Regensburg
24.07.2026 - 18:33 Uhr
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Messerattacke in Regensburg: „Und jetzt ist er nicht mehr da“

Am Tag nach der blutigen Tat in einer Regensburger Bankfiliale beginnt die Aufarbeitung. Wieso ein 58-Jähriger sterben musste, ist weiter unklar. Der Täter war wenige Stunden zuvor in Gewahrsam.

von mib

Freitagmorgen, es ist kurz nach 8 Uhr. Der Parkplatz am Rennplatzzentrum im Regensburger Westen ist bereits gut gefüllt. Die Menschen gehen einkaufen oder Erledigungen nach. Die Filiale der Hypo Vereinsbank dort bleibt heute geschlossen. Ein kleiner Klebestreifen mit Polizeistempel versiegelt die Tür. Keine 24 Stunden zuvor soll hier ein 20-Jähriger den Filialleiter mit einem Messer tödlich verletzt haben. Über die Hintergründe wird am Freitag auch am Rennplatz viel diskutiert.

Er habe am Donnerstag gerade seine letzte Runde gedreht, erzählt der Hausmeister der Anlage der Mediengruppe Attenkofer am Tag nach der Tat. Auch bei der Bankfiliale sei er gewesen. Da sei soweit alles ruhig gewesen. Dann habe er sich in sein Auto gesetzt und sei gegen 14.45 Uhr weggefahren. „Fünf Minuten später ging dann der Alarm los.“ Bald darauf war der Rennplatz großräumig abgeriegelt. Dutzende Polizeiautos mit Blaulicht standen aufgereiht entlang der Prüfeninger Straße. Einsatzkräfte hatten sich positioniert. Ein Hubschrauber kreiste über dem Rennplatzzentrum (REZ).

Keine Gefahr für die Bevölkerung

Zunächst hieß es, dass in einer Bankfiliale eine Person mit einem Messer schwer verletzt worden sei. Ob und wie viele weitere Menschen noch in der Bank waren, war unklar. Die Anwohner wurden aufgefordert in ihren Wohnungen zu bleiben. „Die haben bei mir mit Maschinengewehren angeklopft“, erzählt eine Frau am Freitagmorgen. Eine Gefahr für die Bevölkerung schloss die Polizei bald aus. In der Passage des REZ wurden Beschäftigte und Kunden allerdings gebeten, das Areal zu verlassen.

Anders war die Situation in den Geschäften direkt neben der Bankfiliale. Bei Optik Pohl durfte während des gesamten Einsatzes niemand mehr das Geschäft verlassen. „Die zwei Kolleginnen, die gestern Dienst hatten, waren mit Kundschaft hier eingesperrt“, erzählt eine Mitarbeiterin am Freitag.

Vor den Fenstern zogen sich unterdessen Einsatzkräfte zusammen. Gegen 16.50 Uhr stieß ein Zugriffstrupp hinzu. Einige davon in stichfester Kleidung und mit langen Holzstangen ausgestattet. Andere mit Maschinengewehren bewaffnet.

Währenddessen kämpfte der schwerverletzte Mann im Krankenhaus um das Überleben. Der 58-Jährige habe erst kürzlich die Position als Filialleiter übernommen, erzählt der Hausmeister. Und deutet dann auf ein paar Flecken am Boden. „Da sieht man noch das Blut. Dort hat sich der Mann wohl rausgerettet“ – und zeigt auf ein Fenster, an der Seite des Gebäudes. Der Mann sei in das Gebüsch davor gestolpert, habe sich noch auf die Straße retten können. Dort hätten ihn Rettungskräfte dann reanimieren müssen, schildert eine Anwohnerin.

Klar ist: Der 58-Jährige hat die Tat nicht überlebt. Am Donnerstag um 17.24 Uhr trat Polizeisprecher Jonas Krauss vor die Kameras und bestätigte: „Der Geschädigte ist im Krankenhaus verstorben.“

Ermittlungen noch am Anfang

Für Leonie Kummer ist das an diesem Freitagmorgen alles erst einmal egal. Die 23-Jährige arbeitet nicht weit vom Tatort entfernt in einer Sparkasse. Sie habe kürzlich ihre Ausbildung abgeschlossen. Am Donnerstag hätte sie nachmittags von einer Kundin erfahren, was ein Stück weiter los sei. „Das ist ein Kollege gewesen“, sagt sie über den Getöteten. Die junge Frau ringt mit sich, kann die Tränen aber nicht zurückhalten. „Ich habe ihn nicht gekannt, aber das war ein Kollege.“ Der sei „einfach ganz normal zur Arbeit“, so wie sie an jenem Donnerstagmorgen auch. „Und jetzt ist er nicht mehr da.“ Immer wieder legen Menschen am Freitag Blumen vor der Filiale nieder. Kerzen brennen.

Die Einsatzkräfte konnten den 20-Jährige am Donnerstag festnehmen, wie um 17.56 Uhr Polizeisprecher Jonas Krauss bestätigte. Wenig später wurde der Tatverdächtige in einem weißen Spurensicherungsanzug aus der Filiale gebracht und mit einem silbernen BMW weggefahren.

„Warum macht so ein junger Mensch das?“, lautet am Freitag die Frage rund um den Rennplatz. Die bleibt auch am Nachmittag auf der Pressekonferenz des Polizeipräsidiums Oberpfalz unbeantwortet. Keine 24 Stunden nach der Tat stünden die Ermittlungen noch ganz am Anfang, erklärt Robert Fuchs von der Kriminalpolizei Regensburg. Feststehe, dass der Tatverdächtige am Donnerstag gegen 14.45 Uhr in die Bank gekommen sei und einem Mitarbeiter einen Zettel überreicht habe. Darauf sei etwas von einem Bankraub zu lesen gewesen. Recht schnell soll der Mann dann an dem Tresen im Eingang vorbei und mit gezücktem Küchenmesser auf das spätere Opfer zugegangen sein. Fuchs spricht von mehreren Messerstichen. Und von einem „Zufallsopfer“, das keine Chance gehabt habe. Die zuständige Staatsanwaltschaft Regensburg ermittelt daher inzwischen auch wegen Mord in Tatmehrheit mit versuchter schwerer räuberischer Erpressung.

Das Opfer rettete sich dann wohl zusammen mit einem Kundenpaar und deren Kleinkind in das Beratungszimmer, aus dem sie später durch das Fenster nach draußen gelangten, erklärt Fuchs. Weitere Personen versteckten sich in den hinteren Räumen der Bank. Man habe mit ihnen dann per Telefon Kontakt gehabt. Später konnten sie unverletzt evakuiert werden. Der Täter wurde beim Zugriff schließlich widerstandslos auf einer Toilette der Bank festgenommen. Zuvor soll er versucht haben, das mutmaßliche Tatmesser an einem Waschbecken zu säubern.

Fuchs äußert sich zurückhaltend zum Zustand des 20-Jährigen. Er habe sich nach der Festnahme grundsätzlich normal verständigen können. Es habe dahingehend keine Auffälligkeiten in Bezug auf eine psychische Erkrankung oder Rauschmittel gegeben. Genaueres muss ein psychiatrisches Gutachten ergeben.

Unbefristetes Waffenbesitzverbot

Laut Polizeivizepräsident Erwin Frankl, der den Einsatz am REZ geleitet hatte, war der junge Mann in der Vergangenheit wiederholt polizeilich in Erscheinung getreten. So sei er früher immer wieder unpünktlich in einer Einrichtung der Kinder- und Jugendhilfe erschienen. Nachdem er 2022 mit einem Einhandmesser von der Polizei bei einer Kontrolle erwischt wurde und 2023 mit einem Elektroschocker, habe die Stadt Regensburg gegen ihn ein unbefristetes Waffenbesitzverbot verhängt.

Die vergangenen zwei Jahre habe er dann in Berlin gelebt und sei erst im Juni zurück nach Regensburg gekommen, berichtet Fuchs. In der Nacht direkt vor der Tat tauchte der 20-Jährige dann plötzlich bei der Polizeiinspektion Regensburg Süd auf und erklärte, er habe im Stadtgebiet mehrere Autos beschädigt – laut Fuchs konnte das nicht bestätigt werden. „Der Beschuldigte war aus dem Gewahrsam zu entlassen, Haftgründe lagen nicht vor“, erklärt Frankl.

Die Geschehnisse zwischen 8 Uhr morgens und der Tat um 14.45 Uhr sind derzeit noch Gegenstand der Ermittlungen. Obwohl die Polizei bereits die Wohnung des Mannes durchsucht und zahlreiche Zeugen befragt hat, bleibt das Motiv unklar. Auf Nachfragen distanzierte sich Fuchs von jeglichen Spekulationen – zumal der Tatverdächtige von seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch gemacht habe.

Es sei schwer, von einem erfolgreichen Einsatz zu sprechen, merkte losgelöst von den Ermittlungen Erwin Frankl an. Schließlich ist am Donnerstag ein Mensch verstorben. Der Einsatz selbst, an dem rund 370 Kräfte beteiligt waren, sei aber „schnell und professionell“ erfolgt. Schon wenige Minuten nachdem der Notruf eingegangen war, seien Beamte vor Ort gewesen. Der Tatverdächtige sitzt inzwischen in Untersuchungshaft.

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