21.07.2021 - 16:34 Uhr
RegensburgDeutschland & Welt

Nicht mehr einen Job von 16 bis 67

Der Arbeitsmarkt wandelt sich. Aktuell trägt er deutliche Spuren der Corona-Krise. Künftig werden der Fachkräftemangel und der Strukturwandel die Unternehmen umtreiben, hieß es bei einem Arbeitgeber-Kongress in Regensburg.

Die Diskussionsrunde: (von links) Johann Götz (Arbeitsagentur Regensburg), Ulrich Lechte (FDP), Peter Aumer (CSU), Moderator Bertram Brossardt (VBW), Uli Grötsch (SPD) und Stefan Schmidt (Grüne).
von Hanna Gibbs Kontakt Profil

„Arbeitsmarkt 2025/Oberpfalz“ lautete der Titel der Veranstaltung, die am Dienstag von der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (VBW) organisiert wurde. Vertreter aus fünf Parteien diskutierten darüber, welche Weichen die Politik in den nächsten vier Jahren stellen muss. Vorab stellte Johann Götz von der Arbeitsagentur Regensburg aktuelle Entwicklungen vor.

Insgesamt war der Anstieg der Arbeitslosigkeit im Bereich der Arbeitsagentur Regensburg moderat. Die Arbeitslosenquote liegt derzeit bei 3,0 Prozent, Tendenz sinkend. Vor der Corona-Krise betrug sie 2,2 Prozent. Rückläufig ist durch die unsichere Lage die Zahl der Ausbildungsverträge. Dabei sei die Situation für Bewerber gut, sagte Götz. Auf jeden unversorgten Bewerber kämen 2,44 offene Stellen. Als Megatrend nannte er Digitalisierung und Strukturwandel. Ein Drittel der Arbeitnehmer würden in Jobs arbeiten, die durch Computer ersetzt werden könnten. Gleichzeitig würden aber auch neue Stellen entstehen.

Auf den Wandel stimmte auch Rainer-Michael Rößler ein: „Wir werden im verarbeitenden Gewerbe weniger Menschen brauchen, und im sozialen und gesundheitlichen Bereich mehr“, sagte der Bundestagskandidat der Freien Wähler. Deshalb müsse man die Menschen nicht nur weiterbilden, sondern auch umqualifizieren. Bundestagsabgeordneter Ulrich Lechte (FDP) stellte klar: „Man wird nicht mehr mit 16 in einen Beruf gehen und mit 67 wieder raus. Das funktioniert voraussichtlich nicht mehr.“ Lebenslanges lernen werde die Arbeitnehmer künftig begleiten, so lautete es übereinstimmend aus der Runde. Viele Weiterbildungsmaßnahmen würden wohl in den Unternehmen stattfinden. Wo das nicht möglich ist, etwa bei kleineren Firmen oder Handwerksbetrieben, würden die Arbeitsagenturen und die Volkshochschulen eine wichtige Rolle spielen, sagte Bundestagsabgeordneter Uli Grötsch (SPD). Sie müssten dann entsprechend ausgestattet werden.

Einig war sich die Runde, dass die Digitalisierung eine Chance für die Arbeitnehmer ist. Allerdings dürfe etwa die Arbeit im Home-Office nicht dazu führen, dass der Mitarbeiter rund um die Uhr für den Chef erreichbar sein muss, sagte Grünen-Bundestagsabgeordneter Stefan Schmidt. Er hoffe, dass man das in den Unternehmen ohne Regulatorik hinkriegt - sehe aber die Gefahr, dass das nicht möglich ist. Bundestagsabgeordneter Peter Aumer (CSU) wies darauf hin, dass man bei der Infrastruktur teils noch hinterherhinke. Das müsse sich ändern.

Das Thema Fachkräftemangel wird die Unternehmen weiter stark begleiten, darüber herrschte Konsens. In den nächsten fünf Jahren werden sechs Millionen Arbeitskräfte wegfallen, sagte Schmidt. Deshalb würden auch dringend Fachkräfte aus dem Ausland benötigt. Er plädierte dafür, dass Asylbewerber leichter in die Spur der Zuwanderung wechseln können. Derzeit würden gut integrierte Menschen mit Arbeitsvertrag in der Tasche abgeschoben. Das sei absurd. Rößler sprach sich dafür aus, Fachkräfte für gezielte Berufe aus dem Ausland anzuwerben, etwa nach einem Punktesystem wie in Kanada. Grötsch warnte davor, dass abgezogene Fachkräfte in ihren Herkunftsländern für eine große Lücke sorgen. Götz (Arbeitsagentur) wies darauf hin, dass es viel Engagement der Betriebe bedarf, damit Fachkräfte aus dem Ausland auch langfristig bei den Unternehmen bleiben. Er sieht den Hauptansatzpunkt in der Qualifizierung der Kräfte vor Ort.

Eine weitere Fachkräftequelle sieht die VBW bei den Frauen. Damit Frauen noch stärker auf dem Arbeitsmarkt integriert werden, brauche es familienfreundliche, flexible Arbeitszeiten, sagte Aumer. Grötsch sprach sich für bezahlbare Kitaplätze aus. In München zahle man teils 700 Euro pro Platz. Lechte forderte drei statt nur einem freien Kindergartenjahr in Bayern.

Hintergrund:

Die Zahl Älterer, die einen bezahlten Job haben, wächst.

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