30.12.2019 - 17:27 Uhr
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Das Trauma nach dem Knall

Hermann Sommer hat vor zehn Jahren seinen Bruder verloren. Dessen Tod, da ist sich Hermann sicher, hätte sich vermeiden lassen, wäre da nicht dieser explodierende Chinaböller gewesen.

Nach dem Tod seines Bruders Karl ist es Hermann Sommer ein Anliegen, vor den Gefahren, die von Böllern und Raketen ausgehen, zu warnen. Vor seinem Tod hatte Karl, selbst Arzt, eine umfassende Sammlung zum Thema Knalltrauma angelegt. Hermann Sommer hat diese nun auf eigene Kosten als Buch herausgegeben.
von Maria Oberleitner Kontakt Profil

Auch wenn sein Bruder Karl nie in diesem Haus in Pirk (Kreis Neustadt/WN) gelebt hat, so wird Hermann Sommer doch an jeder Ecke an ihn erinnert. Sogar an der Klingel steht noch "Dr. Sommer", in Gedenken an den verstorbenen Arzt. Dieser hatte das Haus bauen lassen, um seinen Lebensabend in der Heimat verbringen zu können. Als der Bau fertig war, war es für Karl, der zu dieser Zeit als praktizierender Arzt zusammen mit seiner Lebensgefährtin in Hof gelebt hatte, allerdings zu spät. Karl starb - die Umzugskartons schon gepackt. Vom Balkon des Hauses in Pirk hat Hermann freien Blick direkt nach Schirmitz, wo das Unglück, das ihn heute noch beschäftigt, vor 20 Jahren geschah.

"Nur noch ein Wrack"

Anfang Januar ging Karl dort spazieren, vorbei an einer Hofeinfahrt, in der Kinder mit Böllern spielten. Chinaböller. "Nach einem Knall hatte er solche Schmerzen, dass ihm klar war: Da stimmt was nicht." Nach den ersten sechs Monaten verschlechterte sich sein Gesundheitszustand immer weiter. "Knalltrauma", sagt Sommer. Jegliche Behandlung habe Karls Zustand nicht verbessern können.

Selbst Arzt, hatte der Bruder später begonnen, sich einen Medikamentencocktail zu verschreiben, der das Leben für ihn erträglich gemacht hat. Karl starb an Organversagen. "Letztendlich hat ihn der Chinaböller umgebracht", da ist der 59-jährige Sommer sich sicher. Auch die jahrelange Einnahme starker Psychopharmaka seien nicht spurlos am Bruder vorübergegangen. Gegen Ende seiner Leidenszeit sei Karl "ein anderer Mensch" gewesen. Zuletzt nur noch ein Wrack. Er litt - laut Eigendiagnose - an starken Schmerzen, Hör- und Schlafstörungen sowie unter reduzierter Leistung des Gehirns. Damit er überhaupt noch ein Auge zutun konnte, habe der Bruder auch zur Flasche gegriffen.

Hermann Sommer hat es sich zur Aufgabe gemacht, vor lauten Knallgeräuschen zu warnen - gerade zum Jahreswechsel. "Als Kind hatte ich auch Spaß an dem Geböllere. Heute, wo ich weiß, welche Gefahren es birgt, kann ich nur den Kopf schütteln, wenn ich sehe, wie unvorsichtig Menschen sich an Silvester verhalten."

Zur falschen Zeit am falschen Ort

Als der ältere Bruder noch lebte, habe jener nach dem Unfall kaum über seine Gesundheit geredet. Erst als er in den Dokumenten seines Bruders nachforschte, begann er, seine Leidensgeschichte nachvollziehen zu können. Auch seine Mutter sei am Tod seines Bruders zerbrochen, sagt Sommer. "Es hat sie immer weiter in die Demenz getrieben."

Auch Hermann ist traumatisiert. Nicht von einem Knall, wie sein Bruder, aber eben doch ein Trauma. Nicht nur hat er seinen Bruder viel zu früh verloren, auch scheint es, als könne er mit dessen Tod nicht abschließen. Es fällt Hermann schwer, zu akzeptieren, dass Karl zur falschen Zeit am falschen Ort war.

Hermann kritisiert den Umgang mit Krankheit, Leid und Tod seines Bruders. Er kämpft nun den Knalltrauma-Kampf für seinen Bruder weiter, veröffentlicht, was dieser einst über die Krankheit schrieb und sucht nach anderen Betroffenen. Gemeldet hat sich allerdings noch niemand.

Info:

Knalltrauma nach Silvester - was nun?

Ein Knalltrauma wird ausgelöst durch ein plötzliches, kurzes und lautes Geräusch. Das kann ein Schlag auf das Ohr sein, ein Schuss aus einer Waffe, ein Blitzeinschlag - oder eben ein explodierender Feuerwerkskörper. Eine gewisse Vorsicht an Silvester ist also angebracht. Dr. Matthias Kopp, Weidener HNO-Arzt, erklärt: "Schalldruck kann ab einer Lautstärke von 85, 90 oder gar 100 Dezibel gefährlich werden." Der Druck könne die Haarzellen im Ohr verletzen. Höre man nach einem lauten Knall schlechter oder habe ein Pfeifen im Ohr, sollte man zum Arzt gehen, rät Kopp. "Das Innenohr ist nach einem Knalltrauma oft im Bereich um 4000 Hertz eingeschränkt, das lässt sich gut feststellen." Im Zweifel rät er immer zu einem Hörtest. "In vielen Fällen regeneriert sich das Gehör von selbst, manchmal schon Stunden, manchmal Tage nach dem Knall." War der Knall zu heftig, kann eine Schwerhörigkeit bleiben. Im schlimmsten Fall - man spreche dann von einem Explosionstrauma, erklärt Dr. Kopp - können Schallwellen das Trommelfell verletzen. "In unserer Gemeinschaftspraxis haben wir in den letzten Jahren keine eklatante Zunahme an hörgeschädigten Patienten feststellen können", sagt der Weidener HNO-Arzt. Trotzdem bestehe das Risiko, an Silvester einen Hörschaden zu erleiden.

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