23.11.2018 - 14:08 Uhr
MünchenDeutschland & Welt

Politischer Poet

Konstantin Wecker mag 71 sein. Doch dermaßen energiegeladen, wütend und emotional wie 2018 wirkte er selten zuvor. Das wird schon durch den Titel des aktuellen Albums des "bayerischen Berserkers" signalisiert: "Sage Nein!".

„Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen“, sagt Konstantin Wecker. Daher sieht er seine neue CD mehr als nur einen Weckruf: Es ist ein Aufschrei!
von Autor MFGProfil

Antifaschistische Lieder 1978 bis heute", so der Untertitel, sind darauf zu finden. Der gebürtige Münchner Konstantin Wecker selbst deklariert die Stücke als "Kompositionen gegen den Wahnsinn". Der Erlös dieses Werks, das übrigens lediglich 10 Euro kostet, geht komplett an die Münchner "Antifaschistische Informations-, Dokumentations- und Archivstelle", kurz "A.I.D.A.".

Der Inbegriff des Liedermachers ist heutzutage - und längst - eine Institution, eine Konstante, ein personifiziertes freudiges Ereignis. Erklärter Pazifist sowieso. Man muss seine Kunst nicht mögen, um ihm dennoch neidlos zuzugestehen, dass er ein Original, eine Ausnahmeerscheinung und vor allem - ein echter Mensch ist. Mit allen Ecken und Kanten, die unser Dasein ausmachen. In blutleeren und unüberschaubaren Zeiten wie den heutigen wohl das größte Kompliment, das man einem Mann, der sich felsenfest und unwiderruflich der Kunst als Existenz sowie dem Widerstand als Philosophie verschrieben hat, erteilen kann.

Wann stand fest, dass Sie diese CD machen werden?

Konstantin Wecker:Der Entschluss ist erst vor einigen Wochen gefällt worden. Ich bin mit meinem musikalischen Langzeit-Kompagnon, dem Pianisten, Keyboarder und Percussionisten Jo Barnikel, das Live-Programm für die nächsten Shows durchgegangen. Wir haben beschlossen, kurzfristig etwas daran ändern zu wollen, es musste auf Grund einiger aktueller Tagesereignisse politischer ausfallen. Ich beobachte seit einiger Zeit mit Schrecken, wie brandgefährlich der Neo-Faschismus ist, der in Deutschland gerade wieder aufflackert. Das gab den Ausschlag für die Scheibe.

Wie kam es zur Auswahl der Lieder?

Konstantin Wecker: Sie sollten ins Zeitbild passen. Das so Interessante wie eigentlich Schreckliche ist, dass nur sieben der Stücke neuen Datums sind, die anderen neun sind bis zu 40 Jahre alt. Und haben von ihrer Brisanz und ihren Realitäten - leider - nichts verloren.

Warum haben Sie den gehassliebten „Willy“ neu aufleben lassen?

Konstantin Wecker: In den 80ern wollte ich dieses Lied nicht mehr spielen, weil ich zu sehr damit identifiziert worden bin. Aber heute ist dieser Querkopf aktueller denn je. Er war und ist ein sehr politisch denkender und handelnder Mensch. Dabei wollte ich eigentlich in meinen Anfangstagen ein Poet sein. Doch das lassen die gesellschaftlichen Umstände nicht zu. Heutzutage bin ich ein "politischer Poet".

Warum ist Ihr neues Werk sehr eindeutig mit „Sage Nein!“ betitelt?

Konstantin Wecker: Weil es ein unmissverständliches Bekenntnis zum Anti-Faschismus ist. Ich beziehe ganz konkret Stellung. Stellung gegen die alte wie die neue braune Brut.

Das klingt wütend – obwohl zumindest ich persönlich das Gefühl habe, die meisten Kompositionen sollen Mut verbreiten …

Konstantin Wecker: Das sollen sie unbedingt! Trotzdem müssen auch die zornigen Songs stattfinden. So etwas wie im Dritten Reich darf nie mehr vorkommen. Die AfD tut allerdings etwas für dessen Renaissance. Die schürt Verunsicherung. Das ist der Nährboden für den zukünftigen Faschismus. Dem muss ich als Künstler mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln entgegen wirken. In meiner Arbeit steht Naivität gegen Vernunft. Ich bin wohl radikaler als je zuvor beim Schreiben, lasse mir von niemandem mehr irgendetwas vorschreiben.

Inwieweit vereinen sich die alten mit den neuen Liedern auf „Sage Nein!“?

Konstantin Wecker: Die Grundidee dahinter ist die selbe: Es geht um Menschlichkeit. Für mich die höchste Errungenschaft des Homo Sapiens ist Empathie. Dem entgegen steht widerwärtiger, anti-humaner Populismus. Und dem wiederum entgegen stehe ich.

Wie kam es zur Kooperation mit a.i.d.a?

Konstantin Wecker: Mein älterer Sohn, er ist mittlerweile 19 und politisch äußerst interessiert, meinte eines Tages zu mir: "Mach was mit denen, die sind sehr engagiert in Anti-rassistischer Arbeit." Und in der Tat ist es ein wichtiges Zentrum, das nichtstaatlich seit 1990 Aktivitäten der extremen Rechten in Deutschland sammelt. Es setzt sich unter anderem auch für journalistische Meinungsfreiheit ein. Solche Leute unterstütze ich gerne.

Sie sind in den nächsten Monaten wieder eine kleine Ewigkeit live unterwegs. Was ist von den Konzerten zu erwarten?

Konstantin Wecker: Los geht es mit der 2018-Version vom "Willy". Die ist ein Bekenntnis zur "unbedingten Willkommenskultur". Darauf folgt das Stück "Den Parolen keine Chance". Im Anschluss verspreche ich dem Publikum einen unvergesslichen und langen Abend. Während dem ich versuchen werde, Poesie und Widerstand so gut als möglich zusammenzubringen. www.wecker.de

Info:

Konstantin Wecker und die klassische Musik – für viele Fans gehören Violine, Bratsche und Cello seit jeher zu dem Liedermacher – genau wie das Klavier und seine Stimme. Für die Freunde klassischer Musik dürfte die Ankündigung eine freudige Nachricht sein: 2019 wird Wecker mit dem Kammerorchester der Bayrischen Philharmonie dirigiert von Mark Mast auf große „Weltenbrand“-Konzertreise gehen.

„Weltenbrand“:

16. Juni 2019: Würzburg – Songs an einem Sommerabend

29. und 30. Oktober 2019: München – Philharmonie

Trio:

13. Dezember: München - Philharmonie

16. Mai 2019: Nürnberg – Opernhaus

Solo zu zweit:

25. Mai 2019: Regensburg – Festivalgelände

Lesung:

14. März: Bayreuth – Das Zentrum

Karten beim NT/AZ/SRZ-Ticketservice unter

Telefon 0961/85-550, 09621/306-230 oder 09661/8729-0

Cover der neuen Wecker-CD "Sage Nein!"
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