02.07.2020 - 12:02 Uhr
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Aldi bis Würth: Wirecard steckt in vielen Zahlungsabläufen

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Bis zum Manipulationsskandal war Wirecard allenfalls Investoren und Finanzexperten bekannt. Seit dem Insolvenzantrag stellt sich die Frage: Wo überall steckt Wirecard drin? Und wer ist betroffen?

Auf dem Fernsehmonitor eines Aktienhändlers auf dem Parkett der Frankfurter Wertpapierbörse läuft die Nachricht, dass sich der Betrugsverdacht bei Bezahldienstleister Wirecard erhärtet.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Wirecard bietet Lösungen für den elektronischen Zahlungsverkehr, das Risikomanagement sowie die Herausgabe und Akzeptanz von Kreditkarten an. Die Tochtergesellschaft Wirecard Bank AG verfügt über eine deutsche Banklizenz. Oberpfalz-Medien sprach mit Manfred Reil, ein selbständiger Investmentberater aus Pleystein, der sich intensiv mit der Materie auseinandergesetzt hat.

ONETZ: An welcher Stelle kommt man mit dem Unternehmen in Berührung?

Manfred Reil: Jedes Geschäft, jedes Unternehmen, das im Laden oder Online-Shop mehrere Bezahloptionen anbietet, kann betroffen sein. Um den Zahlungsverkehr abzuwickeln, greift man auf einen sogenannten Intermediär zurück, der die Schnittstelle zu den ganzen Systemen herstellt. Ob EC-, Master-, Visa-Karte oder Paypal, Wirecard kümmert sich um den Geldtransfer und die Abrechnung und nimmt dafür Gebühren.

Manfred ein selbständiger Investmentmakler aus Pleystein, setzte sich intensiv mit Wirecard auseinander..

ONETZ: Für Kunden ist oft nicht erkennbar, ob Wirecard in der Prepaid-Kreditkarte steckt oder nicht. Lediglich in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen taucht der Name Wirecard auf. Bekommen sie jetzt Probleme?

Manfred Reil: Nein, überhaupt nicht.

ONETZ: Selbst für Besitzer einer Kreditkarte direkt von Wirecard gibt der Bundesverband deutscher Banken Entwarnung – ist deren Guthaben sicher?

Manfred Reil: Auch Kunden von Boon, Boon Planet oder Bankomo müssen sich kaum Sorgen machen. Im Falle einer Insolvenz ist das Guthaben in einem gewissen Umfang durch die gesetzliche Einlagensicherung geschützt, wenn man nicht mehr als 100.000 Euro draufliegen hat. Anders sieht es bei der Tochterfirma Wirecard Solutions aus, wenn Geschäfte ohne Bank und Treuhänder ablaufen und nicht vor einer Insolvenz geschützt sind. Dazu zählen EPay Cards, Blue Cards oder auch die International Student Identity Card (ISIC) mit der Travel Cash Flex Prepaid.

Die Banking-App Boon des Zahlungsdienstleisters Wirecard auf einem Smartphone.

ONETZ: Wie verbreitet waren diese Wirecard-Karten?

Manfred Reil: Kaum, nur bei Technikfreaks und überzeugten Aktienbesitzern. Wirecard hat Boon selbst entwickelt, dieses Tochter-Unternehmen sollte den nächsten Schritt vorbereiten, weil man in Asien die Kreditkarte übersprungen und gleich zum Smartphone als Zahlungsmittel gegriffen hat. Da hat man das Girokonto mit Bezahlfunktion digital am Handy.

Das Ende einer deutschen Börsenhoffnung?

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ONETZ: Womit genau hat Wirecard Geld verdient?

Manfred Reil: Für jeden Einsatz einer von Wirecard betreuten Kreditkarte bekommt das Unternehmen in der EU 0,3 Prozent und bei EC-Karten 0,2 Prozent des Zahlungsbetrags überwiesen. Die Händler zahlen den Service ebenfalls. Wirecard jagt das Geld in der Regel durch die Netze von Visa und Mastercard, die nur als Lizenzgeber agieren. Händler geben die Kosten meist an die Verbraucher weiter – so zwischen fünf und 12 Prozent der Kaufsumme.

ONETZ: Welche Marktposition nahm Wirecard ein, wer sind die Alternativen?

Manfred Reil: Wirecard hatte nach eigenen Angaben 313.000 Kunden, darunter Aldi, Lidl, die französische größte Kaufhauskette Printemps oder auch Würth hier in der Region. Das Aschheimer Unternehmen hatte unter den wichtigsten vier Anbietern eine starke Position, weil es die Fühler nach Asien ausgestreckt, ihre Umsätze gesteigert und extreme Wachstumsraten erzielt hatte. Daneben gibt es das ebenfalls weit verbreitete Adyen aus den Niederlanden, World Line aus Frankreich und Square aus den USA. Da hatte es endlich mal ein deutscher Technologiekonzern in den Dax geschafft, hätte die Chance gehabt, sich weltweit zu etablieren und dann das.

ONETZ: Welche Folgen hat das für die Kunden?

Manfred Reil: Es bestehen Verträge zwischen Händlern und Wirecard, aber in dieser Situation können die Händler mit Sicherheit unkompliziert den Anbieter wechseln. Die Mitbewerber müssen noch nicht einmal über eine Übernahme nachdenken, da die Händler selbst dringend einen neuen Dienstleister brauchen. Oft arbeiten diese aber bereits mit mehreren Anbietern zusammen. Konzerne haben selten ihren Zahlungsverkehr komplett über Wirecard abgewickelt.

Markus Braun, damaliger Vorstandsvorsitzender bei Wirecard, spricht während der Innovationskonferenz DLD (Digital Life Design) auf der Bühne. Im Bilanzskandal beim Dax-Konzern Wirecard ist der ehemalige Vorstandschef Markus Braun festgenommen worden.

ONETZ: Läuft die Wirecard-Dienstleistung derzeit weiter?

Manfred Reil: Das Kerngeschäft läuft, Stand heute, unter dem Insolvenzverwalter weiter, kein Händler sitzt auf dem Trockenen. Letztendlich wird der Wechsel einfach gehen müssen, weil jedes Unternehmen auf die Zahlungen angewiesen ist.

ONETZ: Wie konnte es zu der Manipulation kommen?

Manfred Reil: Wirecard-Boss Markus Braun hat noch im Mai für 2,5 Millionen Euro Aktien gekauft. Entweder hat er wirklich nicht gewusst, dass 1,9 Milliarden fehlen, oder es war ein sehr perfider Schachzug. In beiden Fällen hätte die Bafin reagieren müssen, schließlich gab es bereits vor über einem Jahr fundierte Hinweise der Financial Times, dass etwas nicht stimmt. Das Problem lag wohl im Asien-Geschäft, wo man keine Banklizenz hatte und von einer dort ansässigen Bank die Lizenz über ein Treuhandkonto erworben hat. Da liegt wohl der Hund begraben.

ONETZ: Kann Wirecard überleben?

Manfred Reil: Momentan ist das Unternehmen ein Spielball der Spekulanten. Wenn 25 Prozent der Bilanzsumme fehlen, kann ich persönlich mir nicht vorstellen, dass Wirecard als Ganzes zu retten ist. Man war 2018 für die Commerzbank in den Dax eingerückt, jetzt fliegt man im September bei der nächsten Überprüfung zu 99 Prozent wieder raus und HelloFresh oder Symrise könnten nachrücken. Teile des Unternehmens wie die Wirecard-Bank oder Wirecard Nordamerika sollen zum Verkauf stehen. Da haben die Mitbewerber Interesse an den Kundenkontakten.

ONETZ: Der Betrugsfall und die Insolvenz bringen auch die Banken- und Finanzaufsicht in Erklärungsnöte …

Manfred Reil: Politiker fordern bereits den Rücktritt von Bafin-Chef Felix Hufeld, weil der trotz stückchenweiser Enthüllung lange am Kurs festhielt. Sowohl Analysten als auch die Bafin haben hier versagt. Wenn gefälschte Unterschriften aus dem asiatischen Raum vorliegen, muss jemand merken, dass etwas faul ist. Stattdessen hat Bafin bei der ersten Hedgefonds-Attacke seine schützende Hand darüber gehalten, obwohl die Aufsicht marktneutral sein sollte. Als man dann noch Short-Attacken für unzulässig erklärte, war das historisch einmalig. Auch Ernst & Young stellte über Jahre eine Unbedenklichkeitsbescheinigung aus – auch für sie ein enormer Imageschaden. Außerdem stellt sich die Frage, wie es mit der Softbank aus Japan weitergeht, die erst kürzlich groß bei Wirecard eingestiegen ist.

Schweden geht beim bargeldlosen Bezahlen voran: Ein Zettel an der Tür des Burgerladens «Flippin' Burgers» in Stockholm.

ONETZ: Welche Folgen hat der Skandal für den Finanzplatz Deutschland?

Manfred Reil: Das ist eine Blamage, die so nicht noch einmal passieren sollte. Schließlich legt der Dax den höchsten Standard fest. Auch die Deutsche Börse ist in der Bringschuld, muss die Zügel noch enger anziehen. Dennoch würde ich die Erfolgsgeschichte – seit der Gründung 1988 ist der Dax von 1000 auf zwischenzeitlich 14.000 Punkte gewachsen – nicht in Gänze infragestellen. Der Wirecard-Skandal hat mit Adidas und BASF nichts zu tun.
Gerade aufgrund der Niedrig- bis Negativzins-Phase, die uns wohl noch lange begleiten wird, sollten die Anleger hier nicht verallgemeinern. So ein Vorfall ist tragisch, keine Frage. Wer jedoch in dieser Dekade sein Vermögen erhalten oder mehren möchte, kommt um eine gewisse Aktienquote nicht umhin. Das oberste Gebot bleibt hier jedoch Streuung und eine internationale Ausrichtung seines Portfolios.

ONETZ: Kann das Aus von Wirecard den Trend zum bargeldlosen Bezahlen stoppen?

Manfred Reil: Der Trend setzt sich gerade mit Corona unvermindert fort, auch wenn wir in Deutschland da noch etwas altmodisch sind. In den USA und Asien hat man die Stufe der EC-Karte bereits übersprungen. Die Frage ist vielmehr, wie teilen sich die anderen den Markt auf? Paypal, die für sich als „das neue Geld“ werben, könnte in die Bresche springen. Traurig, dass wir in Deutschland wieder einen Trend verpassen.

Bargeldlose Kirche: Ein EC-Karten-Lesegerät hängt über den traditionellen Opferstock im Eingangsbereich der Schelfkirche in Schwerin (Mecklenburg-Vorpommern).
Info:

Kriminalfall Wirecard

Nach monatelangen Gerüchten gestand die Wirecard AG erst im Juni ein, dass 1,9 Milliarden Euro in ihrer Bilanz nicht zu belegen sind, nachdem der Wirtschaftsprüfer das Testat für die Bilanz verweigert hatte. Daher trat der langjährige CTO und CEO Markus Braun zurück. Er wurde später unter dem Vorwurf der Vortäuschung von Einnahmen und Marktmanipulation festgenommen und am Folgetag gegen eine Kaution von 5 Millionen Euro auf freien Fuß gesetzt. Am 25. Juni beantragte Wirecard die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens beim Amtsgericht München. Wirecard hat inzwischen selbst Strafanzeige gegen Unbekannt wegen Täuschung gestellt – ein letzter Akt der Verzweiflung?

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