31.08.2020 - 16:57 Uhr
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„200 Jahre geben Zuversicht“: Der Regensburger Pustet-Verlag feiert Geburtstag

Aus ihrer Geschichte weiß die Familie Pustet: Im Leben wie im Geschäft geht es rauf und runter. Eigentlich hätte das Unternehmen aus Regensburg heuer sein 200-jähriges Bestehen gefeiert.

Bei ihnen dreht sich alles um Bücher: Geschäftsführerin Ursula Pustet (52) und ihr Bruder, Verleger Friedrich Pustet (60), der aber von allen nur Fritz genannt wird.
von Externer BeitragProfil

Die Coronakrise durchkreuzte auch bei den Pustets die Pläne für eine Jubiläumsfeier. Geschäftsführerin Ursula Pustet und ihr Bruder, Verleger Fritz Pustet, erzählen im Interview, wie sie als sechste Generation der Tradition gerecht werden. Dabei tragen sie die Verantwortung für drei Standbeine: Buchhandel, Buchdruck und Verlag.

ONETZ: Frau Pustet, Herr Pustet, welches ist Ihr Lieblingsbuch?

Ursula Pustet: Das ist schwer zu sagen, weil ich sehr viele Bücher lese. „Eva schläft“ von Francesca Melandri finde ich sehr gut. In diesem Buch geht es um die Südtirolfrage. Mein Bruder und ich sind große Südtirolfreunde.
Fritz Pustet: Vor 35 Jahren habe ich „Das Parfum“ von Patrick Süskind gelesen. Bei der Lektüre habe ich mich teilweise totgelacht, weil Süskind einen tollen Sprachwitz hat. Aber es gibt ein Buch, das habe ich in den vergangenen zehn Jahren bereits dreimal gelesen. Es ist eine Biografie von Beethoven, 700 Seiten lang, aus dem C. H. Beck Verlag.

ONETZ: Eine hohe Seitenzahl schreckt Sie also nicht ab?

Fritz Pustet: Die Beethoven-Biografie ist eine Ausnahme. Normalerweise muss ich bei einem Buch das Gefühl haben, dass ich nach ein paar Tagen zu einem Ende kommen kann.
Ursula Pustet: Für mich ist die Seitenzahl egal. Dadurch dass ich abends gern im Bett lese, bevorzuge ich Taschenbücher. Ich habe auch keinen E-Book-Reader. Ich brauche die Haptik eines gedruckten Buches für mein Lesevergnügen.

ONETZ: Welchen Marktanteil hat mittlerweile das E-Book und welche Rolle spielt es in Ihrem Verlag?

Fritz Pustet: Das E-Book hat keinen hohen Marktanteil. Er dürfte bei 5,5 Prozent des Branchenumsatzes liegen. Dafür, dass es das E-Book bereits seit 15 Jahren gibt, ein erstaunlich geringer Anteil. In unserem Verlag macht der E-Book-Anteil nur ein Prozent vom Umsatz aus.

ONETZ: Das E-Book läuft dem gedruckten Buch also nicht den Rang ab?

Fritz Pustet: Wir müssen uns eher die Frage stellen, ob Menschen künftig überhaupt noch lesen werden – egal ob in gedruckter oder elektronischer Form. Als Gefahr sehe ich, dass die Menschen immer mehr Zeit damit verbringen, Filme und Serien zu streamen, soziale Medien zu konsumieren oder am Computer zu daddeln. Es wird darauf ankommen, was Schulen und das Elternhaus vermitteln, um für das Lesen zu begeistern.

ONETZ: Wie reagiert Pustet auf die Amazon-Konkurrenz?

Fritz Pustet: Wir haben einen sehr gut gepflegten Online-Shop. Wir punkten mit Qualität vor Ort durch unsere gut ausgebildeten Buchhändler. Der Buchhandel generell hat nie geschlafen, sondern mit Online-Shops frühzeitig auf die Expansion von Amazon reagiert.

ONETZ: Wo ordnet sich Ihr Buchhandel in der Branche ein?

Ursula Pustet: Hugendubel und Thalia sind die beiden großen Filialisten in Deutschland. Dann gibt es noch Osiander, der ist kleiner als Hugendubel und Thalia, aber größer als Pustet sowie ein paar weitere Filialisten. Wir besetzen mit unseren elf Filialen die Mitte.

ONETZ: Wie muss man sich den Buchdruck-Markt vorstellen?

Ursula Pustet: Das ist ein überschaubarer Markt mit wenigen Teilnehmern. Reine Buchproduzenten gibt es in Deutschland nur noch vier oder fünf. Das sind zunächst die zwei Giganten CPI und GGP, die zu Konzernen gehören. Gegenüber diesen Goliaths sind wir der kleine David. Aber: Wir können manchmal schneller reagieren als diese großen Tanker der Branche, die schwerer zu steuern sind. In unserer Größenordnung gibt es außerdem eine Handvoll Druckereien, dann ist der Markt aber auch schon aufgeteilt.

ONETZ: Wie tickt die Branche insgesamt?

Ursula Pustet: In den vergangenen Jahrzehnten hat sich der Konkurrenzkampf im Druckereibereich verschärft. Die Verlage stehen unter einem enormen Preisdruck. Manchmal werden von Konkurrenten solche Lockpreise abgegeben, bei denen man einfach aussteigen muss, um bei dem Auftrag nicht draufzuzahlen. Als familiengeführter Mittelständler ist es zwar von Vorteil, dass wir schnell reagieren können. Aber der Nachteil ist: In manchen Dingen können wir in der Masse nicht mithalten.

ONETZ: Und wie sieht es mit Ihrem dritten Standbein aus – dem Verlag?

Fritz Pustet: Der Verlag ist das kleinste der drei Standbeine. Im Gesamtunternehmen fallen wir beim Umsatz nur mit ein paar Prozent ins Gewicht. In Deutschland gibt es 3000 bis 4000 Verlage. Davon bewegen sich 2000 in unserer Größenordnung.

ONETZ: Pustet hat ein theologisches und ein geschichtliches Verlagsprogramm. Wie hoch im Kurs steht die Theologie?

Fritz Pustet: In den vergangenen Jahrzehnten hat das Interesse massiv nachgelassen. Es gehen weniger Leute in die Kirche, es gibt weniger Pfarrer, Pfarreien werden zusammengelegt. Deshalb haben wir in den vergangenen Jahren mehr den universitären Bereich erschlossen. Wir haben 15 wissenschaftliche Reihen. Das sind Kleinstauflagen für ein weltweites Publikum mit einer Auflage von 200 bis 250 Stück. Der ökonomische Vorteil hier ist, dass das Titel sind, die bezuschusst werden. Dadurch sind die Produktionskosten schon mal abgedeckt.

ONETZ: Wie ist es Pustet bislang in der Corona-Krise ergangen?

Ursula Pustet: Im Buchhandel hat jeder Federn gelassen. Wir sind aber ganz gut durchgekommen, weil wir gut verankert sind. Wir konnten schnell einen Lieferservice aufbauen. Außerdem waren wir telefonisch immer erreichbar. Das haben uns die Kunden hoch angerechnet. Viele haben bei uns auch mit der Begründung bestellt, dass sie in der Krise nicht Amazon unterstützen wollen, sondern lieber den Buchhändler vor Ort. Das hat uns sehr gefreut.
Fritz Pustet: Die Umsätze während des Lockdowns waren natürlich bei Weitem nicht auf dem Niveau von 2019. Nach dem Lockdown gab es aber Nachholeffekte.

ONETZ: Wie lautet Ihre Prognose für den Rest des Jahres?

Fritz Pustet: Bislang sind wir mit einem blauen Auge davongekommen. Wenn es keine zweite Welle gibt, sind wir gedämpft zuversichtlich in Bezug auf die kommenden Wochen. Die gesamte Buchbranche hat sich achtbar geschlagen. Der Rückgang vom ersten Halbjahr 2020 im Vergleich zum Vorjahr lag bei rund zwölf Prozent – alle Vertriebswege. Umsatzlücken wird die Branche aber nicht schließen können. Für die Branche wäre es gut, wenn sie dieses Minus halten oder verringern könnte.

ONETZ: Was haben die Leute während des Lockdowns bevorzugt gelesen und was wird seit Wiedereröffnung der Buchläden gekauft?

Ursula Pustet: Während des Lockdowns waren Kinder- und Jugendbücher am meisten gefragt. Außerdem haben unsere Kunden viel Schulmaterial, Lektüren und Lernhilfen bestellt. Einen Nachfrageanstieg hatten wir auch bei pädagogischen Ratgebern für Eltern, wie sie ihre Kinder beschäftigen können. Zudem ging der Bereich Hobby und Freizeit gut. Seit dem Ende des Lockdowns werden Reiseführer für Deutschland und Österreich – und da vor allem Wanderführer – sehr stark nachgefragt. Schon eine sehr viel geringere Nachfrage gibt es derzeit für das restliche Europa. Und Reiseführer, die über den Kontinent hinausgehen, liegen wie Blei in den Regalen.

ONETZ: Ein Traditionsunternehmen, das seit 200 Jahren besteht und in der sechsten Generation geführt wird: Wie groß ist vor diesem Hintergrund der Erfolgsdruck?

Ursula Pustet: Ich würde es nicht Erfolgsdruck nennen. Wir haben einen Staffelstab übergeben bekommen und müssen der Verantwortung gegenüber den Mitarbeitern gerecht werden. Wir haben nicht vor, uns jetzt hier selbst zu verwirklichen, sondern müssen das Unternehmen am Laufen halten und so erfolgreich führen, dass es Zukunftsaussichten hat. Das ist der Druck, den wir verspüren.
Fritz Pustet: Der Respekt vor der Tradition ist mit 200 Jahren im Rücken vermutlich größer als bei Unternehmen mit nur ein paar Jahrzehnten Geschichte. Aufgrund unseres langen Bestehens haben wir aber auch das Wissen, dass es im Geschäft immer rauf- und runtergeht. Dadurch hat man die Zuversicht, dass es immer irgendwie weitergeht.

ONETZ: Mit einer langen Tradition im Rücken: Wie experimentierfreudig darf oder muss man sein?

Ursula Pustet: Nur weil etwas 200 Jahre funktioniert hat, ist für mich nicht die handlungsbestimmende Maxime, dass es auch die kommenden 200 Jahre so sein muss. Man muss dem Wandel aktiv begegnen und nicht reaktiv.
Fritz Pustet: Wir sind beide überzeugt, dass es gedruckte Bücher immer geben wird. Es wird vielleicht Fertigungsverfahren geben, die noch günstigere Produktionspreise ermöglichen. Aber grundsätzlich steht unsere Branche nicht unter so einem hohen Veränderungsdruck wie aktuell etwa die Autoindustrie.

ONETZ: Steht denn die nächste Pustet-Generation für die Staffelstab-Übergabe schon in den Startlöchern?

Fritz Pustet: Ja, ich habe drei Kinder. Ein Sohn wird ins Unternehmen einsteigen. Er bringt gerade sein Studium zu Ende.

ONETZ: Heißt er auch Friedrich – wie bereits sechs Pustets vor ihm?

Ursula Pustet: Nein. (Sie lacht) Und manchmal ist es auch gut, wenn eine Tradition endet.

Weitere Infos zum Verlagsprogramm:

Info:

Buchbindersohn führt Pustet zu Weltruf

Der 8. Juli 1820 ist das Gründungsdatum des Unternehmens Pustet. An diesem Tag erhält der Buchbindersohn Friedrich Pustet vom Passauer Magistrat die Genehmigung zum Buchhandel. Bereits sechs Jahre später zieht es den umtriebigen Geschäftsmann nach Regensburg, wo er seine Firma um das Verlagsgeschäft und den Buchdruck erweitert.

Aus einem Auftrag des Regensburger Bischofs entsteht für Pustet eine neue Geschäftsidee: 1849 bringt er sein erstes Altarmessbuch in lateinischer Sprache auf den Markt. Die Messbücher erringen Weltruf – unter anderem aufgrund ihrer hochwertigen Ausstattung. Für den Vatikan ist Pustet die erste Adresse.

Von 1865 bis 1898 eröffnet das Unternehmen Filialen in Köln, Wien, Rom, Cincinnati und New York sowie Handelsvertretungen in Valencia und São Paulo. In dieser Expansionsphase stirbt der Firmengründer 1882. Die Söhne Klemens, Karl und Friedrich festigten den Ruf der Firma. Der Erste Weltkrieg und die anschließenden Krisenjahre beenden vorerst die Expansion. Die Folgen des Zweiten Weltkriegs führen fast zur Stilllegung des Betriebs.

Aber das Unternehmen kehrt in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wieder auf den Erfolgskurs zurück. 1955/57 wird ein neues Firmengebäude in Regensburg errichtet. Nachdem die Nachfrage nach lateinischen Messbüchern immer rückläufiger wird, verlegt die fünfte Pustet-Generation fortan neben Theologie auch Literatur zu Geschichte und Kunstgeschichte. Außerdem expandiert der Buchhandelsbereich.

Aktuell verteilen sich elf Buchhandlungen über Bayern, wie etwa in Straubing, Regensburg und Passau. Rund 450 Mitarbeiter sind in den drei Geschäftsbereichen Buchdruck, Buchhandel und Verlag beschäftigt. Im Buchdruck zählt Pustet 80 bis 90 Verlage aus dem deutschsprachigen Raum zu seinen Kunden. Sieben bis acht Millionen Bücher druckt Pustet pro Jahr. Den größten Anteil am Gesamtumsatz hat der Buchhandel, dann folgen der Buchdruck und der Verlag. Die Familie nennt auf Nachfrage keine Umsatzzahlen.

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