17.08.2018 - 15:20 Uhr
Deutschland & Welt

Prager Frühling: Aufstand des Gewissens

Man kennt den Namen aus der Süddeutschen Zeitung. Doch seine journalistische Laufbahn begann Heribert Prantl beim Neuen Tag. Er schreibt für Oberpfalz-Medien den Leitartikel zum 50. Jahrestag der Besetzung unseres Nachbarlandes.

Demonstranten umringen in der Innenstadt von Prag sowjetische Panzer und stehen mit einer Fahne der Tschechoslowakei auf einem umgekippten Militärfahrzeug.
von Externer BeitragProfil

Als ich vor Jahrzehnten in Nittenau in die Schule ging, bei Rektor Alois Jehl in die Volksschule, bei Direktor Alois Bergmann in das Gymnasium, war nicht weit von hier die Welt zu Ende. Man fuhr nach Cham und noch ein Stück weiter, nach Furth im Wald oder nach Waidhaus, und man stand vor der Grenze, die Eiserner Vorhang hieß.

Als der Kooperator uns beim Ministrantenausflug auf den Aussichtsturm in Neualbenreuth führte und den Verlauf dieser Grenze erklärte, war ich etwas enttäuscht, weil ich von einem Eisernen Vorhang im Wortsinn nichts sah. Ich lernte dann in der Schule, wie diese Grenze Europa zerreißt. Ich hörte von einer Düsternis da drüben und vom Kommunismus jenseits dieser Grenze. Und ich dachte, das sei halt so, da könne man nichts machen. Und der Religionslehrer platzierte dort drüben das Reich des Teufels und der Gottlosigkeit.

Aber dann wurde aus der Hölle auf einmal ein Fegefeuer. Der Feger hieß Alexander Dubcek, er war ein Idealist, geschult in sowjetischen Partei- und Kaderschmieden; aber er hatte sich von der kommunistischen Doktrin gelöst, er war ein Reformer und versuchte, seine Vision von einem "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" zu verwirklichen.

Wunderbar: Prager Frühling

Unser Sozialkundelehrer war in Prag gewesen, er kam mit leuchtenden Augen in den Unterricht und er erzählte und erzählte. Er hatte den Prager Frühling erlebt und dieser Frühling war offenbar etwas ganz Wunderbares. Er redete von der neuen Freiheit in Prag, von einer friedlichen revolutionären Massenbewegung, von einer ansteckenden Freiheit und vom großen Aufbruch, von Diskussionen über Gott und die Welt und einem samtenen Sozialismus.

Ich habe mir das so gut gemerkt, weil es am Ende des Schuljahrs war, weil mein 15. Geburtstag bevorstand und von einer Zeitenwende die Rede war. Das hört man als ganz junger Mensch gern - und wenn die Zeitenwende quasi zum Geburtstag stattfindet, erst recht. Ich habe später nachgelesen, woraus diese Zeitenwende bestand: Da war, zum Beispiel das sogenannte "Manifest der 2000 Worte", das 68 Intellektuelle, Schriftsteller und Künstler veröffentlichten - eine Abrechnung mit zwanzig Jahren kommunistischer Herrschaft, die Demokratisierung forderte.

Zeitenwende: Es gab im Prager Frühling Reisefreiheit und Meinungsvielfalt, es gab unzensierte Radio- und Fernsehsendungen, es gab eine Amnestie von über tausend politischen Gefangenen, es gab die Hoffnung, vieler Tschechoslowaken, dem Sowjetblock und dem Griff Moskaus entfliehen zu können. Die tschechische KPC verzichtete im April 1968 weitgehend auf ihr Machtmonopol; sie gelobte die Achtung der bürgerlichen Grundfreiheiten - also der Redefreiheit, der Versammlungsfreiheit, der Meinungsfreiheit, der Freiheit von Wissenschaft, Kunst, Kultur und Medien und erlaubte die Teilprivatisierung der Wirtschaft.

Prag war, so schien es, ein Günstling des Glücks - und die neuen Freiheiten wirkten wie ein gesellschaftspolitisches Aphrodisiakum. Ein Land erwachte, ein Land lachte, ein Land hoffte. Und mit ihm hoffte die Welt. Die Welt hoffte worauf? So genau wusste das wohl niemand. Auf bessere, friedliche Zeiten jedenfalls. Zeitenwende. Weltpolitik. Das war der Prager Frühling.

Panzer rollten

Mit ihm und mit der Euphorie des Sozialkundelehrers ging das Schuljahr 1968 zu Ende. Und dann endete dieser Frühling, mitten im August. Er endete, bevor er reifen konnte. Es war Dienstag, 20. August 1968 - Luftlandetruppen besetzten den Tower des Prager Flughafens. Militärische Besetzung der Tschechoslowakei durch Truppen des Warschauer Pakts begann. Panzer rollten, der Prager Frühling wurde niedergewalzt. Es waren Ferien - und als der Unterricht wieder begann, war vom Frühling nichts mehr übrig. Ich weiß seltsamerweise nicht mehr, was der Sozialkundelehrer dann über den Einmarsch erzählte. Vielleicht erzählt er gar nichts, vielleicht war er stumm.

Mein Vater hatte, wie fast alle damals, Angst. Wenn die Panzer einmal rollen, rollen sie, meinte er. Er fürchtete, dass sie weiterrollen, dass sie nicht Halt machen an der Grenze. Er hatte seine eigenen Erinnerungen an Prag, dort war er als junger Bursch als Soldat der Wehrmacht eingesetzt, von den Russen gefangen genommen worden - und dann war er etliche Jahre im Kriegsgefangenenlager irgendwo in Russland.

Es lag wieder Krieg in der Luft. Und es war eine Stimmung zu Hause so ähnlich wie ein paar Jahre zuvor in der Kuba-Krise. Das war eine Konfrontation zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und der UdSSR, die sich ergab aus der Stationierung US-amerikanischer Mittelstreckenraketen auf einem Nato-Stützpunkt in der Türkei und der von Sowjets daraufhin beschlossenen Stationierung von Mittelstreckenraketen auf Kuba. Während des Schiffstransports nach Kuba drohte die amerikanische Regierung unter Präsident John F. Kennedy, sie werde nötigenfalls Atomwaffen einsetzen, um die Stationierung auf Kuba zu verhindern. Es wurde von einem 3. Weltkrieg geredet, einem atomaren Krieg. Er wurde abgewendet. Die Sowjets bauten schließlich die Raketen in Kuba ab, die Amerikaner die Raketen in der Türkei.

Peter Ensikats Alptraum

Die Panzer des Warschauer Pakts wurden 1968 nicht abgezogen - aber sie rollten auch nicht über die Grenze nach Bayern. Jahrzehnte später, nach der deutschen Wiedervereinigung, hat mir mein verstorbener Freund, der Ostberliner Peter Ensikat erzählt, wie er den Einmarsch der Russen in Prag erlebt hat. Peter war ein wunderbarer Schriftsteller, Drehbuchautor, Schauspieler und Kabarettist, er war so etwas wie der Dieter Hildebrandt der DDR - und er rauchte wie ein Schlot. Damals, 1968, 35 Jahre bevor ich ihn kennenlernte, war er ein angehender Kindertheatermacher, hatte bei Freunden in Prag übernachtet und wurde zu einer für ihn viel zu frühen Zeit am Morgen geweckt mit Worten, die für ihn in einen Alptraum gehörten: "Die Russen sind in Prag einmarschiert". Damals, an diesem Vormittag, begann er wieder zu rauchen, und hat die Raucherei zeitlebens nicht mehr aufgehört.

Heinrich Böll, das habe ich in seinen veröffentlichten Notizen gelesen, war auch in Prag damals - und er hat gespenstische Szenen im Hotel erlebt: Es herrschte dort angespannte Stille, die Mahlzeiten für die Gäste wurden jeden Tag knapper, immer wieder waren Schüsse zu hören. Er bewunderte die Haltung der Menschen, die sich ohne Waffen den Panzern entgegenstellten und mit den russischen Soldaten diskutierten. Dem Bayerischen Rundfunk berichtete er, dass ihm vor allem "das vollkommene Auslöschen des Opportunismus aufgefallen" sei. "Es war nicht mehr opportun, opportunistisch zu sein". In einem Interview am letzten Tag seines Aufenthalts in Prag erklärte er: "Es war dies die moralische Bankrotterklärung des zentral von Moskau gelenkten Sozialismus".

Die Bilder, die man heute noch erinnert, die man im Internet anschauen kann, zeigen Panzer und empörte Tschechen und Slowaken, die sich auf dem Wenzelsplatz mit nacktem Oberkörper vor die Panzer stellen. Es war dies der vergebliche Aufstand gegen die Macht - ein Aufstand des Gewissens. So war 450 Jahre früher der Reformator Jan Hus aufgestanden. Er wurde 1415 auf dem Konzil von Konstanz als Ketzer verbrannt. Jan Hus gab dem europäischen Denken jene Richtung, die über Luther und Calvin ins Heute führt - er steht für den Aufstand des Gewissens gegen die Macht. Der Aufstand des Gewissens gegen die Macht ist eine böhmische Erfindung; er hat sich wiederholt, als sich vor fünfzig Jahren die Menschen den Panzern entgegenstellten, die den Prager Frühling niederwalzten.

Man wünscht sich, dass wieder ein schöner Frühling wird - in Prag und in ganz Europa; und dass er dann ganz lange hält.

Grenzgänger am Tag des Aufstands im Jahr 1968 am Übergang Waidhaus.

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