28.05.2021 - 17:22 Uhr
MünchenDeutschland & Welt

Der „Ost-Krimi“, der den eigenen Staat überlebte

Mörder und andere Verbrecher haben am Sonntagabend in der ARD seit vielen Jahrzehnten Hochkonjunktur. Wesentlichen Anteil daran hat eine Krimi-Reihe, die ihre Wurzeln vor 50 Jahren in der damaligen DDR hatte.

Andreas Schmidt-Schaller (stehend) ist so etwas wie der "Elder Statesman" unter den bisherigen "Polizeiruf 110"-Ermittlern: In der Jubiläumsfolge ist er als Schwiegervater des neuen Kommissars Michael Lehmann (Peter Schneider) dabei.
von Holger Stiegler (STG)Profil

"An der Saale hellem Strande..." - so beginnt ein deutsches Volkslied aus dem 19. Jahrhundert, in dem vorwiegend Bezug auf die Gegend rund um das sachsen-anhaltinische Halle genommen wird. Auch der "Polizeiruf 110", der am 30. Mai in der ARD gesendet wird, trägt diesen Titel. Dabei handelt es sich um eine ganz besondere Folge - zum einen gibt es ein neues Ermittlerteam, zum anderen ist es die Jubiläumsfolge zum 50. Geburtstag der Reihe.

Ursprung in der früheren DDR

Die Folge macht deutlich, wo der "Polizeiruf 110" seinen Ursprung hat - nämlich in der früheren DDR. Einsatzort ist Halle, die beiden in Ostdeutschland geborenen Schauspieler Peter Kurth und Peter Schneider übernehmen die Rollen der Ermittler, Kriminalhauptkommissar Henry Koitzsch und Kriminalkommissar Michael Lehmann. Und dann ist da noch jemand in einer Gastrolle dabei, der auch die "Wandlung" der Reihe vom "Ost-Krimi" zur gesamtdeutschen Polizeiserie personifiziert - nämlich Andreas Schmidt-Schaller. Er hat seit 1986 als Oberleutnant Thomas Grawe für den DFF und nach der Wende als Oberkommissar Grawe für den MDR bis 1995 in insgesamt 33 "Polizeiruf 110"-Fällen ermittelt. In der Jubiläumsfolge darf er nochmals als Thomas Grawe ran - allerdings als in Ehren ergrauter Schwiegervater von Kommissar Lehmann. "Als Großvater zu erscheinen ist ja nicht das Schlechteste. Die Figur Grawe habe ich immer gemocht, die hat mir Spaß gemacht. Als die Anfrage kam, habe ich nicht lange überlegen müssen: Klar, mache ich mit", erzählt Schmidt-Schaller im Gespräch mit Oberpfalz-Medien.

"Schimanski des Ostens"

Der heute 75-jährige Schauspieler war in seiner Zeit als "Polizeiruf 110"-Ermittler auch an einer ganz besonderen Premiere beteiligt: nämlich 1990 am ersten "Crossover" - wie es heute auf neudeutsch heißt - mit dem "Tatort" und den beiden Ermittlern Schimanski und Tanner. "Die Zusammenarbeit war sehr gut mit Götz George und Eberhard Feik, das hat mit beiden großen Spaß gemacht. Und es war auch etwas Besonderes. Ich denke, wir waren zuvor alle ziemlich aufgeregt. Aber das Eis war ganz schnell gebrochen, wir haben uns auf Anhieb verstanden", blickt Schmidt-Schaller zurück. Neben der Zusammenarbeit von "West"- und "Ost"- Fernsehen hatte der Dreh für den Polizeiruf-Ermittler auch eine persönliche Note, denn er galt als "Schimanski des Ostens". "Natürlich konnte ich damit leben. Den Namen hat mir ein Journalist verpasst. Das war eine Ehre, da war auch ein gewisser Stolz vorhanden", erzählt Schmidt-Schaller und lacht.

Der Täter im Mittelpunkt

Der Sonntagabend gehört zum einen dem "Tatort", zum anderen dem "Polizeiruf 110". Die Reihen lassen sich zwar vergleichen, das Konzept allerdings nicht gleichsetzen. "Beim Tatort war und ist die Dramaturgie eine andere. Da stehen die Kommissare mehr oder weniger im Zentrum mit ihrer Geschichte. Beim Polizeiruf 110 stand immer der Täter im Mittelpunkt. Es ging um die Psyche des Täters und die Hintergründe zu seiner Tat", erklärt Schmidt-Schaller. Diese Spezifik sei heute nicht mehr ganz so vorhanden, das vermischt sich seiner Meinung nach heute mehr. Dass Schmidt-Schaller oftmals über seine Polizisten-Rollen als Schauspieler definiert werde, sieht er übrigens ganz entspannt: "Kommissar zu sein steht praktisch in meinem Sternbild. Es stört mich überhaupt nicht, dass viele in erster Linie die Kommissar-Rollen mit mir in Verbindung bringen - egal, ob das der Thomas Grawe im Polizeiruf oder der "Hajo" Trautzschke bei der SOKO Leipzig war."

Längst im Westen angekommen

Der "Polizeiruf 110" ist heute längst im Westen angekommen, ermittelt wurde in der Vergangenheit unter anderem bereits im Bergischen Land, in Offenbach und seit 1997 gibt es auch einen bayerischen Polizeiruf aus München. Gaby Dohm, Edgar Selge, Michaela May, Stefanie Stappenbeck, Jörg Hube (in seiner letzten Rolle), Anna Maria Sturm und Matthias Brandt sind seitdem als Ermittler in München in Erscheinung getreten. Seit 2019 ist nun Verena Altenberger als Münchener Polizeioberkommissarin Elisabeth Eyckhoff im Einsatz, ihre 3. Folge mit dem Titel "Frau Schrödingers Katze" ist am 20. Juni zu sehen.

Wann ist die 33-jährige Österreicherin eigentlich selbst als Fernsehzuschauerin mit dem "Polizeiruf 110" in Berührung gekommen? "Tatsächlich relativ spät. Der "Tatort" war ab meinen Teenagerinnen-Jahren fester Bestandteil des Sonntagabends, aber der ORF überträgt den "Polizeiruf" nicht, da läuft dann immer ein alter Tatort. Warum auch immer, denn so verpasst man im österreichischen Fernsehen viele interessante und mutige Filme", berichtet Altenberger im Gespräch mit Oberpfalz-Medien.

Nach zwei gesendeten Folgen lässt sich sagen, dass ihre "Bessie" eine Teamplayerin ist, jung und neugierig, ausgestattet mit viel Empathie und dem Wunsch, die Menschen zu verstehen. "Außerdem kämpft sie darum, selbst glücklich zu sein, auch wenn ihr der Beruf und die Schicksale, mit denen sie konfrontiert ist, oft sehr nahe gehen", ergänzt Altenberger.

Vierter Fall bereits gedreht

Beim Vergleich der Einschaltquoten ist es in der Regel so, dass diese beim vermeintlich "alteingesessenen" Tatort - er ist gerade einmal ein Jahr älter als der Polizeiruf - höher sind. Für Altenberger ist dies aber per se nichts Negatives: "Vielleicht ist es das, was den Polizeiruf für mein Empfinden einen Ticken freier macht!" Nach Fall Nummer 3 soll 2021 auch noch der bereits abgedrehte 4. Fall mit Verena Altenberger in der ARD laufen.

Rolle beim "Jedermann"

Aktuell konzentriert sie sich auf eine ganz andere Rolle für die Bühne - nämlich auf die laut österreichischem Volksmund "wichtigste Nebenrolle der Welt". Im diesjährigen "Jedermann" bei den Salzburger Festspielen spielt die Salzburgerin erstmals die Buhlschaft. "Ich glaube schon, dass der Jedermann gewissermaßen in die Salzburgerinnen-DNA eingeschrieben ist und mir vielleicht besonders bewusst ist, welchen Stellenwert dieses Stück im österreichischen Kulturjahr hat", so Altenberger. Mit dieser Rolle gehe für sie ein Kindheitstraum in Erfüllung - "und das ist wunderschön".

Hintergrund:

Polizeiruf 110 - Daten und Fakten

■ Die "Polizeiruf 110"-Jubiläumsfolge "An der Saale hellem Strande" läuft am Sonntag, 30. Mai, um 20.15 Uhr in der ARD.■ Die 45-minütige "Polizeiruf 110 - Die Krimidokumentation" folgt am selben Tag um 23.35 Uhr (ARD).■ Der nächste BR-"Polizeiruf 110" mit Verena Altenberger wird am 20. Juni in der ARD gesendet■ Der erste "Polizeiruf 110" wurde am 27. Juni 1971 im Fernsehen der DDR ausgestrahlt. In den bisherigen 390 "Polizeiruf 110"-Folgen wirkten insgesamt 120 Kommissar(innen) mit. ■ Mit insgesamt 84 Fällen wird die Statistik noch immer von Hauptkommissar Fuchs (Peter Borgelt) angeführt, der von 1971 bis 1991 ermittelte. Die meisten Einsätze nach der Wiedervereinigung hatten die Hauptkommissare Schmücke und Schneider (Jaecki Schwarz und Wolfgang Winkler), die von 1996 bis 2013 in 50 Folgen ermittelten.■ Homepage: www.polizeiruf110.de

  • Die „Polizeiruf 110“-Jubiläumsfolge „An der Saale hellem Strande“ läuft am Sonntag, 30. Mai, um 20.15 Uhr in der ARD
  • Die 45-minütige „Polizeiruf110 - Die Krimidokumentation“ folgt am selben Tag um 23.35 Uhr in der ARD
  • Der nächste BR-„Polizeiruf 110“ mit Verena Altenberger wird am 20. Juni in der ARD gesendet
  • Der erste „Polizeiruf 110“ wurde am 27. Juni 1971 im Fernsehen der DDR ausgestrahlt. In den bisherigen 390 „Polizeiruf 110“-Folgen wirkten insgesamt 120 KommissarInnen mit.
  • Mit insgesamt 84 Fällen wird die Statistik noch immer von Hauptkommissar Fuchs (Peter Borgelt) angeführt, der von 1971 bis 1991 ermittelte. Die meisten Einsätze nach der Wiedervereinigung hatten die Hauptkommissare Schmücke und Schneider (Jaecki Schwarz und Wolfgang Winkler), die von 1996 bis 2013 in 50 Folgen ermittelten.
  • Homepage: www.polizeiruf110.de
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