28.10.2020 - 11:43 Uhr
RegensburgDeutschland & Welt

Böhmen und Oberpfalz sind ein gemeinsamer Wirtschaftsraum

Was der Oberpfalz fehlt, wenn die Grenzen zu Tschechien dicht sind, zeigte der Corona-Shutdown: Gesundheitssystem, Industrie und Handwerk fehlten 13.000 Pendler. Die bayerisch-böhmische Verflechtung schreitet voran.

Georg Haber, Präsident der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

"Corona hat gezeigt, dass offene Grenzen elementar sind", beschreibt Georg Haber, Präsident der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz, das Dilemma, als im März plötzlich ein virtueller Eiserner Vorhang Pendler stoppte. "Nicht nur grenznahe Unternehmen, auch mein Restaurierungsbetrieb ist auf unsere tschechischen Mitarbeiter angewiesen", sagt der Regensburger Chefrestaurator. "Das hat mich erheblich in die Bredouille gebracht."

Mitarbeiter sechs Wochen weg

Betroffen gewesen seien Unternehmen im Lebensmittel-und Sanitärhandwerk, im Elektro- und Anlagenbereich, im Maschinenbau: "Überall dort, wo sehr gut ausgebildete tschechische Mitarbeiter hochwillkommen sind." Die Einschränkungen für tägliche Berufspendler habe die Wirtschaft vor "brutale Herausforderungen" gestellt. "Unsere Mitarbeiter waren sechs Wochen weg", sagt Haber, "zum Glück waren die Auftraggeber meist verständnisvoll." Der Aufruf von staatlicher Seite, vorrangig zu bezahlen, habe Liquiditätsprobleme vermieden.

Die Handwerkskammer habe sich massiv für die Normalisierung des Pendlerverkehrs eingesetzt: "Wir waren in einer Taskforce, hatten kurze Weg ins Wirtschaftsministerium und die Staatskanzlei, saßen zusammen mit dem Kabinett in einer Unternehmerrunde." Wenn es eng wurde, habe man sich an Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger gewendet: "Der hat sofort einen Termin mit seinem Amtskollegen, Tschechiens Wirtschaftsminister Karel Havlícek, vereinbart und ruckzuck gab es Erleichterungen."

Die aktuelle Entwicklung in Europa und besonders auch Tschechien bereite der Kammer Sorgen: "Deutsche Touristen haben bei Partys in Prag erheblich zum Anstieg der Infektionszahlen beigetragen", sagt Haber. "Positiv ist, dass wir daraus gelernt haben und die Politik versucht, lokal begrenzt Maßnahmen zu fahren." Die Region Niederbayern, Oberpfalz und Westböhmen sei ein so eng verflochtener Wirtschaftsraum, dass eine weitere totale Blockade eine Katastrophe wäre: "Allein in meinem Kammerbezirk grenzen sechs Landkreise an Tschechien, das ist ein gemeinsamer florierender Arbeits- und Dienstleistungsmarkt."

Präsentation der IHK-Standort-Analyse: Bernard Bauer (DTIHK), Karla Stánková (IHK Pilsen), Gerneralkonsulin Kristina Larischová, Jürgen Helmes und Richard Brunner (IHK Regensburg).

Ähnlich sieht das Bernard Bauer, Geschäftsführender Vorstand der Deutsch-Tschechischen Industrie- und Handelskammermit Sitz in Prag. Die DTIHK ist mit 40 Mitarbeitern und rund 680 freiwilligen Mitgliedern die größte bilaterale Auslandshandelskammer in der Tschechischen Republik. "Man hat gelernt, dass geschlossene Grenzen keine Lösung sind", sagt Bauer. Die wirtschaftlichen Erwartungen seien trotz Rekordinfektionen für nächstes Jahr recht positiv: Der Handel laufe weiter, die industriellen Lieferketten seien nur teilweise unterbrochen: "Die Automobilindustrie produziert noch immer in drei Schichtbetrieben."

Dass die bilateralen Wirtschaftsbeziehungen keine Einbahnstraße sind, zeigt auch eine andere Kennziffer: Tschechische Investitionen in Deutschland belaufen sich auf einen einstelligen Milliardenbetrag. "Wir haben recherchiert, dass Tschechien Milliarden Euro Direktinvestitionen in Deutschland tätigt. Häufig kommen Direktinvestitionen in Tschechien aus den Niederlanden."

Tschechiens Milliardäre auf Shoppingtour in Deutschland

Prag

Tschechien sei längst keine verlängerte Werkbank mehr: "4000 deutsche Unternehmen haben hier investiert - vor allem auch in Digitalisierung, Automatisierung, Forschung und Entwicklung", erklärt Bauer. "Die deutschen Unternehmen nutzen die extrem gut ausgebildeten tschechischen Ingenieure." Wie in der Zwischenkriegszeit (1918-38), als die Tschechoslowakei zu den führenden Wirtschaftsnationen der Welt zählte, wolle das Land wieder an der Spitze der Industrienationen mitmischen: "Das Motto lautet ,Country for the Future'." Das traditionelle Industrieland sei ebenfalls ein Land der Tüftler.

Man denkt (national-) liberal

Bauer lobt die Regierung: "Vor allem mit Karel Havlícek, dem parteilosen Wirtschafts- und Industrieminister, stehen wir in engem Kontakt - es ist unglaublich, was da in kurzer Zeit ausgearbeitet wurde." Bayern sei für Tschechien der wichtigste Handelspartner. Und auch umgekehrt: "In Westböhmen agieren hinter der Grenze rund 100 bayerische Firmen und Forschungseinrichtungen." In puncto Fachkräftemangel investierten die Firmen in Automatisierung und Digitalisierung. "Der Arbeitsmarkt ist komplett leer gefegt, Tschechien bedient sich Fachkräften aus der Ukraine, Serbien und Rumänien."

Im Vergleich der Visegrád-Staaten hält Bauer die Tschechische Republik für am Europa-freundlichsten und am wenigsten radikal: "Rechtspopulisten haben keinen großen Zulauf, die Stimmung im Land ist eher liberal." Man denke zwar nationalliberal, suche die Vorteile fürs eigene Land: "Man ist sich aber auch bewusst, wie wichtig die Einbindung in internationale Organisationen ist."

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Für Sie empfohlen

 

 

Videos

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.