23.01.2020 - 15:34 Uhr
RegensburgDeutschland & Welt

Mit Begegnung gegen Judenhass

Die Anschläge auf die Synagoge in Halle haben deutlich gemacht, wie offen und gewalttätig Antisemitismus heute wieder auftritt. In Regensburg tauschte sich eine Podiumsrunde über das erschreckende Phänomen aus. Eine Frage blieb dabei offen.

Über das Thema Antisemitismus diskutierten am Mittwoch an der Uni Regensburg (von links) die designierte Uni-Vizepräsidentin Ursula Regener, der bayerische Antisemitismusbeauftragte Ludwig Spaenle, Politikwissenschafts-Professor Stephan Bierling als Moderator, Sandra Simovich, Generalkonsulin des Staates Israels, und Strafrechts-Professor Henning Ernst Müller.
von Hanna Gibbs Kontakt Profil

Sandra Simovich, Generalkonsulin des Staates Israel, machte bei der Veranstaltung an der Uni Regensburg deutlich, dass viele Menschen in Israel heute ein gutes Bild von Deutschland haben, gerade Bayern sei beliebt. Angesichts der Judenvernichtung im Dritten Reich sei das nicht selbstverständlich. „Eine normale Beziehung ist es nicht.“ Der Generalkonsulin wäre es am liebsten, „wenn so viele Deutsche wie möglich nach Israel reisen“. Denn, da waren sich die Podiumsteilnehmer einig: Vorurteile bilden sich viel leichter über Menschen, die man nicht kennt.

Auch Ludwig Spaenle, früher Kultusminister und heute Antisemitismusbeauftragter der Bayerischen Staatsregierung, sagte, mehr Begegnung sei ein Schlüssel, um Antisemitismus zu bekämpfen. Er setzt sich für die Gründung eines bayerisch-israelischen Jugendwerks ein, um den Jugendaustausch zu fördern. Spaenle forderte jeden Einzelnen dazu auf, sich in die Rolle von Juden zu versetzen, die angefeindet oder sogar physisch angegriffen werden. In der Gesellschaft, gerade auch in Verbände, müsse es einen Diskurs über Judenhass geben.

Umbrüche in der Gesellschaft führten dazu, dass es eine neue Form des Antisemitismus gebe, sagte der Beauftragte. Zum einen würden gewählte Volksvertreter heute regelmäßig Tabubrüche begehen. Als Beispiel nannte er das Zitat des AfD-Chefs Alexander Gauland, die Nazis seien „nur ein Vogelschiss“ in 1000 Jahren deutscher Geschichte. Durch solche Aussagen werde eine rote Linie verschoben, sagte Spaenle. Zum anderen werde durch den flachen Zugang zu sozialen Medien im Internet antisemitischer Unrat viel leichter verbreitet. Simovich wünschte sich mehr Zivilcourage, um Hetze im Netz zu bekämpfen. Meinungsfreiheit habe in Deutschland einen hohen Stellenwert. „Aber ich habe auch das Recht, von Hate Speech verschont zu bleiben.“

Was antisemitische Straftaten in Deutschland angeht, seien die Zahlen recht stabil, erklärte der Regensburger Strafrechtsprofessor Henning Ernst Müller. Seit 2001 lag die Zahl der angezeigten Fälle stets zwischen 1200 und 1800 Fällen. Allerdings: Die höchste Zahl stammt aus dem vergangenen Jahr. Und: Die Dunkelziffer liegt Müllers Ansicht nach deutlich höher. Oft würden die Taten nämlich gar nicht angezeigt. Ein Lehramtsstudent aus dem Publikum meldete sich zu Wort und erklärte, er habe eine antisemitische Tat anzeigen wollen – und sei von der Polizei weggeschickt worden. Die Podiumsrunde zeigte sich entsetzt. Spaenle verwies auf die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Bayern, an die sich Opfer und Zeugen antisemitischer Vorfälle seit dem vergangenen Jahr wenden können.

Schwer taten sich die Diskutanten mit der Frage, wo der jahrtausendealte Antisemitismus eigentlich herkommt. Als Kriminologe sei er immer auf der Suche nach einer Ursache, sagte Strafrechtler Müller. Doch die Irrationalität des Antisemitismus könne er schlecht erklären. „Ich bin da auch ratlos.“ Auf das Phänomen des versteckten – aber weit verbreiteten – Antisemitismus machte Ursula Regener, designierte Vizepräsidentin der Uni Regensburg, aufmerksam. Der Antisemitismus tauche hier unter dem Mantel der mittlerweile salonfähigen Israelkritik auf. Spaenle sagte, es sei schon ein antisemitisches Stereotyp, dass man Israel nicht für seine Politik gegenüber den Palästinensern kritisieren dürfe. Das würden viele Israelis schließlich selbst tun.

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