"Ötzi" und die Menschenmassen

Hätte "Ötzi" geahnt, welche Besucherströme ihn heute erwarten, wäre er vielleicht lieber oben geblieben im ewigen Eis. Doch er hatte keine Wahl. Die berühmte Gletschermumie ist heute die Haupt-Touristenattraktion von Bozen.

"Ötzi", der Mann aus dem Eis.
von Thomas Schaller Kontakt Profil

In der Südtiroler Landeshauptstadt hat der 1991 entdeckte Similaun-Mann seine letzte Ruhe gefunden, nachdem ihn mehr als 5300 Jahre lang der Schnalstaler Gletscher in den Ötztaler Alpen im eisigen Griff festgehalten hatte. Doch von Ruhe kann keine Rede sein. Je nach Jahres- und Tageszeit stehen die Besucher auf dem Bürgersteig vor dem Südtiroler Archäologiemuseum Schlange, um dem Mann aus dem Eis auf einen Meter nahe zu kommen.

Kältekammer zum Schutz

Dies ist etwa die Distanz, die in dem äußerst sehenswerten Museum zwischen der Mumie und den Besuchern liegt. Durch eine quadratische Luke können sie einen Blick in die mit einem ausgeklügelten Sicherheitssystem überwachte Kältekammer werfen, wo "Ötzi" bei minus 6 Grad und 99 Prozent Luftfeuchtigkeit, geschützt vor Austrocknung, Keim- und Schädlingsbefall, liegt. Das gletscherähnliche Klima hat eine Eisschicht auf dem braunen, dürren Körper gebildet, so dass er glänzt wie mit Südtiroler Speck eingerieben. Der Blick auf die Originalmumie ist der Höhepunkt des Museumsbesuchs. Doch richtig interessant wird es eigentlich erst in den folgenden Abteilungen, wo die vielen Ausrüstungsgegenstände des Gletschermanns erklärt werden und wo Gerichtsmediziner den "Kriminalfall Ötzi" populärwissenschaftlich aufrollen. Der Mann aus dem Eis fiel einem Mord zum Opfer, was man eher durch Zufall herausfand. Im Jahr 2001, zehn Jahre nach dem sensationellen Fund der Mumie aus der Kupferzeit, werteten die Forscher ein Röntgenbild aus und entdeckten eine Pfeilspitze in der Schulter. Der Schuss von hinten hatte eine Arterie verletzt. "Ötzi" dürfte also verblutet oder einer schweren Kopfverletzung erlegen sein, die er sich zeitgleich zuzog – vielleicht vom Sturz. Das Motiv wird wohl nie geklärt werden. Ein Raubmord ist unwahrscheinlich, weil dem Opfer seine gesamte Ausrüstung gelassen wurde, darunter ein wertvolles, für die damalige ausgehende Steinzeit fortschrittliches Kupferbeil.

Robuste Bergung

Fünf Jahrtausende später, am 19. September 1991, wandert ein Nürnberger Ehepaar über das Tisenjoch und findet auf 3210 Metern Höhe eine zur Hälfte im Eis steckende Leiche. Da man zunächst an einen verunglückten Bergsteiger denkt, läuft die Bergung etwas robuster ab, als es sich Archäologen wünschen. Erst in der Gerichtsmedizin in Innsbruck stellt sich heraus, dass es sich um einen jahrtausendealten Sensationsfund handelt. Seither haben sich bereits über 500 Wissenschaftler mit "Ötzi", seiner Kleidung und seiner Ausrüstung beschäftigt.

Die "medizinische Abteilung" des Museums zeigt auf, unter welchen Wehwehchen der Similaun-Mann, zu Lebzeiten etwa 1,60 Meter groß und 50 Kilogramm schwer, Schuhgröße 38, gelitten hat. Umfangreiche Untersuchungen haben bewiesen: Verschleißerscheinungen an den Gelenken bereiteten "Ötzi" Schmerzen, die Zähne waren abgenutzt und hatten Parodontose. Borrelien, Flöhe und Peitschenwürmer machten ihm zu schaffen. Er vertrug keinen Milchzucker. Erst kürzlich veröffentlichte eine Bozener Radiologin ein weiteres Ergebnis: "Ötzi" hatte drei Verkalkungen in den Koronargefäßen. Aus seiner DNA ist zu schließen, dass er dazu genetisch veranlagt war. Kurz vor seinem Tod, so hat die Untersuchung seines Mageninhalts ergeben, hatte er noch Hirsch- und Steinbockfleisch, Getreide und andere Pflanzen verspeist.

Dolch aus Feuerstein

Der Gletschermann hatte sehr zweckmäßige Kleidung, genäht mit Tiersehnen, Gräsern und Bast, und Ausrüstung bei sich, die nach aufwendiger Restaurierung im Museum zu sehen sind. Mantel und Hose aus Fellstreifen von Ziege und Schaf, die Mütze aus Bärenfell, die Schuhe aus Hirschleder und Lindenbastschnüren, ausgestopft mit Grasbüscheln. Neben dem Kupferbeil trug "Ötzi" einen noch nicht ganz fertigen Bogen als Waffe mit, dazu zwölf Pfeilschäfte und zwei Pfeile. Eine leichte Rückentrage, zwei Birkenrindengefäße, ein Feuersteindolch und ein Werkzeug zur Steinbearbeitung vervollständigten seine Habe. Vermutlich zu therapeutischen Zwecken hatte er zwei Stücke des Birkenporlings dabei, eines Baumschwamms, dem antibiotische und blutstillende Wirkung nachgesagt wird.

Wie der Similaun-Mann ausgesehen haben könnte, kann man sich sehr gut anhand einer Rekonstruktion der niederländischen Paläokünstler Adrie und Alfons Kennis vorstellen. Die lebensgroße Figur entstand mit Hilfe von CT-Scans der Mumie und forensischen Methoden aus Silikongummi und Kunstharz. Der etwa 45 Jahre alte Mann aus der Kupferzeit hatte vermutlich dunkles, mittellanges Haar und braune Augen und trug einen Bart. 61 Tätowierungen an noch heute benutzten Akupunkturlinien sollten, so schätzen die Fachleute, seine Schmerzen lindern.

"Ötzi" stammte laut einer Zahnschmelz-Untersuchung aus dem Eisacktal. Dass er auch heute seine Tage in Südtirol verbringen darf, verdankt er einer Neuvermessung der österreichisch-italienischen Grenze noch im Fundjahr 1991. Das Ergebnis: Der Fundort liegt 92,56 Meter von der Grenze entfernt – auf Südtiroler Gebiet.

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Die Gletschermumie aus der Kupferzeit auf einem interaktiven Leuchttisch im Südtiroler Archäologiemuseum in Bozen.
61 Tätowierungen trägt die Mumie vom Tisenjoch. Sie liegen an heute noch genutzten Akupunkturlinien und könnten deshalb aus medizinischen Gründen gestochen worden sein.
Der Kriminalfall „Ötzi“: Eine eigene Abteilung des Museums rollt die Geschichte des Todes auf. Der Mann aus dem Eis starb nach einer Verletzung durch einen Pfeilschuss in die Schulter.
Zwei niederländische Paläokünstler haben diese neue Figur erschaffen. So könnte der Similaun-Mann nach heutigen Erkenntnissen zu seinen Lebzeiten ausgesehen haben.
Lange Menschenschlangen bilden sich vor dem Südtiroler Archäologiemuseum in Bozen. Alle wollen "Ötzi" sehen. Seit Eröffnung vor 20 Jahren besuchten über 5 Millionen Menschen das Museum.
Museumsbesucher können "Ötzi", den Mann aus dem Eis, auf einem interaktiven Leuchttisch "untersuchen".
Informationen:

Museumsbesuch

Kontakt

Südtiroler Archäologiemuseum

Museumstraße 43

I-39100 Bozen

Südtirol – Italien

Telefon 0039/0471/32 01 00

E-Mail: info[at]iceman[dot]it

Internet: www.iceman.it/de

Eintrittspreise

Erwachsene 9 €, ermäßigt 7 €, Kinder unter 6 Jahren gratis; Familienticket 18 €; Webtickets (Eintritt ohne Wartezeit): www.iceman.it/de/ticketshop

Öffnungszeiten

Dienstags bis sonntags, 10 bis 18 Uhr. Im Juli, August und Dezember (außer 25.12.) täglich offen.

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