderklinik. "Optionen für mich wären unter anderem Landshut oder Amberg gewesen - es hat mich dann aber doch wieder in Richtung Heimat verschlagen", sagt die 25-Jährige. Nicht nur Studenten fördert der Freistaat, auch für die Niederlassung auf dem Land können Ärzte Zuschuss beantragen: 52 Niederlassungen in der Oberpfalz (davon 36 Hausärzte) förderte das Gesundheitsministerium bislang, 476 in ganz Bayern (davon 384 Hausärzte). Mediziner können bis zu 60 000 Euro Anschubförderung bekommen, wenn sie sich in Gemeinden mit nicht mehr als 20 000 Einwohnern niederlassen. Gefördert wird nur, so erklärt ein Sprecher des Gesundheitsministeriums, wenn die Region nicht überversorgt (also über 110 Prozent ausgelastet) ist. Für Oberviechtach? Fehlanzeige.

Ein Landarzt nimmt sein Stethoskop aus dem Koffer.

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