11.12.2019 - 13:49 Uhr
RegensburgDeutschland & Welt

BR-Intendant warnt: Ohne Medien keine Meinungsbildung

BR-Intendant Ulrich Wilhelm warnt bei einer Veranstaltung an der Uni Regensburg vor Informationsblasen im Internet. Sie gefährden seiner Ansicht nach die Demokratie.

BR-Intendant Ulrich Wilhelm (links) im Gespräch mit Professor Stephan Bierling an der Uni Regensburg.
von Hanna Gibbs Kontakt Profil

Er kennt die Nahtstelle öffentlicher Kommunikation von beiden Seiten: Ulrich Wilhelm hat als Journalist gearbeitet, war später Regierungssprecher von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Vor Regensburger Studenten sprach der BR-Intendant und ARD-Chef am Dienstag über Berichterstattung in Zeiten von Twitter und Fake News.

Als Wilhelm in den 80er-Jahren seine Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule absolvierte, galten noch die klassischen Regeln: Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen übernahmen die Berichterstattung, andere Kanäle waren zu vernachlässigen. Auch als Wilhelm 2005 Regierungssprecher wurde, war die Digitalisierung in der Medienwelt noch nicht besonders ausgeprägt. Wilhelm erinnert sich, dass es manche Medien kritisch sahen, als Merkel sich erstmals mit einem Podcast unmittelbar an die Menschen richtete. Heute, in Zeiten von Social Media, könne jeder mit seinem Smartphone eine Öffentlichkeit herstellen, wenn er über verschiedene Internetkanäle Nachrichten oder Bilder postet.

Im positiven Sinne könnten Themen so eine größere Aufmerksamkeit als früher erreichen, sagte Wilhelm, der auf Einladung von Stephan Bierling, Professor für Internationale Politik, an die Uni Regensburg gekommen war. Die Gestaltung des öffentlichen Raums im Internet sieht Wilhelm allerdings kritisch. Private Plattformen wie Youtube, Facebook oder Instagram würden einen großen Teil der Infrastruktur stellen. „Der öffentliche Raum beruht also auf einem privaten Geschäftsmodell.“ Die Steuerung der Aufmerksam erfolge dort über Algorithmen, die der Logik folgen, dass sich Emotionales besser verbreitet als Langweiliges. Außerdem werde der Nutzer dem Algorithmus folgend eher in seinen eigenen Einstellungen bestätigt – mit Inhalten, die ohnehin seiner Haltung entsprechen. So entstünden Teilöffentlichkeiten und Informationsblasen, die das alte Meinungsbildungsprinzip von Rede und Gegenrede längst verlassen haben.

Für Wilhelm ist das zunehmende Freund-Feind-Denken eine Gefährdung für die repräsentative Demokratie und den Rechtsstaat. Es sei kein Zufall, dass derzeit in vielen Staaten starke Polarisierungen stattfinden, sagte er. Letztlich komme in der Internetnutzung die menschliche Natur zum Ausdruck. Der Mensch neige dazu, sich mit Gleichgesinnten von anderen abgrenzen zu wollen und lieber in der eigenen Wahrheit zu leben als mit abweichenden Meinungen konfrontiert zu werden. „Fake News“ habe es immer gegeben. Aber die Beschleunigung und die technischen Bedingungen seien neu.

Einfache Antworten auf die drängenden Fragen gebe es nicht, stellte Wilhelm klar. Die Medien, die unabhängig und kritisch berichten, müssten ihre eigenen Plattformen stärken – und gleichzeitig auch auf Facebook und Co vorkommen, um die Menschen auf ihre Inhalte aufmerksam zu machen. Die Schulen müssten einen Schwerpunkt auf die Vermittlung von Medienkompetenz legen, forderte der BR-Intendant. Nicht zuletzt gehe es auch um einen selbstkritischen Umgang der klassischen Medien. Mit Fehlern in der Berichterstattung sollte offen umgegangen werden, konstruktive Kritik von Lesern, Hörern und Zuschauern aufgenommen werden. Und es müsse auch die Frage gestellt werden, ob die Redaktionen breit genug aufgestellt sind – und dort neben den typischen Geisteswissenschaftlern auch Menschen aus anderen Bereichen arbeiten.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Für Sie empfohlen

 

 

Videos

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.