Presserat: Es gab Hetzjagden in Chemnitz

Der Deutsche Presserat hat den Jahresbericht 2018 veröffentlicht. Daraus geht hervor: Die Zahl der Beschwerden hat den zweithöchsten Stand in der Geschichte des Selbstkontrollorgans erreicht.

Blätter verschiedener Verlage hängen in einem Schaufenster. Unabhängig vom Verbreitungsweg sind regionale Tageszeitungen nach wie vor die häufigsten Beschwerdegegner.

(epd/nt/az) Die politischen Debatten des vergangenen Jahres spiegeln sich auch in der Beschwerde-Bilanz des deutschen Presserats wider. Das Selbstkontrollorgan erhielt 2018 zahlreiche Eingaben zu den Themen Migration und Rechtsradikalismus, wie aus dem Anfang dieser Woche in Berlin veröffentlichten Jahresbericht hervorgeht. Insgesamt weist die Statistik 2038 eingegangene Beschwerden aus. Noch mehr Beschwerden, nämlich 2358, hatte es in der Geschichte des Presserats nur im Jahr 2015 gegeben.

Unstrittig: Menschen gejagt

Zahlreiche Beschwerden erreichten den Presserat demnach zu den rechtsgerichteten Ausschreitungen im August 2018 in Chemnitz. Einige Leser hätten bezweifelt, dass es dort tatsächlich zu Hetzjagden gekommen sei, über die viele Medien berichtet hatten. Der Presserat wies die Beschwerden jedoch als unbegründet ab. Es sei unstrittig, dass in Chemnitz Menschen andere Menschen gejagt hätten. "Als Freiwillige Selbstkontrolle entscheiden wir nicht über verschiedene Deutungen eines Geschehens - solange die Deutungen auf korrekten Fakten beruhen", sagte der Sprecher des Presserats, Volker Stennei.

Die Beschwerden zur Nennung der Nationalität von Straftätern und Verdächtigen seien hingegen zurückgegangen. Zu der entsprechenden Richtlinie 12.1 im Pressekodex erreichten den Presserat 2018 insgesamt 30 Beschwerden, im Vorjahr hatte es demnach noch 41 Eingaben gegeben. Die Spruchpraxis habe sich nach der Neuformulierung der Regel vor zwei Jahren nicht geändert: Die Hälfte der Beschwerden in diesem Bereich habe 2018 zu einer Sanktion geführt, im Verhältnis etwa so viele wie in den beiden Vorjahren.

Im März 2017 hatte der Presserat die Richtlinie überarbeitet. Sie fordert seitdem statt eines "begründbaren Sachbezugs" ein "begründetes öffentliches Interesse" als Voraussetzung dafür, die Herkunft von Tätern oder Verdächtigen zu erwähnen. "Als hilfreich erweisen sich unsere Praxis-Leitsätze für Redaktionen, die an Beispielen erklären, wann ein öffentliches Interesse für die Herkunftsnennung gegeben ist", so Lutz Tillmanns, Geschäftsführer des Presserats. Die alte Regel war vor allem im Zuge der Berichterstattung über die sexuellen Übergriffe in der Kölner Silvesternacht 2015/16 in die Kritik geraten.

Insgesamt erteilte der Presserat im vergangenen Jahr 28 Rügen (2017 waren es 21). Am häufigsten (13 Rügen) bemängelte das Gremium Verletzungen des Persönlichkeits- und Opferschutzes, gefolgt von der Vermischung von Werbung und Redaktion (acht Rügen). Dazu kamen 70 Missbilligungen und 147 Hinweise. 42 Fälle hielt der Beschwerdeausschuss zwar für begründet, verzichtete jedoch auf eine Maßnahme, wenn die betroffenen Redaktionen reagiert und beanstandete Textstellen verändert hatten. Das Selbstkontrollorgan beschäftigte sich im vergangenen Jahr immer wieder mit unklar gekennzeichneter Werbung vor allem im Internet. Bezeichnungen wie "Advertorial" oder "Sponsored Post" reichen aus Sicht des Presserates nicht aus.

Im Fokus standen auch Online-Umfragen, die Meinungsforschungs-Startups wie Civey auf journalistischen Internetseiten anbieten. Der Beschwerdeausschuss entschied: Ob solche Umfragen repräsentativ sind oder nicht, müssen Redaktionen nicht selbst überprüfen, sofern es keine Anhaltspunkte gibt, an der Seriosität der Kooperationspartner zu zweifeln.

Sehr viele Internet-Artikel

Die deutliche Mehrheit aller Beschwerden (65 Prozent) richtete sich gegen im Internet veröffentlichte Artikel. Das führt der Presserat auch darauf zurück, dass es einfacher sei, dem Selbstkontrollorgan einen Link zu mailen statt einen gedruckten Artikel einzuscannen. Unabhängig vom Verbreitungsweg sind regionale Tageszeitungsverlage laut dem Bericht nach wie vor die häufigsten Beschwerdegegner. Gegen sie richteten sich 653 Beschwerden, gefolgt von den Boulevardzeitungen (238 Beschwerden), Publikumszeitschriften (218) und überregionalen Tageszeitungen (191).

Der Pressekodex enthält Regeln für die tägliche Arbeit von Journalisten. Der Presserat prüft auf dieser Grundlage Beschwerden gegen Zeitungen, Zeitschriften und Online-Medien. Bei Verstößen kann das Gremium Sanktionen aussprechen, als schärfste Maßnahme eine öffentliche Rüge.

Hintergrund:

Medienkritischer Unterton

Wie kommt es, dass das Bedürfnis nach medienethischen Beurteilungen durch den Presserat wieder gestiegen ist? Dazu dessen Sprecher Volker Stennei in seiner Jahresbilanz: „Ein Grund dafür ist sicherlich die Glaubwürdigkeits-Debatte, die seit Jahren sowohl ernsthaft als auch interessengesteuert geführt wird.“ Etlichen Beschwerden sei ein grundsätzlich medienkritischer Unterton gemeinsam gewesen. Einige Leser hätten dem Presserat gegenüber sogar generell am Wahrheitsgehalt von Artikeln gezweifelt: Zeitungen und Zeitschriften berichteten zu verschiedenen Themen „falsch“ oder zumindest nicht „objektiv“, so der Tenor.

„Welche Deutung eines Geschehens richtig oder falsch ist, darüber kann und soll die Freiwillige Selbstkontrolle nicht entscheiden. Der Presserat tritt aber für das Recht der Redaktionen ein, die eigene Meinung und Bewertung auf Basis überprüfbarer Informationen zu veröffentlichen. Diesen wesentlichen Bestandteil der Meinungsfreiheit zu schützen, sieht der Presserat als seine grundlegende Aufgabe“, betonte sein Sprecher. Der Rat prüfe jede Beschwerde und jede darin kritisierte Veröffentlichung unvoreingenommen und lasse sich nicht für die Ziele von Interessengruppen einspannen.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Nachrichten per WhatsApp und Facebook Messenger

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.