05.03.2021 - 12:44 Uhr
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Ein Thriller, der sich fast wie ein Protestsong liest

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Krimi mit politischem Sprengstoff – das gilt auch für das neue, am 8. März erscheinende Werk von Horst Eckert. Eindrucksvoll untermauert der aus Weiden stammende Schriftsteller, dass er zur "Crème de la Crème" der Krimiautoren gehört.

Horst Eckerts neuer Thriller "Die Stunde der Wut" erscheint am 8. März im Heyne-Verlag
von Holger Stiegler (STG)Profil

ONETZ: Herr Eckert, gerade einmal ein Jahr ist es her, dass „Im Namen der Lüge“ erschienen ist. Jetzt liegt bereits der neue Thriller „Die Stunde der Wut“ vor. Mir scheint, Sie haben das vergangene „Corona“-Jahr intensiv zum Schreiben genutzt?

Horst Eckert: Nur zum Teil. Der Lockdown hat mich zunächst gelähmt. Lesereisen mussten storniert werden, Termine in den Herbst geschoben. Die Situation hat sehr genervt, aber das ging ja nicht nur mir so. Im Sommer habe ich dann Gas gegeben und konnte zum Glück die Deadline einhalten.

ONETZ: Im Normalfall sind Sie mit vielen Lesungen in ganz Deutschland unterwegs: Wie ist es Ihnen in den vergangenen zwölf Monaten ergangen?

Horst Eckert: Statt wie geplant sechzig Lesungen waren es schließlich zwanzig. Und ohne Corona würde ich jetzt wieder auf große Lesereise gehen. Der Verlust ist nicht nur finanziell. Die Begegnung mit den Leserinnen und Lesern und das Feedback fehlen mir sehr. Jetzt plane ich für Juni und den Herbst, denn ich bin Optimist.

ONETZ: Doch jetzt zu Ihrem neuen Thriller. Erst einmal etwas Optisches: Es fällt auf, dass das Covermotiv stark an das vorherige Buch angelehnt ist. Sicher kein Zufall…

Horst Eckert: Der Verlag wollte den Reihencharakter unterstreichen. Und mir gefällt das Cover sehr.

ONETZ: Hauptpersonen in dem neuen Thriller sind zwei Bekannte: Vincent Che Veih, der bereits zum 5. Mal in Erscheinung tritt, und Melia Adan, die zum 2. Mal ermittelt. Warum sind Ihnen die beiden so ans Herz gewachsen?

Horst Eckert: Vincent ist so wunderbar geradlinig. Er lässt sich nichts vorschreiben, was in seinem Job allerdings manchmal zu Problemen führt. Seine neue Chefin Melia ist jung, Person of Color und näher an der Behördenleitung. Das vergrößert das Spektrum dessen, was ich erzählen kann, und ermöglicht weitere Konflikte. Melia habe ich es zu verdanken, dass es mir mit Vincent auch nach fünf Büchern nicht langweilig wird.

ONETZ: Rechtsextremisten, skrupellose Immobilienspekulanten, Drogensumpf und politische Erpressung – es ist ein ziemlich explosives Konglomerat, in das Sie die beiden Polizisten schicken …

Horst Eckert: Ja, der Roman hat ein Thema, das auf verschiedenen Ebenen verhandelt wird: Den Reichtum der einen bezahlen die anderen, und die Wut vieler Leute wächst. Wir werden dünnhäutiger. Dafür steht im Buch vor allem ein Ex-Soldat, der sich zwar liebevoll um die Mutter eines gefallenen Kollegen kümmert, aber rasch zur tickenden Zeitbombe wird.

ONETZ: Dieser „Bad Guy“ ist ein bekennender Homosexuellen-Hasser und Rassist, der sich seine Selbstbestätigung in den sozialen Medien holt. Welche negative Kraft geht von Facebook & Co aus, um solche Menschen zu erschaffen, die aus ihrer Blase nicht mehr herausfinden und sich immer weiter radikalisieren?

Horst Eckert: In den sozialen Medien geht es um Likes für knackige Aussage und nicht darum, Mitbürger durch Argumente zu überzeugen. Weil man dabei dem anderen nicht in die Augen sehen muss, vergisst man leicht die Höflichkeit. Leute entfreunden sich, bis sie sich nur noch unter ihresgleichen bewegen. Und wer dann seinen Hass bestätigt findet, hält womöglich Gewalt für legitim. Was aber nicht bedeutet, dass allein die Medien schuld daran wären. Das Böse steckt in uns, wir müssen unsere Wut stets aufs Neue zügeln. Zivilisation entsteht nicht von selbst.

ONETZ: Ergänzt wird das durch Repräsentanten des Verfassungsschutzes mit einer „Blindheit“ gegenüber einer politischen Richtung und einem Agieren außerhalb der Rechtsordnung. An vielen Stellen gewinnt die Realität die Oberhand gegenüber der Fiktion, oder?

Horst Eckert: Es bleibt eine erfundene Geschichte, aber ich beschreibe darin gesellschaftliche Konflikte. Wenn Fiktion gut ist, verrät sie etwas über uns und unser Miteinander. Auch spannende Unterhaltung kann uns zum Nachdenken bringen, warum nicht? Ich versuche, möglichst spannend zu erzählen und dabei den Blick aufs Leben zu schärfen. Mein fiktiver Verfassungsschutz-Chef ist übrigens nicht „blind“, sondern selbst rechtsradikal. Er verfolgt eigene Ziele. Das erinnert vielleicht an Hans-Georg Maaßen, aber mein Geheimdienstmann ist noch viel fieser. Als Bösewicht gefällt er mir richtig gut. Den werde ich so schnell nicht sterben lassen, glaube ich.

ONETZ: Weil wir schon so viel von der Überschneidung von Realität und Fiktion sprechen: Was halten Sie eigentlich von dem Genre „True Crime“?

Horst Eckert: Nichts gegen gute Reportagen über reale Verbrechen. Für die lange Strecke eines Romans bevorzuge ich aber erfundene Geschichten. Die Fantasie ist ein großartiges Werkzeug, um aufregende Plots zu schmieden, Figuren zu schaffen und Dinge auf den Punkt zu bringen.

ONETZ: Aktuell haben Sie immer noch sehr viel Zeit fürs Schreiben: Ich vermute mal, die Geschichte von Vincent und Melia ist noch nicht auserzählt?

Horst Eckert: Richtig. Ich arbeite am dritten Fall.

ONETZ: Ach, übrigens: Haben Sie Ihren Musikgeschmack gewechselt? Von The Clash zu den Rolling Stones?

Horst Eckert: Weil Vincent jetzt "Gimme Shelter" statt "London Calling" als Klingelton benutzt? (lacht) Ein Zitat aus dem Song habe ich dem Buch auch vorangestellt. Eigentlich wollten die Stones damit gegen den damaligen Vietnamkrieg protestieren. Es geht um Behausung, Existenzangst und Tod. Wer will, kann „Die Stunde der Wut“ auch als Protestsong lesen.

Hintergrund:

Zur Person: Horst Eckert

  • Geboren 7. Mai 1959 in Weiden, aufgewachsen in Pressath
  • Lebt seit rund 35 Jahren in Düsseldorf
  • In Köln und Düsseldorf als Fernsehjournalist für WDR, VOX und das RTL-Nachtjournal tätig
  • 1995 erscheint der erste Kriminalroman ("Annas Erbe")
  • Sein neues Buch: „Die Stunde der Wut", Heyne-Verlag, 448 Seiten
  • Einige seiner Romane wurden ins Französische, Niederländische und Tschechische übersetzt
  • Diverse Auszeichnungen, u.a. für den Thriller "Wolfsspinne" 2017 mit der "Herzogenrather Handschelle"
  • Lesungen u.a. am 15. Oktober in Hof und am 17. Oktober in Pressath

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