Probleme mit den Schwestern

Wer in den chinesischen Siguniang-Nationalpark hineinwill, muss bezahlen. Auch dort einen Berggipfel zu besteigen, ist ohne Führer und schriftliche Genehmigung (Permit) nicht möglich. Aber manchmal geht es doch.

von Armin Eger Kontakt Profil

Erster Gang, zweiter Gang. Der Motor jault auf. Der Drehzahlmesser nähert sich dem roten Bereich. Kehre um Kehre quält sich der Bus den Pass hinauf. Die meisten Leute sind mit ihren Handys beschäftigt - oder schlafen. Die Landschaft, die sich mit jedem Höhenmeter ändert, interessiert sie nicht. Vor zwei Stunden ist der Bus in der chinesischen Millionenstadt Chengdu gestartet. Die Fahrt durch das Panda-Tal ist für die Chinesen selbstverständlich, während die drei Deutschen im Fahrzeug hoffen, dass einer dieser schwarz-weißen Bären vielleicht irgendwo in einem der riesigen Bambusbäume sitzt. In der Provinz Sichuan sollen nämlich etwa 800 Tiere in freier Wildbahn leben.

2008 schweres Erdbeben

Bald lässt der Fünfzigsitzer die Panda-Region hinter sich. Statt Bambus sind es jetzt Laub- und Nadelwälder, die Hänge sind saftig grün. Immer weiter geht es hinein in die Wolken. Der Regen nimmt zu. Plötzlich ist Schluss. Schlammlawinen haben einen Teil der Straße unbefahrbar gemacht. Ein Bulldozer räumt den Dreck rasch zur Seite. Über den Pass geht es wieder hinunter in das Bergdorf Rilong (3150 Meter). Im Jahr 2008 hat ein schweres Erdbeben fast den gesamten Ort zerstört. 70 000 Menschen kamen in der Provinz Sichuan ums Leben. Breite Risse an einsturzgefährdeten Häusern zeigen auch fast zehn Jahre danach noch immer die Auswirkungen dieser schrecklichen Katastrophe.

Mehrere Touren zum Akklimatisieren waren in den "Alpen des Ostens" - wie die Chinesen das Gebiet mit 20 Bergen über 4000 Meter bezeichnen - geplant. Höhepunkt sollte die Besteigung des Gebirgsmassivs der Vier Schwestern sein. Die Four Sisters oder Girls Mountain gehören seit 2006 zum Unesco-Weltnaturerbe, sind aber in China-Reiseführern kaum zu finden. Europäer verirren sich nur selten in diese Region.

Im Büro des Mount-Siguniang-Nationalparks ist die Verständigung deshalb ein großes Problem. Man versteht nur Chinesisch. Die Übersetzungs-App am Handy hilft - ein bisschen zumindest. "Ihr braucht ein Permit", sagt die Computerstimme aus dem Smartphone. "Ohne Erlaubnis und ohne Führer ist der Eintritt in den Nationalpark verboten." Nach einer halben Stunde steht endlich fest: Zwei bis fünf Tage soll die Genehmigung dauern. Ein schriftlicher Antrag reiche, heißt es zunächst. Dann die Aussage, wir müssten persönlich in Chengdu vorsprechen. Frustrierend. Denn so viel Zeit haben wir nicht, um 250 Kilometer und fast fünf Stunden mit dem Bus wieder zurückzufahren.

Übernachten nicht erlaubt

Also Planänderung. Einige leichtere Touren in den Tälern Shuangqiao-Valley, Changping-Valley und Haizi-Valley sind alleine machbar, Übernachtungen im Nationalpark sind jedoch nicht erlaubt. Dass wir die Chinesinnen Lilly und Doris kennenlernen ist ein Glücksfall. Sie sprechen Englisch und verhandeln für uns. Im Nationalpark-Büro einigen wir uns auf eine Mehrtagetour ins Haizi-Valley.

Schlapphut, quer gestreifter Pulli, Jeans, etwa 30 Jahr alt: "Ü" stellt sich als Bergführer vor und soll uns am nächsten Tag begleiten. Nach dem Ticketkauf am Eingang zum Nationalpark schlängelt sich der Weg oberhalb von Rilong ins Tal hinein. Immer im Blick die Vier Schwestern. Bei der ersten Rast gibt es an einer Hütte Fertiggerichte à la Fünf-Minuten-Terrine, dazu Cola, Limo und Bier. Bevor wir aufbrechen, lässt uns ein Tipp doch noch auf eine Gipfelbesteigung ohne Permit hoffen. "Alles eine Frage des Preises und der Verhandlung", sagt ein chinesischer Bergführer. Er und sein japanischer Gast wollen den Da Feng und den Er Feng bezwingen. "Aber auf dem Er Feng liegt zu viel Schnee", erklärt der Bergführer. "Und gestern sind erst einige dort abgestürzt. Mal sehen. Wir entscheiden kurzfristig vor Ort."

"Ü" hingegen braucht nicht lange für seine Entscheidung. Umgerechnet 40 Euro pro Person will er für die Gipfeltour. Nach einer Nacht im Zelt an einem See im Haizi-Valley marschieren wir ins Basecamp (4300 Meter). Über Wiesen, auf denen zottelige Yaks grasen, treibt "Ü" die Gruppe mit seinem "Go, go, go" immer wieder an.

Mit "Ü" am Gipfel

Um 4.30 Uhr am nächsten Morgen soll es losgehen, lässt der Bergführer wissen. Die Nacht ist stürmisch mit Regen. Aber zum Start ist es sternenklar. "Ü" läuft ohne Stirnlampe vorneweg, kümmert sich kaum um seine Gruppe. Über Geröllfelder suchen wir uns in der kalten Nacht selbst den Weg. Nach zweieinhalb Stunden - inzwischen wärmt wenigstens die Sonne - ist der Da Feng (5038 Meter) erreicht. Vor uns liegen die drei anderen Schwestern mit dem höchsten, immer schneebedeckten Gipfel, dem Yaomei Feng (6250 Meter). Die Probleme mit den Schwestern sind vergessen. Wir sind froh, dass wir es trotzdem noch wenigstens auf einen Gipfel geschafft haben. Manchmal geht es sogar in China ohne jegliche Formalitäten.

Hintergrund:

Die Vier Schwestern

Die „Four Sisters Mountains“, Da Feng (5038 Meter), Er Feng (5276), San Feng (5355) und Yaomei Feng (6250) sind der Legende nach vier schöne und tapfere Schwestern, die sich, um ihr Land vor einem gefürchteten Zauberer zu schützen, in vier mächtige Berge verwandelt haben. Dabei stellt die jüngste der Schwestern mit 6250 Metern den höchsten, ganzjährig vom Gletscher bedeckten Gipfel dar. Sie ist die Königin der Sichuan-Berge und Gemahlin von König Gongga, dem höchsten Berg Sichuans mit 7556 Metern. Von den Tibetern werden sie als heilige Berge verehrt.

Während die drei ersten der vier Schwestern noch relativ einfach zu besteigen sind, ist der höchste Gipfel extrem schwierig. Die Erstbesteigung gelang erst 1981 einem japanischen Team über den Ostgrat.

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