11.06.2021 - 17:06 Uhr
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Zur Erinnerung an H.C. Artmann: Nua ka schmoez ned

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Der österreichische Autor H. C. Artmann verkörperte die Idealgestalt des Dichters wie kein zweiter. Vor 100 Jahren wurde er in Wien geboren – ein Abenteurer.

Der österreichische Lyriker H. C. Artmann (links) und der damalige Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Christian Meier unterhalten sich am 25. Oktober 1997 im Darmstädter Staatstheater. Der Wiener erhielt damals den Georg-Büchner-Preis, die angesehenste Literaturauszeichnung in Deutschland.
von Redaktion ThemenProfil

Von Bernhard Setzwein

Der große österreichische Autor H. C. Artmann, am 12. Juni vor 100 Jahren wurde er geboren. Seiner Meinung nach hat der Mensch keine andere Aufgabe, als aus seinen Erdentagen einen einzigen „poetischen Akt“ zu machen. Was auch gelingen kann, ohne dass man je eine einzige Zeile geschrieben habe, fand Artmann. Man müsse halt Fantasie beweisen. Wie er, als er behauptete, in St. Achatz im österreichischen Waldviertel zur Welt gekommen zu sein, und zwar im Astloch eines alten Baumes. Wer ihm entgegen hielt, ein St. Achatz gebe es doch gar nicht, bewies nur seine eigene Fantasielosigkeit. Der kleine Hans Carl dagegen hatte seine Vorstellungskraft von Kindesbeinen an anregen lassen. Etwa von den Erzählungen der Großmutter über Feen und Waldgeister. Oder von der Atmosphäre in der Schuhmacherwerkstatt seines Vaters im Wiener Stadtteil Breitensee. Zwei Gesellen von drü­berhalb der Grenze arbeiteten dort und sprachen den ganzen Tag Tschechisch. Ein Onkel schenkte ihm ein walisisches Wörterbuch. Das alles legte die Grundlagen für ein poetisch dichterisches Gesamtwerk, das vor allem eines veranschaulicht: Welche Magie und welcher Zauber der Sprache inne wohnen, trifft man nur die richtigen Wörter.

Dass der Dichter, bei aller Verehrung, die ihm entgegengebracht wurde, nie ein Großschriftsteller wie all Günter Grass, Martin Walser oder Heinrich Böll wurde, hängt auch damit zusammen, dass er ganz anders auf die Ur-Katastrophe dieser Generation reagierte. Auch Artmann war als 19-Jähriger in den Krieg gezogen. Er erlebte das Geschehen an der Front, wurde verwundet. Er desertierte und wurde zum Tode verurteilt. Das Kriegsende rettete ihm das Leben. Geblieben sind ihm immer wiederkehrende Alpträume bis zum Schluss. Anders als die eben Genannten reagierte er auf all dies aber nicht mit einer politisierten Bekenntnisliteratur, sondern katapultierte sich mit seiner Poesie in eine Gegenwelt. Schrieb etwa ein Husaren-Buch in einem Sprachgewand, als sei er ein Barockdichter, Dracula-Geschichten sowie hinreißende Liebes- und Naturgedichte. Kein Werk ist auch nur annähernd wie das andere. „ich bin abenteurer und nicht dichter“ war sein Credo.

Nie einen bürgerlichen Beruf ausgeübt

Wie bei den fahrenden Sängern des Mittelalters gab es bei ihm die eine große Einheit aus Reisen und Schreiben, Schauen und Erleben, Dichten und Vorlesen. Einen bürgerlichen Beruf hat er keinen einzigen Tag lang ausgeübt. Lange lebte er bei der ihn unterstützenden Mutter in Breitensee, in einem kleinen Zimmer. Die Nächte hindurch mischte er die sich nach Kriegsende formierende avantgardistische Kunstszene in Wien auf. Eine aufregende Zeit muss das gewesen sein, in der es noch spielend leicht gelang, Skandale zu entfachen. Ansonsten beschäftigte er sich mit der Weltliteratur aller Zeiten und aller Sprachen, studierte ganz ohne Universität die keltische Poesie und spanische Lyrik, Frederico Garcia Lorca zum Beispiel. Dessen „Zigeunerromanzen“ waren es, die ihn zu jenem Buch inspirierten, das ihn über Nacht bekannt machen sollte. Aber auch in eine völlig falsche Ecke drängte.

Im Jahr 1958 erschien „med ana schwoazzn dintn“, Gedichte im Wiener Dialekt, die aber alles andere waren, als was man damals unter „Mundartliteratur“ verstand. Nicht bäurisch, sondern großstädtisch, nicht sittsam, sondern derb, nicht völkisch, sondern individualistisch, grundneue Erfindungen. Das machte schon die Schreibweise deutlich. Jahrelang, so Artmann, habe er Sprachwissenschaft betrieben, um dahinter zu kommen, wie er die Mundart in einer Art phonetischen Lautschrift authentisch wiedergeben könne. Das Ergebnis las sich so: „reis s ausse dei heazz dei bluadex / und haus s owe iwa r a bruknglanda! […] daun eascht schreib dei gedicht / und ned eea!“ Heerscharen von Autoren haben sich nach 1960 dieses Ratschlages angenommen, haben Herz und Schmerz draußen gelassen aus ihren Versen und so hart gedichtet wie dieser Artmann aus Wien. In Bayerns einziger Literaturzeitschrift für Mundartliteratur, „Schman­kerl“ aus dem Friedl Brehm Verlag, tobte jahrelang eine Leserbriefschlacht zwischen den Konservativen und den Modernisten, letztere bekamen das Etikett angeheftet, sie seien ja doch alle bloß „HCartmannschgerl“.

Ärger über Schubladisierung

Und der das alles losgetreten hatte, HC Artmann selber? Dem wurde der Rummel zu viel, der ärgerte sich gewaltig über die Schubladisierung als „Mundartdichter“. Er ergriff die Flucht und verschwand für ein paar Jahre nach Schweden. Später lebte er noch in Berlin und zum Schluss wieder in seiner österreichischen Heimat, nämlich in Salzburg. Dialektgedichte hat er keine mehr geschrieben, stattdessen aber andere großartige Lyrik, die schon vor Jahren in einem Dünndruck-Band „Sämtliche Gedichte“ stolze 800 Seiten füllte. Kaum etwas davon ist veraltet, angestaubt, klingt hohl oder überkommen. Stattdessen öffnet sich einem ein poetischer Paradiesgarten, bei dem hinter jeder Ecke neue Wunderblüten warten.

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Hintergrund:

Neuerscheinungen zum 100. Geburtstag:

  • Der Band Kurt Hofmann: H. C. Artmann. Ich bin Abenteurer nicht Dichter, (Amathea Signum Verlag, Wien, 240 Seiten, 25 Euro) kombiniert ausgewählte Stellen aus dem Werk des Dichters mit Passagen aus einem langen Interview, das der ORF-Journalist Kurt Hofmann mit dem Dichter geführt hat. Das Buch bietet tiefergehende biografische Einblicke.
  • Michael Horowitz: H. C. Artmann. Bohemien und Bürgerschreck (Ueberreuter Verlag, Wien, 206 Seiten, 22 Euro). Die Veröffentlichung ist eine Neuausgabe, unter anderem aktualisiert um ein Interview mit der Schriftstellerin und Artmann-Witwe Rosa Pock.
  • Ideal für ein erstes Kennenlernen von Artmann ist der schmale Auswahlband „Übrig blieb ein moosgrüner Apfel“ aus der bibliophilen Reihe „Insel Bücherei“ (98 Seiten, 14 Euro). Enthalten sind vor allem Naturgedichte und kurze Prosatexte. Illustriert hat den Band der bibliophile Buchdrucker und Illustrator Christian Thanhäuser, dessen eigene Kleinverlagsgründung durch H. C. Artmann angeregt wurde.
  • Ebenfalls illustriert von Christian Thanhäuser ist der Band „Von denen Husaren und anderen Seiltänzern“ (Ketos Verlag, Wien, 192 Seiten, 20 Euro). Hierin erweist sich Artmann als Sprachakrobat im barocken Sprachgewand, indem er von Husaren erzählt, wie sie tapfer und lustvoll durchs Leben gehen.

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