08.10.2019 - 13:18 Uhr
OberviechtachDeutschland & Welt

Pensionäre unter Palmen

Letzte Woche putzte Paul Bauer noch Schwammerln in Oberviechtach. Diese Woche steht er in Shorts vor seinem Haus auf der Insel Bonaire. Den Ruhestand verbringt der pensionierte Berufsschullehrer an zwei Orten: der Oberpfalz und der Karibik.

Seine Leidenschaft fürs Tauchen führte den Oberviechtacher Paul Bauer auf die Insel Bonaire. Vor 26 Jahren hat er hier ein Haus gebaut. Von der Dachterrasse sieht er aufs karibische Meer.
von Christine Ascherl Kontakt Profil

Paul Bauer ist mit seinem Lebensmodell beileibe nicht allein. Immer mehr Deutsche verbringen ihren Lebensabend zumindest zeitweise im Ausland - oder ziehen komplett um. Dirk Manthey von der Deutschen Rentenversicherung Bund hat sie alle im Blick: 240 000 deutsche Rentner lassen sich ihre Altersrente direkt an ihren ausländischen Wohnsitz überweisen. "Das ist ein neuer Rekord", sagt Manthey. In zehn Jahren kamen 50 000 dazu.

Natürlich sind die Nachbarländer statistisch die beliebtesten Ruhesitze. Österreich beherbergt rund 25 000 deutsche Rentner, die Schweiz 26 000. Viele zieht's in die Sonne: In Spanien - und dort vermutlich hauptsächlich auf Mallorca - haben 21 000 deutsche Rentenempfänger ihre Zelte aufgeschlagen. In Italien sind es 7000, in Thailand fast 6000. Nicht nur das Klima zählt. Von niedrigeren Lebenshaltungskosten profitieren die rund 10 000 deutschen Rentner in Osteuropa. "Das sind fast doppelt so viele wie vor zehn Jahren", so Manthey. Allein 2900 leben im Nachbarland Tschechien. Der deutsche männliche Durchschnittsrentner hat dort mit 1200 Euro fast das Dreifache zur Verfügung als sein tschechisches Pendant (435 Euro).

Ein Rentner in Nordkorea

Aber auch völlig exotische Domizile sind unter den Auswandererzielen. Eine einzige deutsche Rente wird nach Nordkorea überwiesen. Ein Rentner sitzt auf den Malediven, einer in Mikronesien in der Südsee, einer im Kongo und einer in Dschibuti. Immerhin fünf Deutsche lassen sich ihr Ruhegehalt auf die Cook-Inseln im Pazifik auszahlen, wo im 18. Jahrhundert die "Bounty" anlandete.

Komplett die Zelte abbrechen möchte Paul Bauer nicht. "Ich bin Europäer. Keine Karibianer. Man vermisst ein gutes Konzert, auch mal ein Weißbier, Salat und schwarzes Brot." Und zu viel Müßiggang sei auch nicht gut fürs Gemüt, wie der Handwerksmeister bei anderen Aussteigern erlebt habe: "Es gibt welche, die sacken ab." Politisch gilt Bonaire als besondere Gemeinde der Niederlande. Das macht sich im Lebensstandard bemerkbar. "Supermärkte, Krankenhäuser, Sicherheit: alles wie bei uns."

Eine Urlaubsreise hat den Oberpfälzer vor drei Jahrzehnten hierher geführt. Er hatte Inselhopping auf den "ABC-Inseln" gebucht: Aruba, Bonaire, Curacao. Die Nachbarinseln punkten mit ihren kilometerlangen, weißen Palmenstränden. Bonaires Qualitäten dagegen liegen eher unter Wasser: Die Insel gilt in Taucherkreisen als absoluter Geheimtipp und ist heute noch touristisch weitgehend unentdeckt. Pro Jahr kommen rund 55 000 Touristen. "Das hat Mallorca in zwei Tagen."

Jahrelang flog Paul Bauer in den Ferien nach Bonaire. Bis ein Freund von der Tauchschule sagte: "Häng' doch deinen Beruf an den Nagel." "Da dachte ich noch: Spinnt der?", erinnert sich der Oberviechtacher. Vor 26 Jahren gab ihm der Bekannte dann den Tipp auf einen Grundstücksverkauf. Und der Oberviechtacher schlug zu. Heute steht in Santa Barbara die "Villa Paul" mit Blick aufs Meer. Auch seine erwachsenen Töchter nutzen das familieneigene "Hideaway" gern.

Nur eine Handvoll Deutscher lebt auf der 17 000-Einwohner-Insel. Ihre Zahl steigt rapide an, wenn in der Kreuzfahrtsaison "Mein Schiff" und "Aida" anlegen. Paul Bauer bleibt dann manchmal lieber inkognito, wenn die Landsleute am Pier in die kleine Inselhauptstadt Kralendijk einfallen. Inzwischen ist er offiziell "Resident". Sein Freundeskreis rekrutiert sich aus Niederländern und Creolen: "Ich habe inzwischen auch Spanisch und Niederländisch zu sprechen gelernt."

Ob Beamtenpension oder gesetzliche Rente: Beides wird in voller Höhe in jedes Land der Welt überwiesen. Wer eine Erwerbsminderungsrente bekommt oder Rentenansprüche nach dem Fremdrentengesetz hat, muss je nach Wohnort mit Kürzungen rechnen. Kein Problem ist dagegen, wenn es kein deutsches Konto mehr gibt: Die Rentenversicherung überweist auch auf Konten im Ausland.

Problem: Brexit

Die Rentenversicherung zahlt rund 1,8 Millionen Renten in über 150 Länder. Die Empfänger sind Deutsche, die im Ausland leben oder Menschen anderer Nationalität, die in Deutschland gearbeitet haben.

Besonderheit: Rentner im Ausland müssen einmal im Jahr nachweisen, dass sie noch am Leben sind. Die Rentenversicherung sendet dafür per Post ein Formular zu. In jedem Fall ist wichtig: Die Rentenversicherung muss stets die aktuelle Anschrift kennen. Unbedingt geklärt werden muss im Vorfeld, ob die deutsche Krankenversicherung weiter gilt. Informationen dazu gibt der GKV-Spitzenverband (Deutsche Verbindungsstelle Krankenversicherung-Ausland, www.dvka.de). Bei einer Verlegung des Wohnortes in einen EU-Mitgliedstaat ändert sich bei gesetzlich Versicherten in der Regel nichts. Schwieriger wird's andernorts. Großes Thema ist derzeit der Brexit: Die GKV die informiert aktuell die 7700 deutschen Rentner in Großbritannien. Grob zusammengefasst: Nix ist fix.

Paul Bauer wird vorläufig Teilzeit-Aussteiger bleiben. Der 65-Jährige verbringt drei bis vier Monate des Jahres auf seiner Insel. "Das gibt so viel Kraft für die Seele", sagt er. Zurück in der Oberpfalz, "fängt's spätestens zwei Monate später zu kribbeln an".

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