20.03.2020 - 12:42 Uhr
PressathDeutschland & Welt

„Ich traue dem Verfassungsschutz weiterhin nicht“

Seine bisherigen Thriller bergen jede Menge (politischen) Sprengstoff. Dieser Linie bleibt Bestseller-Autor Horst Eckert auch in seinem jüngsten Werk treu: Erneut gelingt ihm ein ganz großer Wurf.

"Im Namen der Lüge" heißt der neue Roman von Horst Eckert.
von Holger Stiegler (STG)Profil

Er ist wohl der bekannteste Oberpfälzer in Düsseldorf: Seit über 30 Jahren lebt und arbeitet Horst Eckert dort. Außerdem gehört Eckert, der aus Pressath stammt, zu den erfolgreichsten – und besten – deutschsprachigen Krimi-Autoren der Gegenwart. Vor wenigen Tagen ist sein neuer Thriller „Im Namen der Lüge“ (Heyne, 576 Seiten, ) erschienen, der Kulturredaktion hat der 60-Jährige einen Einblick in seine Gedankenwelt und in die Hintergründe seines neuen Romans gewährt. Die aktuelle Corona-Krise lässt auch ihn nicht unberührt.

ONETZ: Herr Eckert, eigentlich sollten Sie derzeit auf Lesetour in Deutschland unterwegs sein und ihren neuen Thriller vorstellen…

Horst Eckert: Die ersten drei Lesungen fanden statt und hatten mehr Besucher denn je. Dann hagelte es Absagen und mit einem Schlag war alles für die kommenden Wochen vorbei. Ich hatte jede Einladung angenommen und es hätte meine größte Lesetour bislang werden sollen. Weil die Honorare zu meinem Lebensunterhalt beitragen, ist der Einschnitt nun sehr bitter. Ich habe zwei, drei Videoschnipsel bei Youtube als Kostproben ins Netz gestellt, aber die sind natürlich kein Ersatz. Zum Glück kann ich einige Termine retten, indem ich sie in den Herbst verlege.

ONETZ: Wie ist das für Sie: Bietet das Corona-Virus und alle damit verbundenen Verschwörungstheorien nicht einen idealen Rahmen für einen Krimi-Autoren?

Horst Eckert: Spannende Viren-Thriller gibt es ja längst. Und so schlimm wie die Erreger in diesen ist Covid19 ja gar nicht. Und wenn im nächsten Jahr zig neue Corona-Krimis erscheinen, wollen wir die dann wirklich noch lesen? Schon heute geht es mir auf die Nerven, dass sogar die Kulturmeldungen nur noch das Corona-Thema kennen. Dabei ist jetzt die Zeit für gute, spannende Literatur!

ONETZ: Deshalb jetzt zu Ihrem neuen Roman „Im Namen der Lüge“. Mir ist aufgefallen, dass Sie den Verlag gewechselt haben und bei Heyne in „guter Gesellschaft“ sind mit Kollegen wie John Grisham, David Baldacci, Stephen King und Jeffrey Archer…

Horst Eckert: Und jetzt steht Horst Eckert in dieser Reihe (lacht). Mein Agent meinte, ich sei in die Champions League aufgestiegen. Aber gemessen an den Auflagenzahlen der Kollegen, die Sie aufzählen, bin ich ein ganz kleines Licht, auch wenn von „Im Namen der Lüge“ schon nach wenigen Tagen die dritte Auflage gedruckt wurde.

ONETZ: Reichsbürger, Rechtsextremisten, AfD, Machtmissbrauch und eine angebliche Wiedergründung einer neuen RAF-Generation: Ihr neuer Roman liefert starken Tobak, finde ich…

Horst Eckert: Muss ein Thriller ja auch. Aber ich greife nur auf, was es schon gibt, drehe es ein wenig weiter und erzähle das Ganze auf spannende, unterhaltsame Weise.

ONETZ: Im SPIEGEL war als Schlussbemerkung zu Ihrem Thriller zu lesen: „Gut, dass es nur ein Roman ist!“ Aber ist die Fiktion wirklich so weit von der Realität entfernt?

Horst Eckert: Sie hat den Roman zum Teil sogar eingeholt. Denken Sie an die elf Toten von Hanau. Denken Sie an die Gruppe um Werner S. bei Augsburg, die Terror gegen Muslime plante, oder an "Revolution Chemnitz", die Anschläge in Berlin plante, die sie Linken in die Schuhe schieben wollte. Diese Leute sind Teil eines Netzwerks, sie eint das gleiche Ziel. Als sie entdeckt wurden, lag "Im Namen der Lüge" bereits beim Verlag. Aber überrascht war ich nicht, denn rechter Extremismus hat in Deutschland Tradition. Und ich fürchte, dass der Inlandsgeheimdienst noch immer nicht alles der Polizei mitteilt, was er darüber weiß.

ONETZ: Der Verfassungsschutz kommt nicht gerade positiv weg. Um es mal zuzuspitzen: Arbeiten dort lauter Miniaturausgaben des ehemaligen Chefs Hans-Georg Maaßen?

Horst Eckert: Maaßen sah sogar in der SPD eine größere Gefahr als in der AfD. Damit stand er für die Tradition des Geheimdienstes, aber nicht für unsere freiheitliche Gesellschaft. Endlich werden jetzt auch die Rechtsradikalen beobachtet, aber ich traue dem Verfassungsschutz weiterhin nicht. Eine Macht, die sich der Kontrolle entziehen kann, weil sie im Geheimen handelt, ist mit unserer Demokratie nicht kompatibel.

ONETZ: Zwei Hauptfiguren prägen Ihren Roman: Einerseits der bereits bestens bekannte Polizist Vincent Che Veih, den die Leser in „Schwarzlicht“, „Schattenboxer“ und „Wolfsspinne“ kennenlernen durften. Und andererseits Melia Khalid, Mitarbeiterin beim Verfassungsschutz und dort für die Bekämpfung des Linksextremismus zuständig. Was ist Melia für ein Typ?

Horst Eckert: Melia nimmt das Ideal ernst, die Verfassung zu schützen, und wendet - ganz nach Geheimdienst-Art - für diesen guten Zweck auch unsaubere Mittel an. Als sie bemerkt, dass dabei nur benutzt wird und innerhalb der eigenen Behörde etwas fürchterlich falsch läuft, deckt sie das gegen alle Widerstände auf und wandelt sich vom Saulus zum Paulus. Dafür lieben wir sie und drücken ihr die Daumen.

ONETZ: Mit der Person von Vincent Che Veih hatten Sie eine Krimi-Reihe begonnen. Seine Geschichte und auch die von Melia ist aber noch nicht auserzählt, oder?

Horst Eckert: Nein, beide Geschichten bergen noch viel Stoff, und dass sie miteinander verbunden sind, macht es doppelt reizvoll. Davon lebt ein guter Roman: von Figuren, die interessant und glaubwürdig sind und denen man gern durch die Handlung folgt.

ONETZ: Aktuell haben Sie mehr Zeit als geplant fürs Schreiben: Ist schon etwas in der Pipeline?

Horst Eckert: So viel sei verraten: Ich arbeite seit Monaten an „Melia 2“, und Vincent spielt wieder eine wichtige Rolle.

ONETZ: Wenn es Corona zulässt, dann sind ab Mai auch wieder zahlreiche Lesungen in der Oberpfalz geplant. Was bedeutet es für Sie, in der ursprünglichen Heimat zu lesen?

Horst Eckert: In der Oberpfalz wohne ich bei meiner Mutter und habe kurze Wege zu den Lesungen. Viele Leute kennen mich, es ist ein Heimspiel der besonderen Art. Drücken Sie mit mir die Daumen, dass bis dahin mehr Leute immun geworden sind, als neu erkranken, und dass keine Beschränkung des sozialen und kulturellen Lebens, das wir so schätzen und brauchen, mehr nötig ist!

Info:

Spannender Mai

Insgesamt fünfmal liest Horst Eckert im Mai in der Region – wenn es das Corona-Virus zulässt: Los geht es am 8. Mai um 19 Uhr in Amberg in der Stadtbibliothek, am 12. Mai um 19.30 Uhr liest er in Sulzbach-Rosenberg im „Capitol“ auf Einladung der Buchhandlung Volkert, am 13. Mai um 19.30 Uhr ist dann die Heimatstadt Pressath dran, wo Eckert im Gasthof Heining auf Einladung der Buchhandlung Bodner liest. Weitere Termine sind am 14. Mai um 19 Uhr in Tirschenreuth in der Stadtbücherei und am 15. Mai um 20 Uhr in Hof in der Buchhandlung Kleinschmidt.

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