08.06.2018 - 18:46 Uhr
RegensburgDeutschland & Welt

Abschiebungen keine Lösung

Der lange Kampf hat ihn verbittert gemacht. Seit mehr als 20 Jahren versucht Dr. Reinhard Erös, in Afghanistan zu helfen. Er kann es nicht fassen: Politiker und Militärs wissen immer noch nicht, wie Afghanistan tickt.

Zuletzt war Dr. Reinhard Erös im Mai in Afghanistan. Der Gründer der Kinderhilfe Afghanistan wirbt für freiwillige Rückkehrprogramme statt Abschiebungen.
von Albert Franz Kontakt Profil

Statt über Hilfe für Afghanistan diskutiert Deutschland derzeit wieder einmal über die Abschiebepolitik. Auch beim Besuch von Reinhard Erös am Donnerstagabend im Regensburger Presseclub. Erös, Gründer der Kinderhilfe Afghanistan, ist kein Freund von Abschiebungen. "So einfach geht das nicht", weiß Erös. Nicht ohne Grund gab es bisher nur 198 Abschiebungen in das Land am Hindukusch - und das bei 220 000 Menschen afghanischer Abstammung in Deutschland und derzeit etwa 15 400 Afghanen, die eigentlich ausreisepflichtig wären.

Anlass der jüngsten Debatte ist das Geheimpapier des Auswärtigen Amtes, das die Grundlage schaffen soll, um den faktischen Abschiebestopp zu beenden. Erös lässt kein gutes Haar an dem 86-Seiten-Papier, das die Sicherheitslage in Afghanistan als ausreichend erachtet. Manche der Quellen, auf die sich das Papier beruft, hätte nicht einmal einen Repräsentanten in dem Land.

10 000 Euro für Rückkehrer

Statt Abschiebungen befürwortet der gebürtige Tirschenreuther, Jahrgang 1948, und Ex-Oberstarzt der Bundeswehr, freiwillige Rückkehrprogramme. Wiederholt hat Erös vorgeschlagen, freiwillige Rückkehrer mit 10 000 Euro, verteilt auf zwei Jahre zu unterstützen. Erös macht eine einfache Gegenrechnung auf: 5000 Euro pro Monat kostet allein jeder unbegleitete Flüchtling, der in Deutschland versorgt und betreut werden muss. "Das verdient der Vater in Afghanistan in drei Jahren."

Den Satz von Entwicklungshilfeminister Gerd Müller, dass eine Million junge Afghanen auf gepackten Koffern sitzen, greift Erös nicht mehr auf. Aber für Erös ist klar, dass die Zahl der Flüchtlinge aus Afghanistan wieder steigen wird. Sieben bis acht von 10 Oberstufenschülern, so das Stimmungsbild an den Schulen der Kinderhilfe Afghanistan, wollten nach Deutschland. Das Hauptmotiv: Die Perspektivlosigkeit.

6000 bis 15 000 Euro verlangen Schleuser für die Reise nach Deutschland, weiß Erös. "Das können Sie fast buchen wie bei uns einen Flug nach Mallorca." Vorrangiges Ziel der Flüchtlinge in Deutschland sei, möglichst schnell Arbeit zu finden und möglichst schnell Geld an die Familie nach Afghanistan zu schicken. "Die hauen nicht primär wegen der Taliban ab", so Erös. Und: "Kein einziger der bisher 198 Abgeschobenen kam bisher in Afghanistan zu Schaden, aber Pro Asyl tut so, als würden sie binnen drei Tagen erschossen."

Die Sicht von Deutschland auf Afghanistan - für Erös ist das immer noch ein Desaster. Falsche Themen, falsche Prioritäten: 5000 bis 10 000 Menschen sterben in Afghanistan durch die Kombination aus heißem Sommer und Ramadan. "Das ist 15 mal so viel wie durch Taliban-Anschläge." Oder die Wahlen im September: "Die interessieren in Afghanistan kein Schwein." Selbiges gelte auch für den Lagebericht des Auswärtigen Amtes.

"Erst kommt das Fressen, dann die Moral", sagt Erös ganz unverblümt. Zwei Millionen Menschen seien von der jüngsten Dürrekatastrophe betroffen. 40 Prozent der Kinder seien massiv unterernährt. Unicef hat jüngst berichtet, dass fast vier Millionen afghanische Kinder nicht zur Schule gehen, knapp die Hälfte der Kinder zwischen 7 und 17 Jahren ohne Zugang zu Bildung sei.
Das Urteil von Erös ist vernichtend - über die deutsche Politik, die Militärs - und natürlich auch über die deutschen Journalisten, die fast keine Informationen aus erster Hand hätten. "Deutsche Journalisten gelten als die feigsten, genauso wie die Soldaten der Bundeswehr als die feigsten gelten", klagt Erös an. Schwerpunkt der Bundeswehr bei der Initiative "Resolute Support" sei die Ausbildung. Tatsächlich aber bildeten von den derzeit 1000 deutschen Soldaten nur 46 aus, "der Rest ist Verwaltung". "Was machen die anderen 950? Sie langweilen sich. Keine andere Armee hat so einen Wasserkopf."

Mehr Luftschläge denn je

Wirtschaftliche Hilfe statt militärisches Einmischung, das ist seit jeher das Credo von Erös. "Wenn die Afghanen eines nicht wollen, dann sind es ausländische Soldaten", sagt der frühere Oberstarzt. "Die Afghanen können das selber, die kriegen das schon hin." Die Praxis jedoch ist eine andere. "Zur Zeit wird so viel bombardiert wie noch nie", erklärt Erös. 4361 US-Luftschläge wurden allein 2017 gezählt, 295 zivile Todesopfer und 336 zivile Verletzte gab es voriges Jahr bei Luftschlägen, 605 zivile Todesopfer und 1690 zivile Verletzte bei Selbstmordanschlägen - Tendenz überall steigend.

Info:

Kinderhilfe Afghanistan

Dr. Reinhard Erös, seine Frau Annette sowie ihre fünf Kinder haben die Kinderhilfe Afghanistan 1998 als private Initiative ins Leben gerufen. Noch zu Zeiten des Taliban-Regimes wurde die erste Mädchenschule gegründet. Unter anderem betreibt die Initiative 30 Schulen in sechs Provinzen mit rund 60 000 Schülerinnen und etwa 1400 Lehrerinnen. 14 Computer-Ausbildungszentren mit etwa 1400 Schülern jährlich, ein Waisenhaus für 600 Waisenkinder und vier Ausbildungswerkstätten für Schneiderinnen bzw. Solar-/Photovoltaik-Techniker. Zuletzt wurden voriges Jahr der Grundsetin für eine Mädchenoberschule in Paghman und eine christlich-moslemische Oberschule in Sargoda gelegt. Seit 2001 hat die Familie Erös in mehr als 3700 Vorträgen nach eigenen Angaben rund 520 000 Zuhörer, Schüler und Studenten erreicht. Die Kinderhilfe hat ihr Spendenkonto bei der Liga Bank Regensburg, IBAN DE 08 750903 000001325000. (al)

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.

Nachrichten per WhatsApp