16.07.2021 - 17:11 Uhr
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Landesausstellung: Die letzten Zuckungen der europäischen Dynastien

Existierende Adelshäuser sorgen immer noch für viel Gesprächsstoff - der Blick ins Königreich England belegt dies. Dass allerdings nichts für ewig ist, zeigt die aktuelle Bayerische Landesausstellung "Götterdämmerung II" in Regensburg.

von Holger Stiegler (STG)Profil

Der Gegenstand an sich ist optisch relativ unspektakulär und würde normalerweise kaum ins Blickfeld rücken: Diese dreieckige, angespitzte Feile, an der ein provisorischer Holzgriff angebracht worden ist, hätte allenfalls einen historischen Zeitwert. Mit einer Gesamtlänge von etwa 17 Zentimetern würde sie in jeden Schub passen. Wenn mal allerdings erfährt, dass der Besitzer des Teils Luigi Lucheni war, dürfte man hellhörig werden. „Das war doch…“ – ganz genau, jener italienische Anarchist, der am 10. September 1898 in Genf die österreichische Kaiserin Elisabeth („Sisi“) ermordete. Die Feile war die Tatwaffe, sie ist ein Exponat der Bayerischen Landesausstellung „Götterdämmerung II – Die letzten Monarchen“, die noch bis zum 16. Januar 2022 im Haus der Bayerischen Geschichte in Regensburg gezeigt wird. Inhaltlich und zeitlich schließt die aktuelle Landesausstellung an die erfolgreiche Schau „Götterdämmerung: König Ludwig II.“ aus dem Jahr 2011 an.

Dynastien können auf verschiedene Art und Weise zu Ende gehen – freiwillig und aus eigenen Stücken, mit sanftem Druck oder in einer revolutionären Stimmung, die mit Sturz und Tod enden. Das alles kommt in der Ausstellung zum Ausdruck und wird auf vielfältige Weise dokumentiert. Zudem wird das Agieren der Herrscher gleichzeitig in Beziehung gesetzt zum Beginn der Moderne und den Schwierigkeiten der Monarchen, sich damit zu arrangieren. Die Klammer um die Ausstellung bilden Fotos, Aufnahmen und Exponate rund um zwei Begräbnisse: 1886 die Beisetzung von Ludwig II., die mit dem Beginn von dessen Mythos einhergeht, sowie 1921 die Trauerfeierlichkeiten für Ludwig III, den letzten bayerischen König. Sie bilden die zeitlich-inhaltlichen Eckpunkte der Schau, die Betonung dieser beiden Lebensenden steht aber auch symbolisch für das Ende der Monarchen insgesamt.

Weise Worte von Königin Victoria

„Heutzutage kann ein Prinz seine Position nur durch seinen Charakter behaupten. Hochmut ist höchst gefährlich“: Fast schon prophetisch muten diese Worte der legendären englischen Königin Victoria – ihre mütterlichen Wurzeln lieben in Coburg – aus dem Jahr 1868 an, die in der Ausstellung zu lesen sind. Denn in den Jahren rund um 1900 war es mit dem Glauben an das „Gottesgnadentum“ nicht mehr weit her, andere „Götter“ traten auf den Plan, die die Perspektiven der Menschen weiteten und eine neue Sicht auf die Welt eröffneten – die ausgestellten Büsten von Friedrich Nietzsche, Karl Marx, Sigmund Freud und Albert Einstein belegen dies.

Beleuchtet werden die „letzten Monarchen“ mit gut 140 Exponaten auf etwa 1000 Quadratmetern Ausstellungsfläche. So erlauben elf ausgewählte Biografien aus bayerischen, deutschen und europäischen Adelshäusern Rückschlüsse auf die Situation und die Lebensweise der hochadeligen Gesellschaft. Die Herzöge in Bayern gehören genauso dazu wie die Wittelsbacher und das Haus Coburg mit seinen Verflechtungen.

Beim Hinsehen werden dann auch ungewöhnliche Lebenswege deutlich, die in früheren Zeiten praktisch unvorstellbar gewesen wären. Carl Theodor in Bayern, der Bruder von „Sisi“, gab seine Militärlaufbahn auf und studierte Medizin – und praktizierte vor allem als Augenarzt: Ausgestellt sind ein ophthalmologisches Instrument sowie eine Auswahl von Brillengläsern in unterschiedlichen Stärken.

Gürteltier und "Pauker zu Pferd"

Nicht weniger spannend ist das Leben von Prinzessin Therese von Bayern: Die einzige Tochter Prinzregent Luitpolds führte das Leben einer Naturforscherin. Zu sehen ist ein Foto Thereses während einer Brasilien-Reise: Vermutlich handelt es sich um die einzige überlieferte Darstellung, die die Prinzessin auf einer ihrer Forschungsreisen zeigt. Mitgebracht nach München hatte sie außerdem von einer Bolivienreise ein Gürteltier, das nach dessen Tod präpariert wurde und ebenfalls zu sehen ist.

Ein eigenes Kapitel der Ausstellung gehört dem Jahr 1913, dem letzten Friedensjahr vor dem 1. Weltkrieg, der in seiner Folge die Herrschaftsstrukturen komplett verändern sollte. Der Adel und die Dynastien feierten noch einmal gemeinsam – in erster Linie sich selbst, wie verschiedene Exponate belegen: Mit viel Pomp und Prunk wurde die Hochzeit der einzigen Kaisertochter Viktoria Luise, genannt Sissy, mit dem Welfenprinzen Ernst August begangen. Ein Geschenk, das neben 224 weiteren überreicht wurde, war der knapp 65 Zentimeter hohe „Pauker zu Pferd“ aus Silber mit einem Marmorpodest aus der Werkstatt des Königlich Bayerischen Hofgoldschmieds Theodor Heiden.

Ebenfalls zu sehen sind federbebuschten Helme der deutschen Bundesfürsten, die sich in der Befreiungshalle Kelheim versammelt hatten, um an die 100. Wiederkehr der Völkerschlacht bei Leipzig und den 50. Jahrestag der Fertigstellung der Befreiungshalle zu erinnern. Auch das silberne Thronjubiläum Kaiser Wilhelms II. wurde in diesem Jahr in Berlin und im ganzen Reich festlich begangen. Die Bundesfürsten hatten beim Münchner Goldschmied Fritz von Miller ein aufwendiges Präsent für den Kaiser in Auftrag gegeben: ein aus Silber gefertigtes Wikingerschiff, das als Sinnbild des Deutschen Reichs an den Seitenwänden die 25 Wappen der deutschen Bundesstaaten zeigte. Dieses Exponat ist wohl eines der kuriosesten Stücke der Schau: Das Geschenk wurde nämlich nicht rechtzeitig fertig und konnte endgültig erst 1927 an Wilhelm überreicht werden – als dieser schon längst im niederländischen Exil weilte und die Monarchie abgeschafft war.

Service:

Nützliches rund um die Ausstellung

  • Ausstellungsdauer bis 16. Januar 2022 im Haus der Bayerischen Geschichte/Museum (Donaumarkt 1, 93047 Regensburg)
  • Geöffnet Dienstag bis Sonntag von 9 bis 18 Uhr, Montag geschlossen
  • Eintrittspreise: Erwachsene 12 Euro, ermäßigt 10 Euro. Eintritt frei u.a. für Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre sowie Schüler im Klassenverband und Studierende bis 30 Jahre
  • Empfehlung: Selbstständige Erschließung der Ausstellung mit Mediaguide und 42 Stationen, Dauer etwa eineinhalb Stunden
  • Beim Besuch gelten die aktuellen Hygiene- und Schutzbestimmungen
  • Im Katalogbuch zur Bayerischen Landesausstellung werden alle Exponate ausführlich und anschaulich erklärt, erhältlich ist es für 24 Euro im Museum oder für 29,95 Euro im Buchhandel
  • Ebenfalls erhältlich ist ein eigenes Mitmachheft für Kinder unter dem Titel „Mit Prinzessin Nene und Gustl, dem Gürteltier, durch die Bayerische Landesausstellung“ für einen Euro.
  • Stadt Regensburg bietet als Kooperationspartner der Ausstellung umfassendes Begleitprogramm an
  • Weitere Informationen: www.museum.bayern/ausstellungen/bayerische-landesausstellungen.html und www.regensburg.de/landesausstellung-2021
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