13.05.2019 - 14:21 Uhr
RegensburgDeutschland & Welt

Freischütz ohne zündenden Funken

Die 1821 uraufgeführte Oper "Der Freischütz" von Carl Maria von Weber wurde schon zu Lebzeiten des Komponisten von der Kritik als "erste deutsche Nationaloper" bezeichnet. Das bringt für eine Neuinszenierung Schwierigkeiten mit sich.

Kriegerische Atmosphäre herrscht in Matthias Reichwalds „Freischütz“-Inszenierung am Theater Regensburg: Der Jägerbursche Max (Deniz Yilmaz), der Jägerbursche Kaspar (Seymur Karimov) und der Schwarze Jäger Samiel (Andine Pfrepper) in der Wolfsschlucht.
von Stefan RimekProfil

Von Webers Stück widmete sich urdeutschen Traditionen wie dem Schützentum und der Jagd - und wurde in der deutschen Sprache gesungen. Um nicht auf die Schiene einer deutschtümelnden Lederhosenromantik geschoben zu werden, versuchen viele zeitgenössische Regisseure mehr oder weniger gelungene und zum Teil recht abstrakte Verbindungen zu diesem Stoff herzustellen. Das war wohl auch die Absicht des Regisseurs Matthias Reichwald, der den "Freischütz" nun am Theater Regensburg neuinszenierte. So kann man im Theater am Bismarckplatz einen Freischütz erleben, der zwischen dem mystischen, vom Teufel gesegneten Gewehrkugelgießen und dem Kriegstreiben in den beiden Weltkriegen Parallelen herstellt.

Keine Kriegstraumata

Aber wenngleich die Handlung in der Zeit kurz nach dem Dreißigjährigen Krieg angesiedelt ist und wenngleich die Oper nur wenige Jahre nach der Schlacht von Waterloo geschrieben und uraufgeführt wurde, so tauchen kriegerische Auseinandersetzungen oder auch Kriegstraumata in der Handlung nicht auf.

Dennoch stellt Reichwald hier permanent Bezüge zu den beiden Weltkriegen her, lässt Videos von Wehrmachtssoldaten, der US-Air-Force oder Trümmerfrauen einspielen. Auch beim Chor prägen Soldatenuniformen das Bild und die vier Brautjungfern bieten in ihrem BDM-Style und ihrer infantilen Choreographie eine - von der Regie wohl gewollte - groteske Komik.

Nun kann man in Bezug auf einen Pakt mit dem Teufel eine Verbindung zwischen der Handlung im "Freischütz" und einem Kriegsgeschehen zwar herstellen, aber das Ganze wirkt doch ein wenig konstruiert. Auch die Absicht einer etwaigen Frauenfeindlichkeit des Sujets entgegenzuwirken, indem der teuflische schwarze Jäger Samiel in Form einer Domina mit roten Lackstiefeln und hautengen Leggins auftritt, ist nicht unbedingt der glücklichste Einfall.

Andererseits birgt die Inszenierung durchaus einige berührende Bilder und interessante Momente. Dazu gehört sicher auch das (von der Regie vielleicht selbstironische?) Schlusszitat vom geschlossenen Vorhang und den offenen Fragen von Bertolt Brecht. Auch in der Ausstattung von Alexandre Corazzola nimmt man bereichernde Farbtupfer wahr. Insgesamt wirkt die Inszenierung aber doch etwas verkopft und lässt den wirklich zündenden Funken vermissen. Vielleicht hätte man doch dem hier auch vom Urfaust beseelten Mythos vom Pakt mit dem Teufel stärkeren Raum geben sollen.

Ausdrucksstarke Präsenz

Den Bühnenakteuren muss man für ihre ausdrucksstarke Präsenz geschlossen großes Lob aussprechen. Vorrangig gilt das für Deniz Yilmaz als Max, Seymur Karimov als Kaspar, Andine Pfrepper als Samiel, Theodora Varga als Agathe, Sara-Maria Saalmann als Ännchen und Adam Kruzel in der Rolle des Fürst Ottokar.

Der von Alistair Lilley hervorragend einstudierte Chor und das von Generalmusikdirektor Chin-Chao Lin bis ins kleinste Detail der Partitur ausdrucksstark geleitete Orchester können ebenfalls überzeugen.Somit war der in Bezug auf das Regieteam etwas verhaltene und in Hinsicht auf die Bühnenakteure und das Orchester intensivere Schlussapplaus im ausverkauften Haus durchaus gerechtfertigt.

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