Klaus Eberhartinger hat schon auf viele Arten die Bühne betreten: Als kaiserlicher Hofnarr, der aus einer überdimensionalen Toilettenschüssel hüpft, zum Beispiel. Nun lässt sich der Frontmann der Ersten Allgemeinen Verunsicherung in einem Sarg auf die Bühne tragen - dem Anlass ist das durchaus angemessen.
Es ist nicht weniger als ein Abgesang, ein Abschied für immer: Vorbei soll es bald mit der Ersten Allgemeinen Verunsicherung sein. Vorbei mit den genialen Wortspielen, dem Biss hinter dem vermeintlichen Blödeltext. "Vorbei": So heißt auch das erste Lied an diesem Samstagabend. Der Sargdeckel öffnet sich, Eberhartinger erhebt sich, stimmt an. "So vül Freind hob i no nie g'habt als wia heid" lautet eine Textzeile - angesichts einer proppevollen Donau-Arena eine ziemlich treffende Feststellung.
Das Publikum, das die Band aus Österreich immer noch so zahlreich erreicht, ist altersmäßig bunt gemischt. Auch zahlreiche Ü-60er kommen zum Gastspiel der EAV in die Domstadt. Für sie hat Eberhartinger - als Jahrgang 1950 selber in dieser Alterskategorie - eine besondere Empfehlung: Sie sollten, so rät er ihnen, schon das ein oder andere Mal mit der Hand im Blumentopf schlafen - "um sich an die Erde zu gewöhnen".
Hits und seltene Nummern
Was folgt, ist eine über zweieinhalb Stunden lange Reise der Österreicher durch vier Jahrzehnte von ihnen mitgeschriebene Musikgeschichte mit dem Höhepunkt in den 80er und frühen 90er Jahren. Die Verunsicherung ist zu diesen Zeiten auf dem Höhepunkt ihres Erfolges, führt Singlecharts an und ziert nicht nur einmal das vielbesungene "Rennbahn-Express"-Titelblatt. "Küss die Hand schöne Frau", "Heiße Nächte in Palermo", "Banküberfall" und "Märchenprinz": Alles, was die Band an Gassenhauern produziert hat, ist an diesem Abend im Gepäck. Dazu gibt es Stücke, die lange nicht mehr live zu hören waren - wie zum Beispiel "Tanz, Tanz, Tanz". Auch Neues ist im Programm: Vom aktuellen und erwachsensten Studio-Album "Alles ist erlaubt" finden drei Lieder auf die Setlist.
Wer die Erste Allgemeine Verunsicherung als reine Blödelbarden-Combo ansieht, hat sie nicht verstanden. Die EAV ist - den "3 weißen Tauben" zum Trotz - weit weg von einer Ballermann-Attitüde und natürlich viel mehr als Nonsens-Neologismen wie "Dideldum" und "Duljö". Gerade in Zeiten, in der man der Welt aufs Maul schauen muss, aber nicht nach dem Mund reden darf, wird sie fehlen: als Mahner, als künstlerische Bastion gegen ewiggestrige Kleingeister und Schwarz-Weiß-Seher.
Eberhartinger und Co können die Welt von der Bühne aus zwar nicht verändern, aber zumindest zum Denken anregen. Das machen sie auf eine oft unbequem offene, direkte und unter dem klamaukigen Mantel bitterböse Art und Weise - manchmal derart knallhart, dass einem das Lachen im Hals stecken bleibt. So bekommen zum Beispiel die Kirche oder Religionen nach den zahlreichen Missbrauchsskandalen allgemein ihr Fett weg, oder aber US-Präsident Trump, der laut Eberhartinger "Horrorclown am roten Knopf". Für ihn haben sie extra ein Lied umgetextet. "Im großen Disneyland hat Entenhausen den Donald zum Präsident gewählt", sagt der Sänger in der Anmoderation.
Besuch im Sanatorium
Trotz aller ernsten Töne, bei einem EAV-Konzert ist natürlich auch Platz für Klamauk: Im Sanatorium für alternde Rockstars beklagt Peter Maffay: "Auf sieben Krücken muss ich gehn", und die Musiker einer gewissen Ersten Allgemeinen Verunsicherung leiden an einem "Ba-Ba-Bandscheibenvorfall". Das führt sie zu der Feststellung: "Die Gicht ist immer und überall".
Der Abend in der Donau-Arena endet nach vier Zugaben wie jedes EAV-Konzert: "Morgen, ja morgen fang' ich ein neues Leben an - und wenn ned morgen, dann übermorgen", singen sie da. Mittlerweile steht das Publikum - und man wünscht sich, dass Thomas Spitzer, Klaus Eberhartinger und Co eine ähnliche "Konsequenz" an den Tag legen, wenn es um ihr eigenes neues Leben nach der EAV geht. Angemerkt
Im großen Disneyland hat Entenhausen Donald zum Präsidenten gewählt.
Noch einmal in der Oberpfalz
Zahreiche Termine umfasst die „Alles ist erlaubt“-Tournee der Ersten Allgemeinen Verunsicherung. Das letzte Konzert spielt die Band am 14. September in der Wiener Stadthalle, bevor sie voraussichtlich endgültig Abschied von der Bühne nimmt. Wer die Verunsicherung noch einmal in der Region sehen will, hat dazu am Sonntag, 14. Juli, die Gelegenheit: Dann machen die Mannen um Thomas Spitzer und Klaus Eberhartinger Station in Sulzbach-Rosenberg und spielen ein Open-Air-Konzert.
















Mit der EAV durch die Jahrzehnte
Im Jahr 1987 heißt die ultimative Chart-Show noch ZDF-Hitparade. Moderiert wird sie von Victor Worms, braver Typ, Popperschnitt, weiter Pullover – 80er eben. Mitten in einer Sendung passiert es: Auf der Scheibe tauchen Gestalten im Frack auf, dazu ein Pinguin mit Riesenschnabel und eine Figur im rosa Kleid mit Tischtennisbällen als Augen: „Dideldum, dideldei, ist da noch a Platzerl frei?“, fragt der Pinguin die „Dame“, um gleich darauf anzukündigen: „Und weil wir so einsam san, trink’ ma aus und gemma ham“. Das ist tolles Kino, der Griff in die ganz große Kiste. Vor dem Fernseher ist ein neunjähriger Bub ziemlich – heute würde man wohl sagen – geflasht.
Seit diesem Zeitpunkt begleitet einen die EAV mehr oder minder präsent aber doch immer irgendwie da durch die Jahrzehnte. Bis heuer. Nun heißt es Abschied nehmen. „Die Zeit war schön, nur ans is bled: dass mit der Zeit die Zeit vergeht“, heißt es dazu treffend. Der Auftritt in der Hitparade ist übrigens auf Youtube zu sehen. In den Kommentaren findet man die nicht despektierlich gemeinte Frage einer ob des eben Gehörten und Gesehenen relativ erstaunten Userin: „Hat man das früher wirklich ernst genommen und als schöne Musik empfunden, oder war das halt einfach nur lustig?“ Die einfache Antwort: „Ja, ja und ebenfalls ja“.
Benjamin Tietz