06.08.2019 - 18:23 Uhr
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Kettenverträge für Oberpfälzer Lehrer: Unsicherer Job von Jahr zu Jahr

Befristeter Arbeitsvertrag, ungewisse Zukunft: Für viele Pädagogen im Freistaat ist das Alltag. Zwei junge Lehrer aus der Oberpfalz erzählen von ihren Problemen.

Die bayerische Bildungsgewerkschaft (GEW) fordert den Freistaat auf, jungen Lehrern, die befristet angestellt sind, mehr Perspektive zu ermöglichen.
von Wolfgang Ruppert Kontakt Profil

Die Verbeamtung nach dem Referendariat ist längst nicht mehr für jede Lehrkraft selbstverständlich. Immer häufiger stellte der Freistaat zuletzt Pädagogen nur befristet an. Auf lange Sicht ihr Leben planen können die Betroffenen nicht. Saskia liebt ihren Job, ist engagiert und an ihrer Schule beliebt. Ihr Name wurde von der Redaktion geändert, weil die Pädagogin vor Konsequenzen seitens des Kultusministerium rechnet, wenn sie öffentlich über ihr befristetes Arbeitsverhältnis spricht.

Etwas anderes als Lehrerin an einem Gymnasium zu sein, käme für die 30-Jährige nicht infrage. "Das ist genau das, was ich immer machen wollte", sagt sie. Die Gesamtnote nach dem zweiten Staatsexamen, ein guter Zweierschnitt, reichte für die Pädagogin nicht aus, um auf eine Planstelle zu kommen. Bei einer Planstelle handelt es sich um einen Arbeitsplatz im öffentlichen Dienst, der im Haushaltsplan des Freistaats fest vorgesehen ist. Seither hangelt sich Saskia mit befristeten Verträgen von Jahr zu Jahr. Für das kommende Schuljahr hat sie wieder einen solchen unterschrieben. Seit September 2016 ist das mittlerweile der fünfte.

Saskias Chefin habe sich bisher immer dafür eingesetzt, dass sie als Angestellte im öffentlichen Dienst auch während der Sommerferien bezahlt wurde. Das ist nicht immer so. Manche befristet angestellten Lehrkräfte werden in den Sommerferien ganz ausgestellt. So mussten sich laut der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) vergangenen Sommer rund 860 bayerische Pädagogen arbeitslos melden.

Zukunft unplanbar

Saskia sagt: "Bei mir geht es zwar, weil sich in meinem Fall die Familienplanung auf die ferne Zukunft verschoben hat." Allerdings habe sie Kollegen mit Ehepartnern und Kindern, die ebenfalls nur mit Kettenverträgen angestellt würden, und unter der großen Unsicherheit litten. Die 30-Jährige erzählt: "Am Anfang des Jahres bin ich noch ziemlich entspannt. Ich denke mir, dass ich ja jetzt erst mal für ein Jahr angestellt bin." Zum Halbjahr ändere sich das allerdings. Bis zu 45 Bewerbungen schreibe sie, um im nächsten Jahr wieder eine Stelle an einem Gymnasium zu bekommen. Das erste Mal seien es sogar 48 gewesen. "Fünf Schulen haben mir geantwortet, nur eine mit einem Jobangebot." Die Situation frustriere die Lehrerin, an ihrer Motivation wirke sich das aber nicht aus. "Ich muss das trennen. Wenn, dann gebe ich dem Kultusministerium die Schuld. Weder meine Schule noch die Kinder können da etwas dafür."

Eine ähnlich ungewisse Zukunft erwartet den 27-jährigen Lehramtsanwärter Sebastian. Auch sein Name wurde geändert, denn auch er fürchtet sonst negative Konsequenzen für seine Laufbahn. Sebastian ist sich schon heute sicher, dass er nach seinem Referendariat, das 2020 endet, in den darauffolgenden fünf Jahren keine Chance auf eine Planstelle haben wird. Bei einer Planstelle handelt es sich um einen Arbeitsplatz im öffentlichen Dienst, der im Haushaltsplan des Freistaats fest vorgesehen ist. Sebastian sagt: "Das drückt natürlich die Stimmung, weil ich nicht weiß, was ich bis dahin machen soll." Wer derzeit als Gymnasiallehrer eine Planstelle bekomme, könne sich absolut glücklich schätzen. "Wenn ich mir die Zahlen aus den Vorjahren anschaue, wie viele Leute auf den Wartelisten eingestellt werden, und wie viele andere tatsächlich neu dazukommen, ist das deprimierend."

Vergangenes Jahr wurden beispielsweise bayernweit 1850 Pädagogen im Bereich Gymnasium mit ihrem Referendariat fertig. 2018 gab es an den bayerischen Gymnasien aber nur 810 Festeinstellungen. 324 der Stellen gingen an die frisch gebackenen Pädagogen. Auf die restlichen 486 Plätze bewarben sich rund 2490 Lehrer, die größtenteils auf einer Warteliste standen. Den "Luxus, an einem Ort fest zu leben", glaubt Sebastian, wird er sich nicht leisten können.

An Grund-, Mittel- und Förderschulen dagegen herrscht ein drastischer Lehrermangel. Dem Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) zufolge droht eine Lücke von 500 unbesetzten Planstellen. Sebastian kann sich vorstellen, notfalls an eine Grund- oder Mittelschule zu gehen. Der Freistaat bietet Gymnasiallehrern die Möglichkeit, im Zuge einer sogenannten Sondermaßnahme auf andere Schularten umzuschulen. "Ich denke, dass es für das Gymnasium nicht schaden kann, wenn man Grundschulerfahrung mitbringt." Seiner Meinung nach bedürfte es nichtsdestotrotz weiterer Fortbildungsmöglichkeiten. "Wenn es mit einer Planstelle nicht klappt, dann darf es nicht sein, dass junge, hochqualifizierte Menschen auf der Straße landen."

Laut GEW haben über 7000 Lehrkräfte in Bayern nur einen befristeten Vertrag. Anfang April kündigte das Bayerische Kultusministerium auf seiner Website das "Sonderprogramm für die Verbeamtung/Entfristung von langjährig befristet beschäftigten Lehrkräften" an. Damit sollten 800 Pädagogen an Realschulen und Gymnasien verbeamtet werden oder zumindest einen unbefristeten Vertrag als Angestellte im öffentlichen Dienst bekommen. Wer länger als 60 Monate befristet angestellt war, sollte von seiner Berufserfahrung profitieren.

Gerechte Behandlung

Anton Salzbrunn, Landesvorsitzender der GEW, zufolge müsse von der teils praktizierten Gangart abgerückt werden, die Bezahlung bei befristeten Verträgen über die Sommerferien auszusparen. "Vor kurzem hatten wir den Fall einer Kollegin, die nach neun Jahren keine Verlängerung mehr bekommen hat", sagt er. Pädagogen bräuchten Sicherheit, um ihre Zukunft planen zu können. "Verträge müssen entsprechend angepasst und die Lehrkräfte gerecht behandelt werden."

Zudem sei es ungerecht, dass Lehrer, die sich in einem Angestelltenverhältnis befinden, deutlich weniger für dieselbe Arbeit verdienen als verbeamtete Pädagogen. Einer GEW-Schätzung zufolge könne so in einem Berufsleben ein Unterschied von bis zu einer halben Million Euro entstehen. "Wir fordern, dass sich das ändert, und Lehrkräfte gerecht bezahlt werden."

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